Ökumene

„Der Umgang mit der religiösen Indifferenz stellt die größte Herausforderung dar“

Konstituierende Sitzung der Landessynode. Bischof Dr. Krämer, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landesbischof Gohl beim Gottesdienst. Foto: ELK/ Gottfried Stoppel

Foto: ELK/ Gottfried Stoppel

Bischof Dr. Klaus Krämer bei seiner Begrüßungsrede auf der Landessynode. Foto: ELK/ Gottfried Stoppel

Konstituierende Sitzung der Landessynode ist mit Friedensgebet zu Ende gegangen. Bischof Krämer betont die Gemeinsamkeiten der beiden großen Kirchen.

Die im Dezember neu gewählte 17. Württembergische Evangelische Landessynode hat am 28. Februar ihre Konstituierende Sitzung abgehalten. Die Legislaturperiode dauert sechs Jahre. Die Synodalen entschieden bei der Tagung im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart unter anderem über die Synodalpräsidentschaft sowie über die Einrichtung und Besetzung ihrer Geschäftsausschüsse. Zur Präsidentin wurde Sabine Foth gewählt, die dieses Amt auch schon in der 16. Landessynode innehatte.

„Der Umgang mit der religiösen Indifferenz“ 

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl predigte im Eröffnungsgottesdienst der Tagung über 2. Korinther 6,1-10 und erinnerte daran, dass die Gemeinde in Korinth „ausgesprochen heterogen“ und unübersichtlich gewesen sei. Einzelne Gruppierungen hätten sich abgegrenzt, “unfähig zum Miteinander, dann haben sie Christus vergessen.“ Dabei seien unterschiedliche Frömmigkeitstradition und Glaubenserfahrungen und eine Gemeinde, die sich auf Christus gründe und in Christus ihre Einheit behalte, auch “die große Stärke einer Volkskirche“. Mit Blick auf die kommenden sechs Jahre der 17. Landessynode betonte Gohl, eine der großen Herausforderungen werde „der Umgang mit der religiösen Indifferenz“ sein. Man habe es nicht „mehr mit einem feurigen Atheismus zu tun, sondern einer Gleichgültigkeit und dem Gefühl, dass nichts im Leben fehlt, wenn Gott fehlt.“

„Wir brauchen Kirchen, die die Gesellschaft in unseren Zeiten des Umbruchs begleiten"

Zudem hörten die Mitglieder der Synode mehrere Grußworte, unter anderem von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Winfried Kretschmann betonte in seinem Grußwort mit Blick auf die Gesellschaft: „Wir brauchen Kirchen, die die Gesellschaft in unseren Zeiten des Umbruchs begleiten, mit tiefgründigen Impulsen, die einen klaren Wertekompass mit Lebensklugheit und konstruktiver Kritik verbinden. Mit ihrer anwaltlichen Stimme für Freiheit und Demokratie, für Gleichheit, für Rechte, für Toleranz und Frieden. Und mit einer Haltung, die Respekt, Resonanz und Vertrauen nicht nur predigt, sondern selbst lebt.“ 

“Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen sind für uns immer wieder ein Ansporn”

Bischof Dr. Klaus Krämer von der Diözese Rottenburg-Stuttgart berichtete in seinem Grußwort von den Entwicklungen der Synodalität in der Römisch-Katholischen Kirche sowohl auf der Ebene der Weltkirche als auch auf der Ebene der Katholischen Kirche in Deutschland. Krämer sagte, beim Thema Synodalität seien die Ostkirchen, „aber auch die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen für uns immer wieder ein Ansporn.“ „Synode auf Evangelisch und Synode auf Katholisch“ würden „unterschiedlich buchstabiert“, gemeinsam sei aber „das Anliegen, dass die Repräsentanz aller Gruppen und Gruppierungen unserer jeweiligen Kirche bei der Besetzung und der Beschlussfassung der wichtigen Themen unverzichtbar ist.“

„Je chaotischer die Welt um uns herum wird, umso mehr braucht die Welt ein festes Fundament"

