Ukraine

"Ein Brennglas für bereits vorhandene Missstände"

Dr. Joachim Drumm möchte in seiner Tätigkeit als Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart alles daransetzen, einer Teilung der Geflüchteten in Klassen unterschiedlichen Rangs entgegenzuwirken. Bild: Pfeiffer Foto Design

Über 60 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe: Der Flüchtlingsbeauftragte Dr. Joachim Drumm spricht im Interview über Herausforderungen.

Dr. Joachim Drumm ist neuer Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Im Interview äußert sich der 64-Jährige über die Herausforderungen, die der Krieg in der Ukraine mit sich bringt. Zu seinen Aufgaben als Flüchtlingsbeauftragter gehört die Vertretung des Bischofs gegenüber kirchlichen und staatlichen Institutionen. Dies erfolgt unter anderem in enger Abstimmung mit dem Caritasverband der Diözese. 

Herr Dr. Drumm, Sie treten Ihre Aufgabe als neuer Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart in einer vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine aufreibenden Zeit an. Wie wurden die damit verbundenen Herausforderungen bislang von Ihrer Warte aus bewältigt?

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart leistet Flüchtlingshilfe nicht erst seit dem Ukrainekrieg. Das ist ein wichtiger Punkt, denn dadurch können wir in der aktuellen Notsituation auf vorhandenen Strukturen aufbauen. Seit 2013 hat die Diözese für diese wichtige Aufgabe so bereits über 60 Millionen Euro aufgewendet. Gut die Hälfte davon für die Bekämpfung von Fluchtursachen in den Herkunftsländern und mit über 29 Millionen Euro wurde die Flüchtlingshilfe innerhalb der Diözese gefördert.  Dabei geht es um die Ehrenamtsbegleitung durch Fachkräfte der Sozialen Arbeit, um die Integration von Flüchtlingen in Arbeit, um Sprachförderung, um psychotherapeutische und psychosoziale Hilfen und vieles mehr. Hier ist wichtig zu betonen, dass die Diözese gerade dort hilft und unterstützt, wo andere Stellen wie beispielsweise die öffentliche Hand es nicht mehr tun. Die Menschen aus der Ukraine, die bei uns Schutz suchen, stellen unsere Arbeit vor zusätzliche Herausforderungen. In den letzten Wochen konnten wir viele Schutzsuchende aus der Ukraine unterbringen. Ich bin beeindruckt von der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Sie verdient Dank und Respekt. Das Bemühen unserer Diözese gilt auch der Unterstützung der vielen Helferinnen und Helfer. Nicht vergessen dürfen wir auch die Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern. Sie brauchen nach wie vor ebenso unsere Aufmerksamkeit und Hilfe. Die Herkunft bestimmt nicht das Maß unserer Zuwendung und Hilfsbereitschaft.

Wo konnte die Diözese Rottenburg-Stuttgart Schutzsuchende unterbringen?

Es gab Erstunterbringungen beispielsweise in den Tagungshäusern unserer Diözese. Eine Reihe von Klöstern hat Wohnraum für Geflüchtete aus der Ukraine geschaffen, ebenso das Familienerholungswerk. Darüber hinaus stellen wir weitere Gebäude zur Verfügung, zum Beispiel leerstehende Pfarrhäuser. Manche Gebäude müssen erst für die Aufnahme von Geflüchteten hergerichtet werden. 

Gibt es weitere Schwerpunkte der Hilfen seitens der katholischen Kirche in Württemberg?

Ja, die Geflüchteten benötigen auch Begleitung und Beratung, zum Beispiel bei Behördengängen. Schon die sprachliche Verständigung gestaltet sich teilweise als Herausforderung. Viele Schutzsuchende sind traumatisiert. Sie brauchen fachlich geschulte Ansprechpersonen. Derzeit sind wir dabei, über das Fachpersonal hinaus, Schulungen für unser pastorales Personal zu organisieren. Aus der Ukraine kommen hauptsächlich Frauen mit Kindern. Die Kinder benötigen eine eigene Form der Zuwendung und Hilfe. Dies gilt besonders auch für die bei uns eintreffenden Heim- und Waisenkinder und für Kinder mit einem Handicap.

