Früher waren es oft nicht berufstätige Frauen, die große Teile des Ehrenamts - auch des kirchlichen - gestemmt haben. Heute bringen sich häufig noch rüstige Rentner:innen ein. Deren Anteil an der Bevölkerungszahl nimmt in den kommenden Jahren zu. Aber wie sieht es mit ihrem Engagement aus? Was Menschen am Übergang in den Ruhestand suchen und brauchen, darüber spricht die Individualpsychologische Beraterin Judith Manok-Grundler im Interview.
Frau Manok-Grundler, die Generation der „Babyboomer“ verabschiedet sich nach und nach in den Ruhestand. Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Es geht für die Wirtschaft, das Handwerk und die sozialen Berufe viel an Fachwissen, Kompetenzen und Fähigkeiten verloren, die sich die Menschen im Lauf ihres Berufslebens erarbeitet haben. Und das in einer Zeit, in der es überall an Fachkräften und Personal mangelt. Die zu füllende Lücke an Arbeitskräften wird größer und größer. Für die Gesellschaft wird auch wichtig sein, wie die „Babyboomer“ sich in der Rente verhalten. Sind sie aktiv und gesund und bringen sich ein, ist das für die Gesellschaft ein großer Schatz. Allerdings muss dafür auch etwas getan werden, es muss Chancen und Räume dafür geben.
Sie haben das Problem benannt. Der Arbeitsmarkt möchte daher, dass Senior:innen noch länger berufstätig sind, Betroffene wollen eher vor dem 67. Lebensjahr in Rente. Was treibt Menschen, die sie begleiten, in dieser Lebensphase um?
Was ich sehe und erlebe, ist beides. Menschen, die gar nicht früh genug mit der Arbeit aufhören können, und Menschen, die gern weiterarbeiten wollen - zumeist mit einer deutlich gesenkten Arbeitszeit. Ersteres hat oft mehrere Gründe, beispielsweise wenig Anerkennung oder das Gefühl von Überforderung am Arbeitsplatz. Ursachen können neue Technologien oder zu viel Bürokratie sein, aber auch die Haltung manch jüngerer Führungspersonen, die ihnen vor die Nase gesetzt werden, oder Umstrukturierungen in der Firma, die Gewohntes über den Haufen werfen. Die Menschen wollen dann endlich selbstbestimmt leben.
Und diejenigen, die weitermachen wollen?
Viele Menschen spüren, dass sie etwas geben können und die Lust am Arbeiten noch vorhanden ist. Für sie war das Berufsleben eine persönliche Erfüllung. Die fürchten sie zu verlieren. Damit kommt auch die Frage auf: Was mache ich, wenn das wegfällt? Außerdem geben sowohl das Weiterarbeiten als auch ein mögliches Ehrenamt eine Tagesstruktur.
Routinen helfen den Menschen. Sie haben weiterhin soziale Kontakte, was vor Einsamkeit schützt und das Gefühl von Selbstwirksamkeit vermittelt. Dazuzugehören ist eine wichtige Triebfeder.
Wie können Sie als Beraterin Menschen beim Übergang in den Ruhestand unterstützen?
Zunächst einmal höre ich zu und und versuche, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal wissen die Menschen, die zu mir kommen, gar nicht genau, was sie an- oder umtreibt. Dann ist es mir wichtig, im Gespräch zu sein, Fragen zu stellen, sich von Wünschen und Ängsten erzählen zu lassen. Als Nächstes schauen wir gemeinsam, was ihnen im Beruf wichtig war, welche Kompetenzen sie sich erarbeitet haben, welche Dinge es ihnen schwer machen, das Arbeitsleben hinter sich zu lassen. Und schließlich stellt sich die Frage: Wie können ihnen diese Dinge im Ruhestand helfen?
Wie gehen Sie mit denjenigen um, die sich ihr Leben lang über den Beruf definiert haben?
Das sind vor allem Männer. Wir schauen nach ihren Träumen: Was wollten sie immer schon einmal machen? Was davon geht noch, was geht nicht mehr? Was kann stattdessen sein und wie viel Zeit können oder wollen sie dafür einsetzen? Es soll auf jeden Fall Freude machen. Bei all dem geht es darum, den Menschen mit all seinen Fragen, Unsicherheiten, Ängsten und Erfahrungen anzunehmen und ihn zum eigenen Weg zu ermutigen. Denn der Ruhestand ist nichts, was einfach kommt und ist. Der Ruhestand kann so individuell sein wie der Mensch.
An zentralen Lebenswendepunkten spendet die Kirche Sakramente wie Taufe, Firmung und Trauung. Bräuchte es an der Schnittstelle zwischen Erwerbsarbeit und Ruhestand nicht auch eine religiöse Feier?
Da bin ich mir unsicher. Ich erlebe momentan eher Menschen, die mit einer religiös-sakramentalen Feier zum Ruhestand nicht viel anfangen könnten. Wenn die Frage auf einen „Ruhestand-Feier-Gottesdienst“ abzielt, sage ich daher Nein.
Was ich gut fände, ist das Angebot eines „Übergangs-Rituals“ in drei Schritten: Das Alte in den Blick nehmen, würdigen und sich davon verabschieden. Dann das Ausblicken auf das Neue mit allen Fragezeichen, die da sind. Und danach gesegnet erste Schritte ins Neuland gehen.
Wenn Kirchen oder kirchliche Bildungsträger so etwas anbieten, könnte das tatsächlich eine Hilfe sein.
In einem Kursangebot der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) ermutigen Sie im Blick auf die Rente, die Segel neu zu setzen. Was kann das konkret bedeuten?
In den beiden Teilen des Seminars, die ich anbiete, werden wir uns mit Biographiearbeit beschäftigen. Schreibend erkunden die Teilnehmenden an zwei Nachmittagen, über welche Schätze und Kompetenzen sie durch ihre Erwerbsarbeit verfügen und wie es gelingen kann, diese im Ruhestand sinnstiftend einzusetzen. Neben der Rückschau wird der Ausblick wichtig sein. Wir träumen auf dem Papier, suchen mit dem Stift Spuren des Neuen und überlegen, was jede und jeder braucht, um neue Schritte zu gehen.




