Schulen

Die große Chance

Religionsunterricht bietet die Chance zur Reflexion der eigenen Identität, sagt Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr. Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Rainer Mozer

Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr spricht über die Bedeutung des Religionsunterrichts und eine große Veranstaltungsreihe zum Thema.

Ute Augustyniak-Dürr leitet die Hauptabteilung "Schulen" im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Im Interview spricht die Ordinariatsrätin über die Hintergründe einer in diesen Tagen beginnenden Veranstaltungsreihe der vier großen christlichen Kirchen in Baden-Württemberg zur Bedeutung des Religionsunterrichts. 

Frau Augustyniak-Dürr, weshalb legen die evangelische und katholische Kirche in Baden-Württemberg den Schwerpunkt in den kommenden Tagen auf die Bedeutung des Religionsunterrichts?

Unsere Zeit ist von vielfältigen Krisen gekennzeichnet, und auch die Kirchen stehen derzeit in der Kritik. Da ist auch der Religionsunterricht mitbetroffen. Aber für die Bildung junger Menschen kommt diesem eine oft unterschätzte Rolle zu. Denn es geht ja nicht nur darum, die immer noch zu verzeichnenden Lernrückstände aus der Coronazeit aufzuholen und die Bildungsstandards  ̶  vor allem in den PISA-relevanten Fächern  ̶  zu erreichen. Gerade in Krisenzeiten ist auch der Reflexionsraum für gegenwartsrelevante Fragen und Probleme, für grundlegende Sinn- und Orientierungsfragen wichtig. Diese große Chance, die gerade der Religionsunterricht in dieser Hinsicht für die Bildung junger Menschen hat, wollen wir deutlich machen und darüber mit möglichst vielen Menschen aus Politik und Gesellschaft ins Gespräch kommen.

Die Veranstaltungsreihe steht unter der Überschrift ‚Egal?‘. Wird der Religionsunterricht öffentlich zu wenig wertgeschätzt?

Die Religion insgesamt wird immer weiter ins Private zurückgedrängt, als sei es egal und irrelevant, was man glaubt oder nicht glaubt. Das trifft auch den Religionsunterricht, der auf diesem Hintergrund immer wieder neu plausibilisiert werden muss. Das ist anders als etwa beim Matheunterricht, dessen Bedeutung nie angezweifelt wird. Aber de facto prägen uns unsere Grundüberzeugungen, unsere Hoffnungen und Ängste, das, was uns ‚heilig‘ ist, ganz tief. Das müssen wir in den Diskurs, ins Gespräch und in die Bildung einbringen, weil es sowohl uns selbst und unser Leben als auch unsere Fähigkeit zusammenzuleben beeinflusst. Mit der Frage 'Egal?' wollen wir zum Nachdenken und zum Gespräch anregen. 

Wie würden Sie die Bedeutung des Religionsunterrichts auf den Punkt bringen?

Der Religionsunterricht ist ein kleines Fach mit seinen zwei Wochenstunden im Alltag der Schule, aber er stellt in seinen lebensrelevanten und glaubensbezogenen Themen große Fragen. Er bietet die Chance zur Reflexion der eigenen Identität, ihrer Einbettung in Religion, Kultur, Gesellschaft und Welt.

Religionsunterricht thematisiert Fragen der Gemeinschaft und des Zusammenlebens, den Umgang mit Differenz und Konflikten. Welche Bedeutung kommt dem heute zu?

Es ist unbestritten, dass unsere Gesellschaft immer heterogener wird. Diese Vielfalt ist eine Herausforderung, der wir nur gewachsen sind, wenn wir den Umgang damit einüben. Anders ist ein friedliches, tolerantes Zusammenleben in Verschiedenheit nicht möglich. Die Schule ist als Mikrokosmos der Gesellschaft ein Erfahrungs- und Gestaltungsraum, zum Beispiel durch die Reflexion der eigenen Prägungen und Überzeugungen, durch das Kennenlernen anderer Lebensweisen und Weltanschauungen, eine probeweise Perspektivübernahme, mittels derer Empathie eingeübt werden kann. Für den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht haben wir das auf die Kurzformel gebracht: 'Gemeinsamkeiten stärken  ̶  Unterschieden gerecht werden'.

Inhaltlich ermöglicht es der Religionsunterricht den Schüler:innen, sich mit Grundfragen des Lebens auseinanderzusetzen. Wie beurteilen Sie das vor dem Hintergrund aktueller Krisen, aber auch ethischer Herausforderungen, wie sie sich beispielsweise rund um das Thema der künstlichen Intelligenz ergeben?

