Geschichte

Ein Stern im Dunkel des Hasses

Das Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit in der ehemaligen Abtei Mariastern in Banja Luka ist ein Lichtstreif am Horizont der trüben „Großwetterlage" in Bosnien und Herzegowina. In die Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es freundschaftliche und historische Verbindungen. Foto: Rudolf Baier Fotodesign

Versöhnung – trotz allem. Das will das Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit in Banja Luka. Mit erstaunlichen Verbindungen nach Schwaben.

Das Zusammenleben der Völker in Bosnien und Herzegowina ist auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Friedensschluss von Dayton von Konflikten geprägt. Und auch wenn der Krieg in der Ukraine derzeit andere Konfliktherde überschattet, ist diese Region „eine Vulkanstelle“, wie der katholische Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, beklagt. Systematische Benachteiligung und Diskriminierung der kroatischsprachigen katholischen Minderheit und die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft stehe der Bildung eines funktionierenden Rechtsstaats in Bosnien und Herzegowina im Wege und könne gewaltige Verwerfungen im komplizierten ethnischen und rechtlichen Gefüge auf dem Balkan zur Folge haben. Mit einem Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit in der ehemaligen Trappisten-Abtei Mariastern in Banja Luka will der Bischof ein kleines Hoffnungszeichen in dieser verfahrenen Situation setzen. Das frühere Kloster steht wie kaum ein anderer Ort für die paneuropäische Idee.

Äbte aus Oberschwaben im paneuropäischen Konvent

„Die Trappisten in dieser Abtei kamen aus 16 europäischen Ländern; das war ein paneuropäischer Konvent“, erklärt Andreas Raab, Sekretär des Kuratoriums des Europa-Zentrums für Frieden und Zusammenarbeit „Kloster Mariastern". „Zwei Äbte, die das Kloster groß ausgebaut haben, stammten aus Oberschwaben.“ Mehr noch: Unter diesen Äbten erlebte nicht nur das Kloster eine Blütezeit, sondern es wurde „zum Segen für eine ganze Gegend“, wie Ernst Walz herausgefunden hat. In langjähriger akribischer Arbeit hat der Riedlinger, aus dessen Familie mehrere Trappisten hervorgegangen sind, die Geschichte der Abtei und ihre große Bedeutung für den wirtschaftlichen Aufschwung der Region um Banja Luka dokumentiert. Walz‘ Ehefrau ist eine geborene Aßfalg, deren Name eng mit Mariastern verbunden ist, wie eine Gedenktafel an der Kirche in Grundsheim bei Ehingen erinnert.

Aus der Weber- und Bauernfamilie in dem oberschwäbischen Ort stammte der spätere Abt Dominikus Aßfalg, der 1877 als 30-jähriger Mann nach Bosnien ging, um Klosterbruder zu werden. Sein Wissen, das er im väterlichen Betrieb und auf dem großen Gutshof des Fürsten von Thurn und Taxis erworben hatte, war ihm als Kloster-Ökonom und dann Abt (Amtszeit von 1894 bis 1920) von großem Nutzen: „Abt Dominikus führte den bis dahin fast unbekannten Kartoffelanbau ein, sorgte für bessere Obstsorten und Obstanlagen“, schreibt Walz in seiner Dokumentation.  Modernes Ackerbaugerät, edles Zuchtvieh und der Ausbau der Käsebereitung und -vermarktung als Haupterwerbszweig der Trappisten waren wichtige Pfeiler des Aufschwungs. „Im Jahre 1896 wurde eine Bierbrauerei, 1897 eine neue Weberei und Tuchfabrik, 1898 ein neues Elektro-Kraftwerk am Vrbas-Fluss in Betrieb genommen. Anno 1900 war das Lehrlingsheim fertig. Im Jahr 1910 lieferte die auf das Modernste eingerichtete neue Mühle nun täglich runde 25 Tonnen Mehl und Mühlenprodukte“, schreibt Walz.

