Kirchenjahr

Dem Geheimnis auf der Spur

Die Personen stehen in bunten Kostümen auf der Bühne, singen und tanzen.

Beim diesjährigen Gemeindeball unter dem Motto „Oldies, but Goldies“ ehrten Mitglieder der traditionellen Narrenzunft - als Goldplätzler verkleidet - die Ritter der Schwafelrunde in ihren bunten Hemden samt ihren Frauen (l.) mit dem Jahresorden der Zunft und tanzten gemeinsam zum "Gute Laune-Lied" - Foto: Ritter der Schwafelrunde

Was es mit den Rittern der Schwafelrunde auf sich hat und weshalb sie in der Fasnet von Altdorf-Weingarten nicht mehr wegzudenken sind.

Altdorf, der Flecken zu Füßen der Weingartener Basilika, zählte unter den Welfen, Staufern und Habsburgern nicht zu den unbedeutendsten im Ländle. In die bewaldete Landschaft hinter der ehemaligen Benediktinerabtei gruben verschiedene Bäche im Laufe der Jahrtausende tiefe Täler. In grauer Vorzeit krönten einige Burganlagen die Anhöhen dazwischen. Ihre Ritter lebten sehr zurückgezogen, versammelten sich aber jeden Monat einmal auf der Burg Wildenegg hoch über dem Lauratal zum Schwafeln, eine Kombination aus schwätzen und tafeln - also vespern und bechern. Immer zu Jahresbeginn gesellte sich auch der Altdorfer Narr mit seinem bunten Plätzlergewand zu ihnen, um sie mit aktuellen Neuigkeiten aus dem Flecken zu versorgen, was ihre Schwafelfreude hörbar steigerte.

Eines Tages - der Mond stand im Hornung und der Kalender zeigte die fünfte Jahreszeit an - packten die versammelte Ritterschaft Zweifel und Neugier. Die Herren beschlossen sich zu verkleiden und sich gemeinsam mal ins Getümmel der Stadt zu stürzen. Sie wollten unerkannt auf den Straßen und in den Tavernen die oft unglaublichen Erzählungen des Narren selbst überprüfen.

So war das aber nicht.

Andreas Schwab unterbricht die Fantasie des Verfassers dieser Zeilen jäh. „Alles begann 2008 mit einem Männerballett für den Kinderball der Kirchengemeinde St. Martin“, erklärt das Gründungsmitglied der Ritter der Schwafelrunde ganz lapidar. Die Programmverantwortlichen suchten damals in ihrer Familie und im Kirchengemeinderat nach Männern, die - von einer Tanzschule trainiert - als Küken über die Bühne hüpfen sollten.

Wie aus Küken Ritter wurden

Was? Keine mittelalterliche Tradition? Keine heldenhaften Ruhmestaten? Letzteres vielleicht doch. „Viele von uns kannten sich vorher schon, einige kamen hinzu“, bemerkt Andreas Schwab. Die Tänzer hätten sich jedenfalls gut verstanden und so viel Spaß am Kükenballett gehabt, dass sie es spontan auch beim Erwachsenenball der Kirchengemeinde aufführten. Dieser hatte damals bis auf den legendären Sketch der Ministrant:innen zu vorgerückter Stunde besuchermäßig einen Durchhänger. Bereits 2009 übernahmen die Männer dann die Moderation des Gemeindeballs, malten zusammen mit ihren Frauen eine imposante Kulisse aus Basilika sowie weiteren prägnanten Gebäuden der Stadt und belebten die Veranstaltung neu. Das Motto lautete damals „Ritter“. Wolfgang Reck verfasste dafür einen Sketch über die „Ritter der Schwafelrunde“ und das heiß diskutierte Burgen-Aufbaufördergesetz (BAföG).

Ritter brauchen eine Burg. Die Schwafler wählten Wildenegg zu der ihrigen, obwohl von der Anlage fast kein Stein mehr übrig ist. Dennoch packen die Männer einmal im Jahr Schwarzwurst, Senf und Bier ein und verlegen ihren monatlichen Stammtisch an den idyllischen Ort im Wald. Ab Herbst dreht sich bei ihnen dann alles um die nächste Fasnet. Dieses Jahr blicken sie unter dem Motto „Oldies but Goldies - Altdorf goes Retro“ auf das Geleistete zurück und übergeben die Moderation des Gemeindeballs in jüngere Hände aus den Reihen der ehemaligen Ministrant:innen. Beim Ball selbst, bei der Brunnenputzete und den Kneipenbesuchen in der Hauptfasnet nehmen die Ritter - wie andere Gruppen der Weingartener Kirchengemeinden - jedoch weiterhin die Stadtereignisse aufs Korn. Außerdem tragen sie inzwischen Verantwortung für den katholischen Teil des Weinbergs unterhalb der Basilika.

Engagiert und der Heimat verbunden

Auf einen offiziellen Ritterschlag warten die Mitglieder der Schwafelrunde bis heute. Dennoch übernahmen und übernehmen viele von ihnen beruflich und ehrenamtlich bedeutende gesellschaftliche Aufgaben. Andreas Schwab lehrt Geographie an der Pädagogischen Hochschule, Dirk Polzin unterhält Menschen im Radio und Wolfgang Reck war bis letztes Jahr gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderats. Andere vertreten die Region im Bundestag, sitzen im Rathaus als Bürgermeister oder verarzten nicht nur am Blutfreitag Tiere. Auch so mancher Ex-Basilika-Vikar bleibt im Kontakt zu den Rittern, darunter der letzte Prior des 2010 aufgelösten Klosters, Pater Pirmin Meyer. „Die Identität mit der Weingartener Heimat verbindet uns“, betont Andreas Schwab, „und das gemeinsame Fundament in der Kirche.“

Ist das Vorbild der ritterlichen Schwafelrunde aus dem Mittelalter also wirklich nur eine Fantasie des Autors? Vor einigen Jahren meldete sich ein Nachfahre der Herren von Wildenegg beim Stadtarchiv Weingarten, berichtet Andreas Schwab. Ed K. war in vorgerücktem Alter, lebte in den USA und hatte einen letzten großen Wunsch: Er wollte unbedingt die Burg Wildenegg, den Stammsitz seiner Ahnen, besuchen. In seiner Not verwies ihn der Archivar an die Fasnets-Ritter. Diese empfingen den Senior mit seiner Frau standesgemäß und begleiteten ihn auf die Anhöhe, wo einst die Burg stand. Dass er im dichten Herbstlaub vergraben plötzlich über das Gemälde eines Ritters in Rüstung stolperte, das ihm verdächtig ähnelte, war die Sensation des Tages. Beweis für eine historische Schwafelrunde? Das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

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