Seelsorge

Die Kirche muss raus, zu den Menschen

Mit Herzblut und Leidenschaft ist die Psychologische Psychotherapeutin Gabriele Stark seit fünf Jahren Leiterin der Beratungsstelle "Ruf und Rat" in Stuttgart. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

Die Psychotherapeutin Gabriele Stark leitet seit fünf Jahren "Ruf und Rat" und damit auch die Telefonseelsorge der Diözese in der Landeshauptstadt.

„Ich suchte eine neue Herausforderung. Die Stelle war seit längerem Vakant und von meiner Arbeit bei der Caritas in Heilbronn kannte und schätzte ich die Arbeit des erfahrenen Teams. Also habe ich für die Leitung von Ruf und Rat meinen Hut in den Ring geworfen.“ Gabriele Stark schmunzelt, wenn sie sich ihre Anfänge in Stuttgart erinnert, als sie sich 2020 mitten in der Coronazeit den Herzenswunsch erfüllte und als Psychotherapeutin und erste Frau die Leitung des gewachsenen Teams übernahm. Ihr Ziel war, die Beratungsstelle in der Hospitalstraße bekannter, vernetzter und niederschwelliger zu gestalten. Nach fünf Jahren kann sie auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. In einem Interview berichtet sie über ihre Arbeit sowie über ihre Ideen und Ziele für die Zukunft.

„Die Telefonseelsorge und die Beratungsstelle Ruf und Rat in Stuttgart ist ein wichtiger Baustein der seelsorgerlichen und caritativen Arbeit in Stuttgart. Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang, sind rund um die Uhr erreichbar, arbeiten hoch professionell und sind ein gutes und gelingendes  Beispiel für die Schwerpunktsetzungen im Prozess „Kirche der Zukunft““. Weihbischof Matthäus Karrer

Wie würden Sie Ihre Funktion bei Ruf und Rat definieren?

Gabriele Stark: Ich versuche mit meinen Mitarbeiter:innen in einem ständigen und guten Austausch zu sein, sie zu unterstützen und so viel wie mögliche Beratungskapazität für unsere Klient:innen freizuschaufeln. 

Wie viele Mitarbeitende arbeiten bei Ruf und Rat?

Wir haben acht Fachleute inklusive einer Juristin. Dazu etwa 70 Ehrenamtliche, die sehr wertvolle Arbeit leisten.

In Zeiten von Internet und Influencern, wie zukunftsfähig ist heute noch eine Beratungsstelle?

Mit unserer Ausrichtung und unserem Portfolio sind wir aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Bei der Telefonseelsorge darf deshalb alles bleiben, wie es ist; plus Ausbau der chat-Beratung. Aber seit dem Smartphone und erst recht seit Corona gibt es in der Beratung eine parallele Entwicklung. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene schreiben uns lieber und trauen sich schriftlich eher, über ihre Probleme zu sprechen. Diesem Wunsch gehen wir nach. 

Wie hat sich der Bedarf geändert? Welche neuen Formate sind aufgrund dessen in den letzten Jahren entstanden? 

Wir haben ein neues Gruppenangebot für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren entwickelt, das gut angenommen wird. In die halboffene Gruppe für 10 bis 12 Personen kommen Studierende, junge Berufseinsteiger, Frauen und Männer aus allen sozioökonomischen Milieus. Da haben wir festgestellt, dass immer mehr Erwachsene alleine sind, niemand zum Reden haben und uns aufsuchen. Diese Gruppen sind hocheffektiv. Ein anderes wichtiges Angebot ist „MenToo“. Das Männerbild hat sich gewandelt, es herrscht eine große Verunsicherung bei vielen Männern, aber bei der Stadt Stuttgart war da eine psychosoziale „Versorgungslücke“. Mit diesem Konzept haben wir offene Türen eingerannt. Das ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Ruf und Rat. Wichtig ist auch unser Erste Hilfe Angebot für die Seele „Mental Health First Aid“. In diesem Frühinterventionsprogramm schulen wir Laien ohne Vorwissen über die vier wichtigsten Erkrankungen und wie wir sie erkennen können, um Erkrankte dem Gesundheitssystem zuführen zu können.

Welche Ziele haben Sie noch für die Zukunft von Ruf und Rat?

Die Zeiten werden härter und die Stadt und die Diözese haben große Sparmaßnahmen angekündigt. Das heißt, wir müssen uns ganz neu aufstellen. Bei den Einzelberatungen wollen wir nicht sparen. Dass wir Menschen zeitnah erste Beratungstermine anbieten können, ist unser Alleinstellungsmerkmal. Aber wir können beispielsweise Paare in unseren Paarberatungen an den Preisen beteiligen. Insgesamt wollen wir gar nicht die marktüblichen Preise verlangen, aber unsere Beratungspauschalen erhöhen. Nach wie vor sollen zwar auch Mitarbeitende von Unternehmen einen priorisierten Zugang zu unseren Beratungen erhalten, aber mit einer Beteiligung an den Kosten. Dazu haben wir mit Firmen schon Vereinbarungen getroffen. Weiter können wir nicht erwarten, dass Firmen uns finden. Also werden unsere Mitarbeitenden rausgehen, Ruf und Rat bekannter machen. Wir wollen beginnen, die Schutzkonzeptentwicklung von Firmen, Schulen und Institutionen zu begleiten. Und wir haben viele weitere Ideen.

Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit mit der Diözese?

Die Kirche sollte die Seelsorgeangebote gut pflegen und weiterbetreiben. Das sind die Stellen, die Kirche in die Welt hinaustragen. In diesem Bereich ist das Image der Kirche unschlagbar gut. Der richtige Ansatz ist, mit der Kirche für die Menschen da zu sein, unabhängig von der Ethnie, politischen Ausrichtung dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. Und wie die Mystikerin Madeleine Delbrêl und ihre Gemeinschaft, Kirche „sans étiquette“zu leben. Das könnte der richtige Ansatz sein.

Leuchtturmprojekte bei Ruf und Rat

1. Young minds® ist das halboffene Gruppenangebot für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren. Unter psychologischer Tandem-Leitung profitieren die Teilnehmenden vom Austausch in der peer-group; Sie sehen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Problematik und können ihre Stärken (wieder)entdecken. In dieser Gruppe gibt es eine Warteliste aufgrund der Zuweisungen.


2. Die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) ist ein Einführungsabend in die von Sue Johnson etablierte Methodik. Paare erkennen die Verletzlichkeit hinter der (eigenen) Fassade und können die gute Intention des/der anderen (wieder) wahrnehmen. Für diese eintägige Veranstaltung gibt es eine  große Nachfrage.


3. #Men-TOO ist die psychologische Beratung und Begleitung sowie die juristische Erstberatung für Männer, die sexualisierte Gewalt erfahren (haben). Die Beratungszahlen haben sich von 2024 bis 2025 nahezu verdoppelt. Ruf und Rat hat eine gezielte Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit entwickelt, um das zutiefst tabuisierte Thema zu entstigmatisieren.


4. MHFA mental health first aid – erste Hilfe für die Seele
Im Kurs für psychische Gesundheit lernen Laien bei Nahestehenden psychische Probleme und Krisen zu erkennen, auf die Betroffenen zuzugehen und ihnen Unterstützung anzubieten. Der 12-stündige Kurs ist für alle ohne Vorkenntnisse buchbar, gemeinnützig und seit 2000 weltweit evaluiert. Die Rückmeldungen für diesen Kurs sind enorm positiv.


5. Juristische Beratung, Mediation und Coaching
Die Volljuristin Sophie Sonntag ergänzt das psychologisch-psychotherapeutische Angebot von Ruf und Rat mit ihrer Expertise. Berufliches Coaching wird auch in Zukunft immer wichtiger.


6. TelefonSeelsorge
Die Telefonseelsorge ist das niederschwelligste Unterstützungsangebot im medizinisch- psychosozialen Sektor. Bei Ruf und Rat ist die Telefonberatung 24/7. Rund um die Uhr schenken ehrenamtlich Tätige Menschenden Anrufenden ihre Zeit und bieten eine anonyme Anlaufstelle am Telefon oder im Chat.

Die Ausbildung zum Telefonseelsorgenden dauert etwa zwei Jahre. Sie bereitet Menschen auf die Krisenberatung am Telefon, per Mail oder Chat vor. Die eigentliche Ausbildung erstreckt sich über 13 Monate, danach folgt für ein weiteres Jahr eine engmaschige Begleitung. Die Ausbildung umfasst ca. 200 Stunden Theorie und Praxis, darunter Gesprächsführung, Selbsterfahrung und Krisenintervention.

 

Telefonseelsorgende über ihre Arbeit

„Die Telefonseelsorge ist viel niederschwelliger, als wenn ich einen Termin vereinbare. Die Anonymität in der Telefonseelsorge ist wie eine einmalige Begegnung mit einem Menschen. Wie wenn sich zwei Seelen begegnen, zusammen einen kleinen Spaziergang machen und sich dann wieder trennen. Ich begleite Menschen ein Stück auf ihrem Weg. Wichtig ist, dass man da ist, sich Zeit nimmt und zuhört.“

„Was ich gelernt habe ist, dass es auch Dinge gibt, die ich mir nie hätte vorstellen können. Ganz viel von dem, was ich höre, habe ich selbst nie erlebt. Diese Distanz hilft.“
Georg, Telefonseelsorge

„Das Schlimmste ist, wenn ein Mensch suizidal ist. Wir versuchen den Menschen abzuholen in der Situation, in der er sich befindet, aber ihm auch einen Lichtblick zu zeigen.“

„Wir verbringen hier in der Telefonseelsorge viel Zeit. Was uns aber „Ruf und Rat“ gibt ist so viel, dass man es gerne tut.  Unsere Arbeit können wir nur machen, weil wir in der Supervision, in Tagungen und auch in der Gemeinschaft der Kolleg:innen viel auch persönlich zurückbekommen.“
Maria, Telefonseelsorge

„Unsere Aufgabe kann auch beinhalten, dass wir Menschen begleiten, wenn sie noch keinen Therapieplatz haben oder wenn die Therapeut: in im Urlaub ist. Auch Ärzte geben unsere Nummer weiter. Manchmal werden wir angerufen und der Mensch sagt: Ich brauche jetzt jemand, der für mich da ist. „

„Ein durchgehendes Thema bei der Telefonseelsorge ist das Thema Einsamkeit. Vor allem bei jungen Menschen. Das war leider schon immer so. Viele Menschen haben keine Ansprechpartner im Leben.“
Elisabeth, Telefonseelsorge

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