Soziales

Der Kirche ein Dorf geben

Gruppenfoto beim Quartiersbaum an der Metallstele, auf der die Projektpartner eingraviert sind.

Unter den Projektpartnern und Ehrengästen befinden sich Landtagsabgeordneter August Schuler (3.v.r.), rechts daneben Tettnangs Bürgermeister Bruno Walter und Weihbischof Matthäus Karrer; Thorsten Gaißer unter dem Baum vertritt die Nachbarn, rechts neben ihm Projektinitiator Prälat Rudolf Hagmann, Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha und Pfarrer Hermann Riedle sowie mit hellem Oberteil Seelsorgerin Maria Schuster - Foto: DRS/Waggershauser

Das St. Anna Quartier feiert zwei Jahre nach der Fertigstellung ein Fest - Weihbischof Matthäus Karrer bittet um Gottes Segen.

Bis die kirchliche Verwaltung das Tettnanger Projekt abgesegnet hatte, sei viel Überzeugungsarbeit notwendig gewesen. Das berichtete der Rottenburger Weihbischof Matthäus Karrer, der am Freitag für das St. Anna Quartier um Gottes Segen bat. Fünf kirchliche, kommunale und genossenschaftliche Partner hatten rund um die St-Anna-Kapelle etwa 130 bezahlbare Wohnungen geschaffen für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Behinderung, für Jung und Alt. Die letzten Bewohnerinnen und Bewohner sind bereits 2020 eingezogen, aber wegen der Coronapandemie musste die offizielle Einweihungsfeier warten.

Ursprünglich sei auf dem kirchlichen Grundstück rund um das 1513 errichtete Gotteshaus ein katholisches Gemeindezentrum geplant gewesen, verriet Bürgermeister Bruno Walter in seinem Grußwort. Prälat Rudolf Hagmann, der Vorgänger Karrers als Leiter der Pastoralen Konzeption in der Diözese und damaliger Pfarrer in St. Gallus, brachte mit den Kirchengemeinde die Idee auf den Weg: Lasst uns der St.-Anna-Kapelle ein Dorf geben. Erste Planungen bezogen den größten kirchlichen Sozialpartner in der Region, die Stiftung Liebenau ein. Mit dem Wunsch, doch die ganze Fläche zu bebauen, brachte der Bürgermeister die Stadt Tettnang ins Boot. Der Bau- und Sparverein Ravensburg sowie die Baugenossenschaft Familienheim aus dem Schwarzwald ergänzten schließlich das Trio.

Kirche muss umdenken

„Die Kirche hat ein wunderbares Dorf bekommen“, stellte der Weihbischof in seiner Rede fest - ein Vorzeigeprojekt für die ganze Diözese. Die Ausgangssituationen und die Partner seien an anderen Orten unterschiedlich. Es funktioniere aber nur, wenn die Kirche nicht dominiere, sondern auf Augenhöhe zusammenarbeite. Von Genossenschaften könne sie lernen, dass Ertrag nicht nur monetär sei, sondern auch gesellschaftlicher Zusammenhalt. Diesem dienten laut Karrer auch die städtische Quartiersmanagerin Mareike Labourdette und Quartierseelsorgerin Maria Schuster. „Sie setzen Rahmenbedingungen, damit andere ihre Begabungen entfalten können“, beschrieb der Weihbischof ihre Aufgabe.

„Weg von der Verwaltungskirche, hin zur Jesusbewegung“ nannte Karrer den notwendigen Umdenkprozess, der nicht allen leichtfalle. Die Tettnanger quittierten seine Aussage mit Beifall und auch der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha griff den Ball in seiner Festrede auf. Er zitierte seinen Lieblingslyriker Erich Fried: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“ Und der Politiker prophezeite der von Karrer skizzierten Jesuskirche wieder mehr Bedeutung, während die Herrschaftskirche verliere. Lucha versicherte, dass das Land mit der Kirche noch mehr solche Projekte wie in Tettnang machen wolle, damit Menschen, die im Wettbewerb keine Chance hätten, würdevoll leben könnten.

Gemeinschaftssinn trotzt Corona

Die zwischen 2018 und 2020 errichteten Gebäude umschließen die St.-Anna-Kapelle und einen großen Platz mit Obstbäumen, Wiesen und vielen Blumen. Der runde Pavillon in ihre Mitte und Spielplätze dienen den 412 Bewohnerinnen und Bewohnern aus 36 Nationen - darunter 32 Jugendliche mit erhöhtem Betreuungsbedarf - als Treffpunkte. Maria Schuster freut sich über das bunte Leben im Quartier, obwohl Corona den Start ziemlich erschwert hatte. Umso mehr sei sie erstaunt gewesen, was trotz der reduzierten Begegnungsmöglichkeit gewachsen sei.

Die Theologin erzählte, wie die Jugendlichen der Stiftung Liebenau Älteren selbstverständlich beim Einsteigen in den Bus mit dem Rollator helfen. Oder von einem selbstständig organisierten Kleinkindertreff und einer Nikolausfeier in eisiger Kälte mit Präsenttüten der AG Jung und Alt des Montfortgymnasiums. Das wöchentliche Café am Dienstag sei wichtig. „Denn die Leute brauchen einen Begegnungsort außerhalb der Wohnung“, weiß die Seelsorgerin, die bei ihrer Arbeit nicht nach der Konfession fragt. Damit das Leuchtturmprojekt nach Auslaufen von Schusters dreijähriger Projektphase in Tettnang Bestand hat, segnete die Diözese übrigens ihre Stelle nun dauerhaft ab.

Video vom Besuch auf der Baustelle im Dezember 2019

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