Fastenzeit

Dilemma zwischen Pazifismus und Gerechtigkeit

Muhterem Aras steht sprechend am Ambo der Bussenkirche. Die Hinterköpfe der Zuhörer:innen sind unscharf am unteren Bildrand zu erkennen.

Die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras spricht in der Bussenkirche über Krieg und Frieden in der Ukraine - Foto: Lena Lux

Landtagspräsidentin Muhterem Aras spricht in der Bussenkirche über die Hoffnung auf Frieden mitten im Krieg gegen die Ukraine.

Der christliche Pazifismus leiste mit der Forderung nach Waffenstillstand und Verhandlungen einen wichtigen Beitrag, um im Krieg gegen die Ukraine das Ziel des Friedens nicht aus den Augen zu verlieren, betonte Muhterem Aras. Die baden-württembergische Landtagspräsidentin warnte aber vor einem Missbrauch des Glaubens. Das Gebot der Nächstenliebe rufe nämlich nicht nur dazu auf, die Feinde zu lieben, sondern auch die Schwachen zu schützen, besonders die Opfer von Gewalt. Mit dieser Problemanzeige eröffnete die Grünen-Politikerin die Reihe der Fastenpredigten in der Wallfahrtskirche auf dem Bussen bei Riedlingen. In dem neuen Format kommen prominente „Nicht-Theolog:innen“ zu Wort.

„Tatsächlich stellt dieser Krieg eine Niederlage für die ganze Menschheit dar und nicht nur für die direkt beteiligten Parteien“, zitierte Aras Papst Franziskus. Immer wieder griff sie dessen Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2023 auf. Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, spreche dagegen beim Krieg in der Ukraine von einem „metaphysischen Kampf des Guten gegen das Böse“. „Wir müssen der Propaganda entgegentreten, die an vermeintliche traditionelle christliche Werte appelliert, um eigentlich Zustimmung für den Kriegstreiber Russland zu erreichen“, sagte die Politikerin.

Nicht im Dilemma stecken bleiben

Ihre innere Zerrissenheit und ihr Schmerz über diesen Krieg rührten daher, dass die Hilfe für die Opfer mit der Lieferung von Gütern verbunden sei, die zum Töten verwendet würden.

„Jeder gewaltsame Tod – egal auf welcher Seite der Mensch steht – ist eine menschliche Niederlage.“

Das betonte die 57-Jährige. Deshalb sollte man sich nicht in eine Spirale militärischer Rhetorik begeben. Andererseits wäre ein „Friede“, der den Bruch des Völkerrechts als Bedingung für einen Waffenstillstand faktisch anerkenne, ihrer Ansicht nach die Wurzel für mehr Gewalt in der Zukunft.

Aufgrund des Dilemmas in Angst, Depression und Pessimismus zu versinken, sei für sie keine Option. „Wir sind jetzt aufgerufen, uns den Frieden auszumalen, das Licht zu erahnen“, erklärte Aras im Blick auf die biblische Botschaft. Solange den Menschen in der Urkaine, die so viel Elend, Gewalt und Tod ausgesetzt sind, keine Gerechtigkeit wiederfahre, solange sie keinen inneren Frieden fänden, solange lasse sich am Verhandlungstisch kaum ein stabiler Frieden schaffen, ist die Landtagspräsidentin überzeugt. Hier setze sie auf die Kraft der Versöhnung, die - befördert durch die Kirchen - auch zwischen Deutschen und Franzosen oder Polen einen Neuanfang ermöglichte.

Christliche Werte für den Frieden

Als konkrete Schritte über die Unterstützung und die Aufnahme von Menschen aus der Ukraine hinaus rief Aras dazu auf, das „Haus Europa“ für dieses Land zu öffnen, aber auch etwa Städtepartnerschaften zu nutzen, um die Tür zur russischen Zivilgesellschaft nicht zuzuschlagen. „Hoffen und tun wir etwas dafür, dass Gespräche hier Schritte sein können hin zu Gerechtigkeit und Aussöhnung“, fasste die Politikerin ihre Botschaft zusammen. „Das kann unser Beitrag zu Frieden sein – im universalen Geist christlicher Werte.“

Für ihre Predigt erhielt Aras in der gut besuchten Bussenkirche lang anhaltenden Applaus. Ein interreligiöses Gebet, Fürbitten, Lieder und die Bitte um Segen brachten den Wunsch nach Frieden vor Gott. An den kommenden drei Sonntagen sind jeweils um 16 Uhr die Fastenpredigten von Elmar Braun, Bürgermeister in Maselheim, von der Bundestagsabgeordneten Anja Reinalter sowie von Heiko Schmid, dem ehemaligen Biberacher Landrat, in der Wallfahrtskirche auf dem Bussen zu hören.

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