Es geht immer wieder um die vier Grundfragen, die Immanuel Kant formuliert hat: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Und ich stelle fest, dass wir die Frage, die uns alle in Krisen und Gefahren am meisten umtreibt: 'Was darf ich hoffen?' viel zu wenig ins Gespräch bringen. Denn wir alle brauchen einen Hoffnungshorizont, der uns durch schwere Zeiten trägt. Die Bibel und das Christentum insgesamt hält einen Schatz von Geschichten über die Rettung und Bewahrung des Lebens, über das Durchhalten in schwierigen Zeiten bereit. Auch in der Schule haben Kinder und Jugendliche das Recht und wir als Erwachsene die Pflicht, Hoffnung zum Thema zu machen. Keinen billigen Trost oder falsche Versprechen, sondern Hoffnung in ihrer Tiefe und Unverfügbarkeit. Woher sonst sollen die Kraft und die Orientierung kommen, durch die tiefen und schwerwiegenden Krisen unserer Zeit zu navigieren? Wenn wir uns nur damit beschäftigen, was wir fürchten müssen, lähmt das unsere Lebens- und Gestaltungskraft. Das Thema der Künstlichen Intelligenz ist eng verknüpft mit der Frage: 'Was ist der Mensch?' Möglichkeiten und Grenzen, Chancen und Gefahren der künstlichen Intelligenz müssen gut ausgelotet und abgewogen werden. Wir werden hier immer wieder an die Grenze unserer Machbarkeit geführt. Ob die Künstliche Intelligenz uns am Ende hilft oder uns zu ihren Vasallen verkommen lässt, hängt nach Yuval Noah Harari ganz wesentlich von unseren Werten und unseren Grundausrichtungen ab. 

Was gewinnt unsere Gesellschaft aus Ihrer Sicht also mit dem Religionsunterricht, der für Juden, Christen und Muslime in unserem Land angeboten wird? Die häufig erwähnte Werteerziehung ist dabei sicher nur einer von zahlreichen Aspekten, oder wie sehen Sie das?

Zunächst ist Bildung  ̶  auch die religiöse  ̶  ein Grundrecht jedes Menschen. Jürgen Baumert hat vier Modi der Welterschließung benannt, von denen keiner durch den anderen ersetzt werden kann. Einer dieser vier Zugänge ist die philosophisch-religiöse Welterschließung. Diesen Weltzugang nicht zu erschließen bedeutet, Bildung unzulässig zu reduzieren und letzten Endes ein Stück Welt zu verlieren. Und eine Gesellschaft, die nicht das zum Bildungsthema macht, was 'Menschen heilig ist', was über Jahrhunderte hinweg Menschen geprägt, sie getragen, aber auch bis in Kriege hinein voneinander getrennt hat, vergibt einen wesentlichen Beitrag zu gegenseitigem Verständnis und damit einem friedlichen Miteinander. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist ohne die Anerkennung von Vielfalt nicht zu sichern, und dazu braucht es auch eine tolerante, diskursfähige und vernunftbasierte Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und anderen Religionen und Weltanschauungen. Dabei kommt natürlich auch Werteerziehung heraus, aber den Religionsunterricht auf diese zu reduzieren würde seinen Platz im Bildungsgeschehen viel zu gering veranschlagen. 

Was würde einer Gesellschaft fehlen, wenn es keinen Religionsunterricht an den Schulen geben würde?

Die Auswirkungen eines strengen Laizismus sieht man in anderen europäischen Ländern, wie Frankreich. Mir ist bang vor einer Gesellschaft, die sich auf die bloße Heutigkeit reduziert, die die tiefen Lebens- und Sinnfragen nicht mehr zum Thema im öffentlichen Raum macht und die nicht mehr über sich hinausdenkt. Hierfür ist der Religionsunterricht ein Platzhalter in Schule und Gesellschaft.

Zum Hintergrund

Den Auftakt der Veranstaltungsreihe der evangelischen und katholischen Kirche in Baden-Württemberg über die gesellschaftliche Bedeutung von Religion und warum der Religionsunterricht Ausdruck einer freiheitlichen und pluralen Gesellschaft ist und diese stärkt, macht ein Podium mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landesbischöfin Heike Springhart unter dem Titel "Religion im öffentlichen Raum" am 21. September im Stuttgarter Hospitalhof.

Das weitere Angebot besteht aus dezentralen, ökumenischen Veranstaltungen im ganzen Land. Eine Übersicht gibt es online unter: https://egal.ekiba.de

Zur Person

Ute Augustyniak-Dürr ist seit 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung „Schulen“ im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zuvor war die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad.

Die zweifache Mutter lebte mit ihrer Familie für sechs Jahre im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel, unterrichtete dort an einer Schule und begleitete interreligiöse und interkulturelle Projekte. In ihrer Freizeit ist sie viel in der Natur unterwegs, treibt Sport wie Joggen, Stand-Up-Paddling oder Radfahren, gestaltet ihren Garten oder besucht kulturelle Veranstaltungen.

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