Hilfsorganisationen

Ein Kreuz aus Abfall als Zeichen der Hoffnung

Der "Burning Place" in Agbogbloshie, Akkra, ist einer der giftigsten Orte der Welt. Foto: DRS/Tobias Döpker

Das Recyclingkreuz des Künstlers Iddriss Salifu aus Accra. Foto: DRS/ Tobias Döpker

Missio Aachen fordert auf der Elektroschrotthalde in Ghana ein Pfandsystem für Handys. Agbogbloshie in Accra ist einer der giftigsten Orte der Welt.

Iddriss Salifu hat sich einem bunten Demonstrationszug mit mehreren Hundert Menschen angeschlossen, der sich im Schneckentempo durch die Straßen von Accra, der Hauptstadt Ghanas, schiebt. Angestrengt kneift der 33-Jährige seine Augen zusammen, so als müssten sie gegen die beißende tropische Sonne ankämpfen. Dabei ist die Sonne gar nicht zu sehen, denn dicke graue Wolken verhängen an diesem Vormittag den Himmel. 

Iddriss angestrengter Blick fixiert stattdessen einen Laster, der ungefähr 50 Meter vor ihm fährt. Auf dessen Ladefläche ist ein etwa 80 Zentimeter großes Kreuz aufgestellt, welches das Führerhaus des Fahrzeugs überragt. Die eine Seite des Kreuzes ist mit alten Handydisplays und Porträts von Menschen, die auf der Elektroschrotthalde Agbogbloshie in Accra oder in Goldminen im Osten des Kongo arbeiten, gestaltet. Die andere Seite ist aus Metall und schimmert in einem warmen Goldton. Im Schritttempo führt der Laster mit dem Recyclingkreuz die Menschenmenge an. Aus den Boxen auf der Ladefläche des Wagens dröhnen im Wechsel fröhliche Gospels oder die wummernden Bässe von R&B-Songs.  Viele Menschen singen die Lieder, die aus den Boxen schallen, mit, andere tanzen fröhlich zum Rhythmus der Musik.

Ein Schutzengel-Zentrum für Kinder

Gestartet sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Prozession am „Guardian Angel Day-Care-Center“, einer Oase für Kinder am Rande der Elektroschrotthalde. Das katholische Hilfswerk missio hat hier zusammen mit weiteren Partnern ein Projekt aufgebaut, das Mädchen und Jungen vor Kinderarbeit unter den extrem gesundheitsschädlichen Bedingungen in Agbogbloshie schützt. Das Ziel der Prozession mit dem Recyclingkreuz ist die katholische Kathedrale von Accra. 

Auf Plakaten und Transparenten fordern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Demonstrationszuges unter anderem einen achtsameren Umgang mit der Umwelt, eine höhere Recycling-Quote und bessere Lebensbedingungen für die Menschen in Accras Slum Old Fadama. 

Iddriss singt und tanzt nicht. Stumm läuft er am Rand des Zuges und lässt das Kreuz nicht aus den Augen, denn das Kreuz auf dem Laster ist sein Kreuz. Der Künstler hat den goldfarbenen Korpus des Kreuzes in seiner Werkstatt in Old Fadama für das Hilfswerk missio erschaffen. Die Seite mit den Handydisplays hat der deutsche Künstler Till-Martin Köster gestaltet. 

4800 Cedi, das sind rund 380 Euro, zahlt Recyclingkünstler Iddriss pro Jahr für seine Werkstatt, einem zwei Meter breiten und 1,20 Meter tiefen Verschlag aus alten Brettern, in den engen Gassen des Marktes von Old Fadama. Unter der Decke des stickigen Raums baumelt eine Glühbirne. Daneben verteilt ein Ventilator aus einer ausrangierten Klimaanlage die Hitze in dem Bretterverschlag.  Vor der Werkstatt ist es laut und wuselig. Menschen schieben sich durch die engen Gassen und von den löchrigen Wellblechdächern, die Verkäufer und Besucher vor Sonne und Regen schützen sollen, schallen das Stimmengewirr und die Musik von den Marktständen in doppelter Lautstärke zurück. Dies ist eigentlich kein Ort, an dem man sich konzentriert und in Ruhe der Herstellung von Schmuckstücken widmen kann. 

Agbogbloshie - einer der giftigsten Orte der Welt

Die Bewohner Accras, die nicht in Old Fadama leben müssen, nennen diesen Ort verächtlich Sodom und Gomorra. Nicht nur wegen der prekären hygienischen Verhältnisse, der extremen Kriminalitätsrate und der massiven Drogenproblematik, sondern weil Old Fadama ein Teil von Agbogbloshie ist, einer drei Hektar großen Elektroschrotthalde, die zu den giftigsten Plätzen der Welt gehört. 