Die meisten Geflüchteten streben in die Städte und Ballungszentren. Wie nehmen Sie dies wahr? Welche Probleme ergeben sich daraus und können Sie als Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Kirche in Württemberg etwas dazu beitragen, die Lage zu entspannen?

In der Ukraine stellen sich die ‚ländlichen Räume‘ gänzlich anders dar als hier bei uns in Württemberg. Dort gibt es wenig Infrastruktur und medizinische Versorgung und kaum Arbeitsmöglichkeiten. Die meisten Schutzsuchenden kommen aus Städten. Sie befürchten, dass es bei uns jenseits der Städte ähnlich aussieht wie in der Ukraine und dass eine Unterbringung auf dem Land wenig Chancen bietet. Unsere ländlichen Räume sind dagegen gut erschlossen, bieten mehr Raum, günstigere Bedingungen und ausreichend Arbeitsmöglichkeiten. Wichtig erscheint es mir, den Geflüchteten diese Erfahrung zu vermitteln. Ich bin überzeugt, dass die Bereitschaft, sich aufs Land zu begeben, damit steigt. 

Welche Pläne hat die Diözese für die Zukunft, sollte sich der Krieg in die Länge ziehen? 

Die Möglichkeiten einer Erstunterbringung sind zumeist sehr befristet. Wir müssen Möglichkeiten eröffnen für eine Anschlussunterbringung. Des Weiteren geht es dann um die Unterstützung auf dem Weg zur Integration. Wir wissen natürlich nicht, wie sich das Kriegsgeschehen weiter gestaltet. Die meisten Geflüchteten werden sobald wie möglich wieder zurückwollen. Für viele sind jedoch ihre Heimat und ihre Wohnungen zerstört. Jene, die bei uns Fuß fassen wollen, möchten wir so gut es uns möglich ist begleiten. In naher Zukunft wird es dann unter anderem auch um Familienzusammenführungen gehen. 

Und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren und mit der Landesregierung? 

Wir unterstützen das überaus erfreuliche Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure. Unsere Caritas stimmt sich eng mit den anderen Wohlfahrtsverbänden ab. Die Landkreise finden Ansprechpersonen in den Caritasregionen und Dekanaten. Einige von der Kirche betriebene Gebäude sind im Besitz des Landes. Die Zusammenarbeit bei der Herrichtung von Gebäuden zur Unterbringung von Flüchtlingen funktioniert in der Regel gut. 

Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist derzeit hoch und gleichzeitig zeigen sich Engpässe, beispielsweise bei den Tafelläden, die sich bei rückläufigen Lebensmittelspenden einer stark gestiegenen Nachfrage gegenüberstehen sehen. Kommen wir hier doch an den Rand dessen, was leistbar ist? 

Die Tafelläden berichten von einer Verdoppelung der Nachfrage. In der Tat kommen sie an die Grenze des Leistbaren. Sie benötigen mehr Personal. Auch die räumlichen Kapazitäten sind vielfach nicht ausreichend. Ausgerechnet jetzt gehen die Spenden zurück. Lebensmittel und Hygieneartikel fehlen. Hier spitzt sich ein Problem zu, dessen Lösung sich noch nicht abzeichnet. Hier scheint mir wichtig zu betonen, dass die jetzt neu hinzugekommen Geflüchteten aus der Ukraine nicht die Ursache der Knappheit und anderer Probleme sind. Die aktuelle Situation wirkt eher wie ein Brennglas für bereits vorhandene Missstände.

Angesichts der schnellen Hilfen für die Menschen aus der Ukraine kommt es zu Frustration bei Flüchtlingsgruppen anderer Nationalitäten. Können Sie das bestätigen und wie reagieren Sie darauf?