Karl Kreß, Vizepräsident der badischen Landessynode, sprach in seinem Grußwort über den vermeintlichen Rückgang der Bedeutung von Kirche: „Wenn ich die Presse lese, wenn ich die Kirchenaustritte sehe, scheint es so, als hätte Kirche keine Bedeutung mehr.“ Aber genau das Gegenteil sei der Fall: „Je chaotischer die Welt um uns herum wird, umso mehr braucht die Welt ein festes Fundament. Deshalb bin ich froh, heute bei Ihnen sein zu dürfen. Hier treffen sich Menschen, die wissen, dass der Herr der Kirche Jesus Christus ist und die deshalb im Vertrauen auf ihn ihr verantwortungsvolles Amt ausüben wollen.“ Kreß zitierte Odo Marquard: „Gerade in einer Welt mit hoher Innovationsgeschwindigkeit sind alte Lebensformen am wenigsten veraltungsanfällig, weil sie schon alt sind. Je schneller das Neueste zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden; jeder weiß das, der nur ein wenig länger schon lebt.“ Deshalb, so Kreß, sei der Königsweg, „mit Augenmaß aber eben auch im Vertrauen in die Zukunft zu gehen“. 2000 Jahre Christentum mit ihren vielen Aufs und Abs könnten uns da Lehrer sein. „Und ja, ich vertraue darauf, dass Jesus seine Kirche nicht hängen lässt, sondern dass es einen Ruck durch die europäische Christenheit geben wird.“

Sichtbare christliche Präsenz bewahren

Pfarrer Dr. Haroutune Selimian, Oberhaupt der Armenisch-Protestantischen Kirche in Syrien (Aleppo), wies darauf hin, dass die Synodaltagung am Vorabend des Reminiszere-Sonntags stattfinde, „an dem Kirchen in der gesamten EKD für die Menschen in Syrien und für die Christen in unserem Land beten“. Selimian sagte, seine Kirche sei dankbar für die enge Zusammenarbeit mit dem Gustav-Adolf-Werk (GAW). Diese Partnerschaft sei „für uns sehr wichtig und bleibt ein konkreter und treuer Ausdruck christlicher Solidarität, der unsere Kirchen und Dienste in einer Zeit großer Verletzlichkeit stärkt.“Die Lage in Syrien sei instabil. Für Christen aller Konfessionen seien die Herausforderungen sowohl m aterieller als auch pastoraler Natur. „Wir möchten Familien begleiten, die Schwächsten unterstützen und eine sichtbare christliche Präsenz bewahren, die der Gesellschaft dient und mit Verantwortung und Hoffnung Zeugnis für Christus ablegt“, so Selimian, „In Aleppo sind unsere Kirchen weiterhin aktive Orte der Gottesverehrung, der Gemeinschaft und der Seelsorge. Unsere Bildungseinrichtungen, darunter unsere armenisch-evangelische Sekundarschule, setzen ihre Mission unter schwierigen Bedingungen fort.“ Bildung bleibe ein zentraler Bestandteil „des Engagements für die Zukunft unserer Gesellschaft“.

Isabelle Gerber, Präsidentin der Union des Églises protestantes d’Alsace et de Lorraine, wies in ihrem Video-Grußwort darauf hin, dass beide Kirchen mit denselben Herausforderungen zu tun hätten. Auch ihre Kirche müsse Gelder kürzen und Prioritäten setzen und habe sich für die Schwerpunkte Evangelisation, Jugend und Demokratie entschieden.

Beim Abschluss der Synodaltagung sprach Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl aus Anlass des aktuellen Kriegs im Nahen Osten ein Friedensgebet.

Text: Dan Peter, Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

„Wir brauchen Kirchen, die die Gesellschaft in unseren Zeiten des Umbruchs begleiten“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält Grußwort bei Konstituierender Sitzung der 17. Württembergischen Evangelischen Landessynode 


 „Wir brauchen Kirchen, die die Gesellschaft in unseren Zeiten des Umbruchs begleiten, mit tiefgründigen Impulsen, die einen klaren Wertekompass mit Lebensklugheit und konstruktiver Kritik verbinden. Mit ihrer anwaltlichenStimme für Freiheit und Demokratie, für Gleichheit, für Rechte, für Toleranz und Frieden. Und mit einer Haltung, die Respekt, Resonanz und Vertrauen nicht nur predigt, sondern selbst lebt.“ Das sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Grußwortbei der Konstituierenden Sitzung der 17. Württembergischen Evangelischen Landessynode am 28. Februar in Stuttgart. 