Man riecht diesen Ort, der nur rund einen Kilometer von Accras Geschäftsviertel mit Wolkenkratzern und Luxushotels entfernt ist, schon bevor man ihn erreicht. Die Mischung aus feuchtem Müll, faulenden Essensresten, dem Qualm tausender Holzkohleöfen, dem Dung von Kühen, Ziegen und Hühnern, die auf der Suche nach Essbarem auf der Müllhalde umherstreifen und dem Gestank von verbranntem Gummi legt sich schwer auf die Lunge. Doch man riecht Agbogbloshie nicht nur, die Müllhalde im Nordwesten Accras ist auch nicht zu übersehen.  Weithin sichtbar ziehen Rauchschwaden von tiefschwarzer bis hellgrauer Färbung vom Burning Place aus, dem Ort, an dem Kabel mit Kunststoffummantelung und andere Bauteile aus Elektrogeräten verbrannt werden, um an Edelmetalle wie Kupfer, Messing, Aluminium, Silber und Gold zu kommen, über die Elektroschrotthalde und die angrenzenden Stadtteile. 

Die Hitze und der Gestank rund um die lodernden Flammen am Burning Place sind unerträglich. Schon nach kurzer Zeit an diesem apokalyptischen Ort inmitten Europas Müllbergen auf afrikanischem Boden sind Haut, Haare und Kleidungsstücke mit einer klebrigen Rußschicht überzogen. Beim Verbrennen von Plastik werden nicht nur Schwermetalle wie Blei und Cadmium freigesetzt, sondern auch krebserregende Stoffe produziert. Massive Umweltverschmutzungen und gesundheitliche Schäden für die mehr als 100.000 Menschen, die unter diesen menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen, sind buchstäblich mit Händen zu greifen. Dies schlägt sich auch in den Statistiken nieder. Nahrungsmittel, die in Agbogbloshie produziert oder verkauft werden, überschreiten sämtliche Grenzwerte für Schadstoffe um ein Vielfaches. Deswegen ist die Lebenserwartung der Menschen von der Elektroschrotthalde mit maximal 40 Jahren deutlich geringer als im restlichen Afrika südlich der Sahara. Dort liegt sie bei 62 Jahren. 

Handyspendenaktion macht auf Missstände aufmerksam

Schätzungsweise 17.000 Tonnen Elektroschrott werden jedes Jahr nach Agbogbloshie verschifft – illegal. Ein großer Teil kommt aus Europa, vieles davon aus Deutschland. Bereits seit zehn Jahren macht das katholische Hilfswerk missio Aachen mit seiner im Jahr 2016 gestarteten Handyspendenaktion auf diesen Missstand aufmerksam. Der damalige missio-Präsident und heutige Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Klaus Krämer, erinnert sich: „Die Handy-Aktion sollte deutlich machen, dass wir mit globalen Konflikten wie beispielsweise dem Bürgerkrieg im Kongo und den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen in unserem Alltag viel enger verbunden sind, als wir uns das überhaupt bewusst machen. Daneben wollten wir auch darauf aufmerksam machen, dass in jedem Handy wertvolle Edelmetalle wie Kupfer, Gold und Coltan verbaut sind. Diese wurden und werden etwa im Kongo und in Ghana unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut und haben meistens auch große Umweltschäden zur Folge.“ 

Mehr als 500.000 Handys wurden in den vergangenen zehn Jahren von missio gesammelt. Doch auch wenn die Handyspendenaktion ein großer Erfolg war und ist, landen immer noch zu wenige Altgeräte wie Tablets, Smartphones, Computer oder Kühlschränke in Deutschland auf Wertstoffhöfen oder bei den offiziellen Rücknahmestellen. Deswegen hatte missio bereits im vergangenen Jahr eine Recycling-Wende in Deutschland und ein Ende illegaler Müllexporte nach Afrika gefordert. 