Ja, das kann ich bestätigen. Gemäß der Massenzustromsrichtlinie dürfen die Menschen aus der Ukraine in der EU arbeiten, Fortbildungen machen oder Praktika absolvieren. Sie brauchen keinen Asylantrag zu stellen. Auch die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist anders gelagert, nicht zuletzt deshalb, weil aus der Ukraine hauptsächlich Frauen mit Kindern kommen. Geflüchtete aus anderen Ländern, die sich in einem Asylanerkennungsverfahren befinden, dürfen nicht arbeiten. Sie erleben, wie die Schutzsuchenden aus der Ukraine an ihnen vorbeiziehen. Das schafft Frustrationen und Spannungen. Wir setzen alles daran, einer Teilung der Geflüchteten in Klassen unterschiedlichen Rangs entgegenzuwirken. Die Förderung der Flüchtlingshilfe für die Menschen aus anderen Ländern setzen wir unvermindert fort. Zugleich sehen wir eine wichtige Aufgabe darin, vermittelnd zu wirken. 

Auch anderswo gibt es Konfliktpotential: Beispielsweise wenn ein ukrainisches Flüchtlingskind rasch einen Kindergartenplatz erhält und andere Eltern trotz Rechtsanspruch und langem Warten keinen Platz erhalten. Wie ist die Situation hier in den Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft? 

Auch mit dieser Frage sprechen Sie ein Problem an, das sozialen Sprengstoff birgt. Die Situation in unseren Kitas ist recht unterschiedlich. In den ländlichen Räumen stellt sie sich anders dar als in den Städten und Ballungszentren. Wir setzen alles daran, Konkurrenzen zu vermeiden und sind dabei in engen Absprachen mit den Kommunen vor Ort.

Es gibt Fälle, in denen werden russischstämmige Menschen in Folge des Krieges bei uns ausgegrenzt. Andererseits solidarisieren sich andere und zeigen offen ihre Sympathie für den Angriffskrieg, in dem sie das „Z“ zur Schau stellen. Welche Haltung nimmt die katholische Kirche in Württemberg hierbei ein?

Was in der Ukraine passiert, ist aufs Schärfste zu verurteilen. Personen, die versuchen, das dort Geschehene in irgendeiner Form zu relativieren oder gar zu rechtfertigen, treten wir entschieden entgegen. Gleichzeitig stellen wir uns jedoch vehement gegen eine pauschale Verurteilung von russisch-stämmigen Menschen hier in Deutschland. Pauschalisierungen helfen niemandem und lösen nichts. Der konkrete Mensch steht im Zentrum unseres Handelns. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, uns für Versöhnung und Frieden, Toleranz und Vielfalt einzusetzen. Das werden wir im Rahmen des uns Möglichen tun.

Was kann Kirche Ihrer Meinung nach in der jetzigen Situation insgesamt tun? Wie kann geholfen werden, Spannungen abzubauen und was wird konkret dafür getan?

Wir sehen angesichts sich abzeichnender Spannungen eine besondere Aufgabe der Kirche darin, ausgleichend, vermittelnd und integrierend zu wirken. Versöhnungsarbeit gehört zu unserem Kernauftrag. Deshalb muss es unser Bemühen sein, Orte und Gelegenheiten der Begegnung zu schaffen. Wo pauschale Bilder durch konkrete Erfahrungen und persönliche Bekanntschaft ersetzt werden, ist die Chance am größten, Perspektivenwechsel zu ermöglichen, Spannungen abzubauen und gegenseitiges Verständnis zu befördern.

Zur Person

Ordinariatsrat Dr. Joachim Drumm

Dr. Joachim Drumm ist Ordinariatsrat der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft mit rund 250 Beschäftigten. Nach seinem Studium der Theologie, Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft in Freiburg i. Br. war er zunächst von 1987 bis 1991 als Wissenschaftlicher Assistent an der Ludwig-Maximilian-Universität München tätig. Von 1991 bis 1999 war er Persönlicher Referent des Bischofs Walter Kasper.

Joachim Drumm ist Absolvent der Führungsakademie Baden-Württemberg und qualifizierte sich am Karlsruher Institut für Coaching, Personal- und Organisationsentwicklung zum Systemischen Coach. Drumm ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen seiner Wissens- und Arbeitsbereiche.

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