Gemeinsame Werte und Haltungen

Kretschmann stellte fest, infolge eines starken Säkularisierungsschubs sei „immer weniger Menschen bewusst, dass wir entscheidende gemeinsame Werte und Haltungen dem christlichen Glauben zu verdanken haben“ und „immer wenigerunsere christlich imprägnierte Kultur, die Kirchen, die Kunstwerke, die Symbole, die Sprachmetaphern zu verstehen vermögen“. Kretschmann sei sicher: „Wir werden alle spüren, wenn in unserer Gesellschaft die Imprägnierung durch den christlichen Glauben undGeist nachlässt. Der Ton wird rauer werden, der Umgang härter, die Sichtweise enger. Und das spüren wir schon jetzt. Meinungsunterschiede werden ruppiger ausgetragen mit Beschimpfungen, Diffamierungen, manchmal sogar mit Gewalt.“ 

“Es geht um die Menschen”

Dies führe in den Kirchen zu leidenschaftlichen Debatten, „wie man in einer säkularen und immanenten Welt von Gott sprechen solle“. Dies sei gut so, aber wichtig sei, dass diese Debatten nicht die Welt draußen aus dem Blickverlieren.“ Denn Kirche sei „für die Welt da, für die ganze Welt", „für alle, für das Ganze“. „Denn es geht um die Menschen, um ihre Fragen, Nöte und Hoffnungen. Zukunftsängste und Belastungen führen weniger zu Solidarisierung, sondern eher zu Ausgrenzung.Hetzer, Populisten, Nationalisten versuchen, unser Miteinander aufzubrechen. Also auch unser freiheitliches, demokratisches Gemeinwesen ist bedroht.“ 

„Der christliche Glaube verleiht unserer ganzen Gesellschaft grundsätzliche Dimensionen, Kultur, Humanität, Transzendenz und besonders Vertrauen“ 

Kretschmann fuhr fort: „Die Bewahrung der Schöpfung, die Nächstenliebe und die Weitergabe der frohen Botschaft an künftige Generationen sind für die Christinnen und Christen ihre tätige Mitarbeit am Schöpfungswerk Gottes undam Erlösungswerk Jesu Christi. Für die säkulare Gesellschaft aber sind sie wichtige Impulse, die unsere Haltung zur Welt, zur Gesellschaft und zur Geschichte positiv verändern. Nicht einfach die Natur auszubeuten, sondern Verantwortung für unsere Erde zu übernehmen.Nicht nur an uns selbst zu denken, sondern Verantwortung für das Ganze, für das Gemeinwohl zu übernehmen, nicht nur im Jetzt zu leben, sondern Verantwortung für künftige Generationen zu übernehmen.“ Man sehe daran: „Der christliche Glaube verleiht unserer ganzen Gesellschaft grundsätzliche Dimensionen, Kultur, Humanität, Transzendenz und besonders Vertrauen.“ 

In den entscheidenden Momenten präsent

Kirchen erführen „immer dann große Wertschätzung, wenn sie wesentlich auf der Höhe der Zeit und der Lebenswirklichkeit sind. Also wenn sie auf unsere grundlegenden Fragen eingehen nach Leben und Tod, Sinn und Hoffnung, Freiheit und Verantwortung. Wenn sie in entscheidenden Momenten präsent sind und in Zeiten der Not, der Krankheit, des Todes. Aber auch wenn sie die Menschen mit Freude und Zuversicht begleiten, wenn sie ins Leben treten, wenn sie erwachsen werden,wenn sie eine Partnerschaft begründen, also mit Segen und Sakramenten, und wenn sie für unsere drängenden Themen ansprechbar sind, bei denen wir Zuwendung und Begleitung brauchen und Deutung.“

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