„Ich suchte eine neue Herausforderung. Die Stelle war seit längerem Vakant und von meiner Arbeit bei der Caritas in Heilbronn kannte und schätzte ich die Arbeit des erfahrenen Teams. Also habe ich für die Leitung von Ruf und Rat meinen Hut in den Ring geworfen.“ Gabriele Stark schmunzelt, wenn sie sich ihre Anfänge in Stuttgart erinnert, als sie sich 2020 mitten in der Coronazeit den Herzenswunsch erfüllte und als Psychotherapeutin und erste Frau die Leitung des gewachsenen Teams übernahm. Ihr Ziel war, die Beratungsstelle in der Hospitalstraße bekannter, vernetzter und niederschwelliger zu gestalten. Nach fünf Jahren kann sie auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. In einem Interview berichtet sie über ihre Arbeit sowie über ihre Ideen und Ziele für die Zukunft.
„Die Telefonseelsorge und die Beratungsstelle Ruf und Rat in Stuttgart ist ein wichtiger Baustein der seelsorgerlichen und caritativen Arbeit in Stuttgart. Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang, sind rund um die Uhr erreichbar, arbeiten hoch professionell und sind ein gutes und gelingendes Beispiel für die Schwerpunktsetzungen im Prozess „Kirche der Zukunft““. Weihbischof Matthäus Karrer
Wie würden Sie Ihre Funktion bei Ruf und Rat definieren?
Gabriele Stark: Ich versuche mit meinen Mitarbeiter:innen in einem ständigen und guten Austausch zu sein, sie zu unterstützen und so viel wie mögliche Beratungskapazität für unsere Klient:innen freizuschaufeln.
Wie viele Mitarbeitende arbeiten bei Ruf und Rat?
Wir haben acht Fachleute inklusive einer Juristin. Dazu etwa 70 Ehrenamtliche, die sehr wertvolle Arbeit leisten.
In Zeiten von Internet und Influencern, wie zukunftsfähig ist heute noch eine Beratungsstelle?
Mit unserer Ausrichtung und unserem Portfolio sind wir aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Bei der Telefonseelsorge darf deshalb alles bleiben, wie es ist; plus Ausbau der chat-Beratung. Aber seit dem Smartphone und erst recht seit Corona gibt es in der Beratung eine parallele Entwicklung. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene schreiben uns lieber und trauen sich schriftlich eher, über ihre Probleme zu sprechen. Diesem Wunsch gehen wir nach.
Wie hat sich der Bedarf geändert? Welche neuen Formate sind aufgrund dessen in den letzten Jahren entstanden?
Wir haben ein neues Gruppenangebot für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren entwickelt, das gut angenommen wird. In die halboffene Gruppe für 10 bis 12 Personen kommen Studierende, junge Berufseinsteiger, Frauen und Männer aus allen sozioökonomischen Milieus. Da haben wir festgestellt, dass immer mehr Erwachsene alleine sind, niemand zum Reden haben und uns aufsuchen. Diese Gruppen sind hocheffektiv. Ein anderes wichtiges Angebot ist „MenToo“. Das Männerbild hat sich gewandelt, es herrscht eine große Verunsicherung bei vielen Männern, aber bei der Stadt Stuttgart war da eine psychosoziale „Versorgungslücke“. Mit diesem Konzept haben wir offene Türen eingerannt. Das ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Ruf und Rat. Wichtig ist auch unser Erste Hilfe Angebot für die Seele „Mental Health First Aid“. In diesem Frühinterventionsprogramm schulen wir Laien ohne Vorwissen über die vier wichtigsten Erkrankungen und wie wir sie erkennen können, um Erkrankte dem Gesundheitssystem zuführen zu können.
Welche Ziele haben Sie noch für die Zukunft von Ruf und Rat?
Die Zeiten werden härter und die Stadt und die Diözese haben große Sparmaßnahmen angekündigt. Das heißt, wir müssen uns ganz neu aufstellen. Bei den Einzelberatungen wollen wir nicht sparen. Dass wir Menschen zeitnah erste Beratungstermine anbieten können, ist unser Alleinstellungsmerkmal. Aber wir können beispielsweise Paare in unseren Paarberatungen an den Preisen beteiligen. Insgesamt wollen wir gar nicht die marktüblichen Preise verlangen, aber unsere Beratungspauschalen erhöhen. Nach wie vor sollen zwar auch Mitarbeitende von Unternehmen einen priorisierten Zugang zu unseren Beratungen erhalten, aber mit einer Beteiligung an den Kosten. Dazu haben wir mit Firmen schon Vereinbarungen getroffen. Weiter können wir nicht erwarten, dass Firmen uns finden. Also werden unsere Mitarbeitenden rausgehen, Ruf und Rat bekannter machen. Wir wollen beginnen, die Schutzkonzeptentwicklung von Firmen, Schulen und Institutionen zu begleiten. Und wir haben viele weitere Ideen.
Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit mit der Diözese?
Die Kirche sollte die Seelsorgeangebote gut pflegen und weiterbetreiben. Das sind die Stellen, die Kirche in die Welt hinaustragen. In diesem Bereich ist das Image der Kirche unschlagbar gut. Der richtige Ansatz ist, mit der Kirche für die Menschen da zu sein, unabhängig von der Ethnie, politischen Ausrichtung dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. Und wie die Mystikerin Madeleine Delbrêl und ihre Gemeinschaft, Kirche „sans étiquette“zu leben. Das könnte der richtige Ansatz sein.






