Synodaler Weg

Die Quadratur des Kreises

Porträtfoto

Dr. Martina Kreidler-Kos - Foto: Andreas Kühlken

Martina Kreidler-Kos hat in Bad Waldsee über den Synodalen Weg gesprochen und beantwortet im Interview Fragen zum Reformprozess.

Eine Regenbogenbank und der Segen für alle Liebenden hat in der Kurstadt für Gesprächsstoff gesorgt. Der Kirchengemeinderat von St. Peter beschäftigt sich schon länger mit Reformen in der Katholischen Kirche und lud nun eine Teilnehmerin des Synodalen Wegs zu Vortrag und Gespräch ein. Martina Kreidler-Kos nimmt zwar für das Bistum Osnabrück an den Versammlungen teil, wuchs aber in Bad Waldsee auf. Im Nachgang der Veranstaltung in ihrer Heimat stand sie im Interview Rede und Antwort.

Frau Kreidler-Kos, welches Reformthema beim Synodalen Weg liegt Ihnen besonders am Herzen?

Da ich als Beraterin ins Forum IV mit dem schönen Titel "Leben in gelingenden Beziehungen" berufen bin, sind es alle Themen rund um Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Aber auch für das Frauenthema schlägt mein Herz.

Oberschwaben galt lange als kirchentreue katholische Hochburg. Wie nehmen Sie Ihre Heimat heute wahr?

Tatsächlich ganz ähnlich wie meine Wahlheimat, das Bistum Osnabrück, obwohl dieses viel stärker von Diaspora-Gebieten geprägt ist. Meine Erfahrung: Die Fragen und Nöte, die die engagierten Katholikinnen und Katholiken in Bezug auf ihre Kirche haben, sind im ganzen Land dieselben.

In Bad Waldsee stellen die einen eine Regenbogenbank auf und setzen sich für die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen in Kirche und Gesellschaft ein. Andere stehlen und zerstörten das Symbol. Wie können Reformen in diesem Spannungsfeld vorankommen?

Das ist die entscheidende Frage. Jemand hat mal gesagt: "Es ist die Quadratur des Kreises - und genau die müssen wir hinkriegen!" Diesen Satz mache ich mir gerne zu eigen.

Was hilft: Miteinander reden, reden, reden. Das ist oft mühsam, aber es scheint mir der einzige Ausweg zu sein.

Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen, Begegnungen zu ermöglichen und alle aufzurufen, ihre Meinungen nicht nur kundzutun, sondern auch zu begründen.

Welche konkreten Reformschritte sind aus Ihrer Sicht nun zuerst fällig, um die Kirche zu erneuern und wieder glaubwürdiger zu machen?

Als Erstes muss das getan werden, was in der Macht der einzelnen Diözesen steht. Zum Beispiel die Änderung des Dienstrechtes, das kann jeder Bischof für seine Diözese regeln. Natürlich ist es gut, wenn das abgestimmt passiert, aber hier herrscht seit Jahren Handlungsbedarf.

Ist das kurzfristig möglich?

Bereits etliche Diözesen haben die bisherigen Regelungen, dass etwa eine Zivilehe als Loyalitätsverstoß gewertet werden kann und eine Kündigung nach sich zieht oder eine Anstellung verhindert, per Selbstverpflichtung ausgesetzt - bis der Synodale Weg dazu einen Beschluss fassen wird. Hier könnten sich weitere Diözesen anschießen. Das wäre sofort für die Beschäftigten spürbar, aber auch für das ganze Volk Gottes. Es würde sehr viel Erleichterung wahrgenommen werden, da bin ich mir sicher.

Wie sieht es in Ihrem Bereich von Liebe, Partnerschaft und Sexualität aus?

Eine große Wirkung hätte, wenn wir nicht nur arbeitsrechtlich alle legalen Partnerschaftsformen anerkennen würden, sondern auch eine liturgische Form dafür fänden. Segensfeiern für alle Paare, die sich lieben, wäre eine wichtige, signalstarke Maßnahme und eine im wahrsten Sinne des Wortes segensreiche dazu. Ich denke  außerdem - und hier ist die Diözese Rottenburg-Stuttgart ja schon weit -, dass wir den Predigtdienst für Laien oder die außerordentliche Taufvollmacht umsetzen sollten. Auch dies würden viele Menschen spüren.

Die großen Forderungen nach Frauenpriestertum, freiwilligem Zölibat und mehr Mitbestimmung aller Getauften in der Katholischen Kirche werden seit Jahrzehnten erhoben. Viele befürchten, dass auch der Synodale Weg spätestens am Vatikan scheitert. Sehen Sie Anzeichen dafür, dass doch etwas in Bewegung kommt?

Ja, ich sehe deutliche Zeichen. Seit dem Pontifikat von Papst Franziskus weht ein frischer Wind durch die römisch-katholische Kirche, der vieles von dem möglich macht, was wir derzeit tun: Kritische Themen erkenntnisoffen besprechen. Hinzu kommt die Erschütterung durch den Missbrauchsskandal.

Niemand kann und wird mehr zur Tagesordnung übergehen. Ich denke, dass derzeit gute Argumente und ein immenser Handlungsdruck eine kreative Allianz eingehen.

Gilt das nicht nur für Deutschland?

Nein, überall auf der Welt werden diese Fragen diskutiert - mehr oder weniger kraftvoll. Ich wünsche mir, dass alle, die Veränderung ersehnen, in der Kirche bleiben können und bleiben. Denn sie werden ein Teil dieser Veränderungen sein. Und ich bin gespannt, wie die Kirche Jesu Christi aussieht, wenn sie sich verändern darf. Ich freue mich darauf.

Person

Dr. Martina Kreidler-Kos leitet die Abteilung Seelsorge im Bistum Osnabrück und ist auch als Autorin und Dozentin tätig. Die 54-Jährige wuchs im oberschwäbischen Bad Waldsee auf und studierte Katholische Theologie in Tübingen. Kreidler-Kos ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt heute im Osnabrücker Land.

"Jetzt! - Hoffnungsvoller Zwischenruf zum Synodalen Weg"

Weitere Veranstaltung zum Thema am Montag, 2. Mai 2022, mit Diakon Thomas Nixdorf aus Rottenburg im Bad Waldseer Gemeindehaus St. Peter

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