Klima

Die Wellen bezwingen

Gruppe von Menschen sitzt im Halbkreis

Ion Brstiak besucht Bewohner:innen der Carteret-Inseln. Ihre Heimat ist vom ansteigenden Meeresspiegel bedroht. Bild: privat

Heute beginnt die Weltklimakonferenz. Ioan Brstiak berichtet von den Carteret Inseln, die vom ansteigenden Meeresspiegel bedroht sind.

Vom 10. bis 21. November trifft sich die Weltgemeinschaft zur 30. Weltklimakonferenz in Belém, Brasilien. Wie dringlich die Fragen sind, die dort diskutiert werden, zeigt zum Beispiel die Situation der Carteret-Inseln. Die Bewohnerinnen und Bewohner dort werden von der Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstützt - missio-Diözesanreferent Ioan Brstiak ist hingereist, um sich ein Bild von der Lage zu machen. 

Im Pazifik, nordöstlich von Papua-Neuguinea, liegen die Carteret-Inseln ein kleines Atoll, das zu den ersten Orten der Welt zählen wird, an denen Menschen durch den Klimawandel ihre Heimat verlieren. Der steigende Meeresspiegel frisst sich Jahr für Jahr tiefer in das fragile Land, Sturmfluten reißen Küsten fort, Gärten versalzen, Nahrungsmittel werden knapp.

Doch anstatt zu warten, bis internationale Hilfe eintrifft, beschlossen die Inselbewohner selbst aktiv zu werden. Unter der Leitung von Ursula Rakova gründeten sie 2006 die kirchennahe Organisation Tulele Peisa was in der Sprache Halia bedeutet: „Auf unseren eigenen Wellen segeln“. Das Ziel: die bedrohten Familien auf das nahegelegene Festland von Bougainville zu bringen, und zwar sicher, selbstbestimmt und ohne ihre kulturelle Identität zu verlieren.

Ein selbstbestimmter Weg in die Zukunft

„Unsere Ältesten sahen, dass die Veränderungen unumkehrbar sind“, sagt Ursula Rakova. „Die Küsten erodieren, Stürme zerstören Häuser, und die Menschen hungern. Wir mussten handeln.“

Tulele Peisa organisiert die Umsiedlung von 350 Familien von den Carteret-Inseln auf das Festland. Dabei steht nicht nur der Bau neuer Häuser im Vordergrund, sondern auch die Bewahrung sozialer und kultureller Strukturen. Traditionelle Zeremonien, Feiern und symbolische Rituale begleiten den Übergang. „Es geht nicht nur darum, einen Ort zu verlassen“, betont Rakova, „sondern eine Verbindung aufrechtzuerhalten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“

Häuser, Wasser und Würde

Seit Beginn des Projekts wurden zehn Familienhäuser in der neuen Siedlung Tinpuz (Waroav) gebaut. Jede Familie erhielt einen Hektar Land, um Nahrung anzubauen und Einkommen zu erwirtschaften.

Doch die Herausforderungen bleiben groß: Es fehlt an Mitteln für den Bau weiterer „klimasmarter Häuser“, die über sanitäre Anlagen, Küche und Zugang zu sauberem Wasser verfügen. „Ein sicheres Zuhause bedeutet mehr als nur ein Dach über dem Kopf“, erklärt Rakova. „Es bedeutet Würde und Stabilität für Familien, die alles verloren haben.“

Die Finanzierung des Projekts erfolgt vor allem durch kirchliche Organisationen aus Deutschland, Australien, den USA und dem Vereinigten Königreich.

Zwischen Politik, Kirche und Klima

Die Zusammenarbeit mit der Diözese Bougainville war entscheidend für den Erfolg: Sie stellte das Land zur Verfügung, auf dem die neue Siedlung entsteht. Die Beziehungen zu staatlichen Stellen sind dagegen kompliziert. „Manche Behörden glauben, wir wollten alle Atollbewohner umsiedeln“, sagt Rakova. „Doch wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Carteret-Gemeinschaft. Nur so können wir ihre kulturellen Werte bewahren.“

Trotz der bürokratischen Hürden pflegt Tulele Peisa enge Kontakte zu internationalen Netzwerken wie dem Pacific Rising Partnership und der Pacific Feminist Coalition, die das Projekt global bekannt machen und politische zu unterstützen.

Klimaflucht ist mehr als ein ökonomisches Problem

Für Rakova ist klar: Klimaflucht darf nicht nur in Geld gemessen werden. „Wenn Menschen ihre Insel verlassen müssen, verlieren sie mehr als Land:Sie verlieren Geschichte, Sprache, Spiritualität. Diese Verluste sind nicht bezahlbar.“

Deshalb dokumentiert Tulele Peisa Geschichten und Lieder der Carteret Islanders, um sie in Bildungsprogrammen zu vermitteln. „Unsere Kinder sollen wissen, woher sie kommen. Das stärkt ihre Identität und bewahrt unsere Kultur.“

 

Ein Modell für eine gerechte Zukunft

Der Fall der Carteret-Inseln steht exemplarisch für eine Zukunft, die vielen Inselstaaten bevorsteht. Laut UN-Schätzungen könnten bis 2050 weltweit über 200 Millionen Menschen aufgrund des Klimawandels gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen.

Ursula Rakova will, dass die Carteret Islanders als Beispiel für würdige und kulturell bewusste Umsiedlung wahrgenommen werden. „In zehn Jahren möchte ich sehen, dass alle 350 Familien sicher auf Bougainville leben in Häusern, die Bestand haben, und mit dem Gefühl, zu Hause zu sein.“

Ein Projekt mit globaler Bedeutung

Tulele Peisa zeigt, dass Klimaflucht nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine kulturelle und sozialethische Frage ist. Es geht um Solidarität, Verantwortung und Gerechtigkeit. Die Weltgemeinschaft muss aus Sicht von Tulele Peisa anerkennen, dass die am stärksten betroffenen Gemeinschaften oft am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben.

Während bei der Weltklimakonferenz über Klimafonds und CO₂-Bilanzen verhandelt wird, handeln Menschen wie Ursula Rakova leise, entschlossen und mit einer klaren Botschaft:

„Wir segeln auf unseren eigenen Wellen. Aber wir brauchen Partner, die uns helfen, sicher anzukommen.“ Die Weltkirche – sowohl im ökumenischen Sinne als auch als Rottenburger Stiftung Weltkirche – kann und will dabei zu einem sicheren Hafen beitragen.

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