Missio fordert Handypfand für Deutschland

Jetzt geht das Hilfswerk noch einen Schritt weiter. Vor dem Start des Demonstrationszuges mit dem Recyclingkreuz fordert missio mit einer Banner-Aktion und einer improvisierten Pressekonferenz am Burning Place in Agbogbloshie die Einführung eines Pfandsystems für Mobiltelefone in Deutschland und appelliert von Ghana aus an Bundesumweltminister Carsten Schneider, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit Deutschland endlich die EU-Recycling-Quote erfüllt. „Gerade an Smartphones wird deutlich, wie wichtig Recyceln und Wiederaufbereiten für eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen ist. Es geht aber nicht nur um Umweltschutz, sondern auch um Menschenrechte, wenn man etwa sieht, wie die Menschen hier auf der Elektroschrotthalde arbeiten“, sagt der aktuelle missio-Präsident Pfarrer Dirk Bingener. 

Schutzkleidung oder Schutzmasken sind in Agbogbloshie Fehlanzeige. Mit Hammer und Meißel und manchmal sogar mit bloßen Händen brechen die Menschen auf der Elektroschrotthalde die Gehäuse von Smartphones, Klimaanlagen, Kühlschränken und seit kurzem auch von den in Europa gerade angesagten Airfryern auf, um an die wertvollen Edelmetalle zu kommen, die in Kabeln und anderen Bauteilen der alten Elektrogeräte stecken. 

Papst Leo XIV. segnet Recyclingkreuz

Auch Iddriss hat „sein Kreuz“, das auf dem Laster durch Accra gefahren wird, aus Messing geformt, welches in Agbogbloshie aus alten Klimaanlagen gewonnen wurde. Seit seiner Übergabe an missio im Frühjahr 2025 war das Recyclingkreuz von der Elektroschrotthalde viel unterwegs - in deutschen Diözesen, im Europaparlament in Brüssel und auch in Rom, wo Papst Leo der XIV. das Kreuz gesegnet hat. Jetzt ist es zurückgekehrt an seinen Ursprungsort. Für Iddriss ist es ein Wiedersehen mit seinem Kreuz nach rund einem Jahr. Vielleicht kann er es auch deswegen nicht aus den Augen lassen, während er durch Accras Straßen hinter ihm herläuft. In seinen Händen hält der 33-Jährige ein Plakat, auf dem in goldenen Buchstaben „The Cross transforms all“ steht – „Das Kreuz verwandelt alles“. 

Tatsächlich hat das Recyclingkreuz der Debatte um den Umgang mit Elektroschrott in Deutschland einen Schub gegeben und verleiht auch jetzt der Forderung nach einem Handypfand als sicht- und greifbares Symbol Nachdruck. „Je mehr in Deutschland recycelt wird, desto weniger illegale Elektroschrott-Exporte gibt es, die meine Heimat Ghana verschmutzen“, spricht die Ordensschwester Mercy Benson, die im „Guardian Angel Day-Care-Center“ mitarbeitet, am Rande des Demonstrationszuges in das Mikrofon eines örtlichen Radiosenders. Ein einfaches Statement, das den Kern des Problems aber klar benennt.

Hoffnung, die mitten aus dem Schrottplatz wächst

Auch Recyclingkünstler Iddriss ist mittlerweile ein gefragter Gesprächspartner für Medien aus dem In- und Ausland, denn das Kreuz hat auch sein Leben auf den Kopf gestellt. Es ist das Leben eines gläubigen Muslims, der sich vor vielen Jahren aus einem kleinen Dorf im bitterarmen Norden Ghanas auf den 700 Kilometer langen Weg in die Hauptstadt gemacht hat, weil seine Eltern das Schulgeld für ihren Sohn nicht mehr zahlen konnten. In Old Fadama gestrandet, hat er über Jahre als Schrotthändler in Agbogbloshie gearbeitet und mit Metallen gehandelt, um irgendwie zu überleben. Schließlich hat ein Freund den Kontakt zu einem Juwelier hergestellt. Bei ihm hat Iddriss zwei Jahre gearbeitet und sein Handwerk erlernt, bevor er sich 2018 mit einer eigenen Werkstatt selbständig gemacht hat. Seitdem fertigt er in dem winzigen Bretterverschlag auf dem Markt von Old Fadama individuelle Schmuckstücke wie Armreifen und Ketten mit Namenszügen aus Altmetall von der Elektroschrotthalde, die er auf lokalen Märkten verkauft. Jetzt hat er sein Angebot um Kettenanhänger in Kreuz- oder Schutzengelform erweitert. Die Erzdiözese Accra hat bereits mehrere Hundert davon als Geschenk für Kommunionkinder bestellt. Dank des Recyclingkreuzes verdient Iddriss jetzt monatlich so viel wie ein Lehrer.

Und auch in seiner Werkstatt, die aus nicht mehr als einer hölzernen Werkbank, einem alten Tisch, einem Schemel aus orangefarbenem Plastik, einer Laubsäge, einem Gravurstift und einer Schleifmaschine besteht, ist der „Wandel“ sichtbar: Direkt über der Werkbank hängt ein gerahmtes Bild von Papst Leo XIV. mit dem Kreuz. Sobald Iddriss von seiner Arbeit aufblickt, hat er den Papst und sein Kreuz vor Augen. Während unseres Werkstattbesuchs, bei dem der Künstler die Produktion seiner Schutzengel zeigt, bleibt sein Blick immer wieder für einige Sekunden an Papst Leo und seinem Kreuz hängen, bevor er sich wieder dem Metallrohling auf der Werkbank zuwendet. 

Interview: Bischof Krämer zu möglichem Pfandsystem für Mobiltelefone

Vor zehn Jahren haben Sie in Ihrer Funktion als Präsident des Hilfswerks missio die Handyspendenaktion ins Leben gerufen. Was war der auslösende Moment dafür?

Es war zum einen die Tatsache, dass jeder von uns ganz selbstverständlich täglich ein Handy nutzt. Außerdem haben die meisten Menschen etliche alte Handys in verschiedenen Schubladen zu Hause liegen und denken gar nicht darüber nach, dass sie über diese Geräte mit Situationen in Verbindung stehen, die mit Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung, Umweltverschmutzungen und auch mit Bürgerkriegen zu tun haben. Damals kamen sehr viele der Rohstoffe, die in unseren Handys verarbeitet werden, aus dem Kongo - einem Bürgerkriegsgebiet. In diesen Konflikten ging es auch um den Abbau von Edelmetallen und Seltenen Erden, die für die Produktion von Handys gebraucht werden. Abbau und Verkauf dieser Edelmetalle haben den Bürgerkrieg am Laufen gehalten und Hunderttausenden unermessliches Leid zugefügt. Die Handyaktion sollte deutlich machen, dass wir mit diesen globalen Konflikten und Menschenrechtsverletzungen in unserem Alltag viel enger verbunden sind, als wir uns das überhaupt bewusst machen. Daneben wollten wir auch darauf aufmerksam zu machen, dass in jedem Handy wertvolle Edelmetalle wie Kupfer, Gold und Coltan verbaut sind. Diese wurden und werden oft unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut und haben meistens auch große Umweltschäden zur Folge. Das waren die beiden großen Anliegen und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Aktion von Anfang an auf sehr großen Widerhall gestoßen ist, sodass unglaublich viele Handys gesammelt werden konnten.

Seit 2016 wurden in Deutschland mehr als 500.000 Handys von missio gesammelt. Was sagen Sie all den Menschen, die ihr altes Handy gespendet haben?

Ich danke allen Menschen, die sich an dieser Aktion beteiligt und missio ihre Handys zur Verfügung gestellt haben von Herzen. Mit ihrer Spende haben sich diese Menschen nicht einfach von einem Elektrogerät getrennt, sondern sich auch bewusst mit der Situation der Menschen in Afrika und Lateinamerika auseinandergesetzt. Und sie haben ein deutliches Zeichen dafür gesetzt, dass wir in einer globalen Welt leben, in der uns das Schicksal der Menschen, die in anderen Teilen der Welt leben, eben nicht gleichgültig sein kann. Missio hat das Jubiläum der Handyspendenaktion jetzt genutzt und bei einer Veranstaltung auf der Elektroschrotthalde Agbogbloshie in Accra die Einführung eines Handypfands in Deutschland gefordert. Aktuell sollen allein etwa 6.000 Kilogramm Gold, das in Handys verbaut ist, in deutschen Schubladen schlummern. 

Unterstützen Sie diese Forderung?

Mir ist bewusst, dass noch sehr viele Handys nutzlos in unseren Haushalten herumliegen und die zusammengenommen einen unglaublichen Wert an Edelmetall bedeuten. Die geschätzten 6.000 Kilogramm Gold sprechen ja für sich.  Von daher begrüße ich die Aktion von missio sehr und unterstütze gerne die Forderung nach einem Handypfand in Deutschland. Dies ist für mich auch ein logischer Schritt zur Weiterentwicklung der Handyspendenaktion nach den Erfahrungen, die wir in den vergangenen zehn Jahren damit gemacht haben. Ein Handypfand-System wäre sicher auch noch einmal ein zusätzlicher Anreiz, ungenutzte Handys konsequent in den Kreislauf zurückzugeben und so durch Recycling auch für einen bewussteren und nachhaltigeren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt einzutreten.

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