Eine Blütezeit dank schwäbischem Knowhow

Rund 200 Ordensleute zählte die Abtei, als sie vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit oberschwäbischem Knowhow eine Blütezeit erlebte. Ihre Bedeutung für die Region spiegelt sich auch in dem von den Trappisten geführten Waisenhaus, den Schulen und den klösterlichen Werkstätten wider. Die im Kloster ausgebildeten Lehrlinge wurden „als sehr gefragte Tischler, Schlosser, Wagner, Küfer, Schuster, Weber, Schneider und Maurer entlassen“, weiß Walz zu berichten. Das klösterliche E-Werk habe zeitweise ganz Banja Luka mit Strom versorgt. Dank der Trappisten war die Stadt bereits vor Sarajevo und vor Zagreb elektrifiziert. Der österreichische Kaiser Franz Josef I. verlieh 1914 Abt Dominikus für die Verdienste der Klostergemeinschaft um Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe und Industrie sowie um die Jugenderziehung das Offiziumskreuz des Franz-Josef-Ordens.

Auch Dominikus‘ Nachfolger als Abt, Bonaventura Diamant (Amtszeit von 1920 bis 1944), stammte aus Oberschwaben. Der gebürtige Biberacher hat sich als Bauherr der zweiten Klosteranlage in die Geschichte von Mariastern eingeschrieben. Mit bis zu 220 Mönchen erreichte der Konvent in seiner Amtszeit die größte Ausdehnung.

Die Verständigung neu beleben

Dieses Erbe – zumindest auf geistig-geistlicher Ebene – will Bischof Komarica wieder für die Region um Banja Luka fruchtbar werden lassen. Vor allem die Verständigung der ethnischen Gruppen und der europäische Gedanke sollen neu belebt werden. „Das ist eines der Hauptarbeitsfelder, die wir im Europa-Zentrum Mariastern leisten wollen: Es kann ja nicht sein, dass jemand, der in Bosnien europäisch denkt, nur dann Europäer sein kann, wenn er nach Deutschland oder Österreich emigriert“, sagt Andreas Raab, der auch Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland ist. „Die Idee ist, dass wir europäische Verhältnisse schaffen für die junge Generation in Bosnien.“

Im Dayton-Abkommen sei allen Vertriebenen aus Bosnien und Herzegowina die Rückkehr garantiert worden, erklärt Raab. „Aus dem Machtbereich der Teilrepublik Srpska, in dem die Region von Banja Luka liegt, sind 95 Prozent der Katholiken vertrieben worden.“ Doch ihre Rückkehr werde durch bürokratische Hürden und systematische Benachteiligung, etwa bei der Zuteilung von finanziellen Rückkehr- und Aufbauhilfen, praktisch unmöglich gemacht, kritisiert er. Und das geschehe offenbar mit Duldung der internationalen Gemeinschaft.

Katholiken haben integrierende Rolle

Nach den Worten von Bischof Komarica gibt es Bestrebungen, dieses Land mit seinen drei konstitutiven Völkern – Serben, Bosniaken und Kroaten – und einer fast 1000-jährigen Geschichte zu teilen, und zwar zwischen islamischer Bevölkerung und serbisch-orthodoxer oder serbisch-atheistischer Bevölkerung. „Das dritte und älteste Volk in Bosnien, das kroatische und überwiegend katholische Volk, spielt in dieser Denkart keine Rolle mehr. Und das ist problematisch. Das ist viel ernster zu nehmen als man meint.“ Die katholischen Kroaten hätten eine große integrierende Rolle gespielt, wirkten wie „Klebstoff“ zwischen Serben und Bosniaken, wie der Bischof es ausdrückt. „Wenn dieser Klebstoff wegfällt, dann werden diese beiden Welten – die islamische und die orthodoxe – noch weiter auseinanderklaffen.“ Dann werde es noch mehr Unruhe geben.

Verständigung - trotz allem

Trotz aller Widrigkeiten setzt sich Bischof Komarica für die Verständigung ein. Die christliche Botschaft habe das Potenzial für Versöhnung und gute Zusammenarbeit. Auf dem kleinen verbliebenen Areal des Klosters, dessen Besitz zu 90 Prozent von den Kommunisten enteignet und bis heute nicht zurückgegeben wurde, ist vor einem Jahr das Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit entstanden. Ziel ist es, „aus dem Geist der Mönche Wege in eine bessere Zukunft zu bahnen – durch Dialog, Versöhnung und Bildung“, erklärt Komarica. Symposien und Begegnungsveranstaltungen sollen diesen Geist stärken. Der Bischof hat dabei besonders Angebote und Projekte für junge Menschen im Blick, deren Abwanderung ihm große Sorgen bereitet. „Wir verlieren jedes Jahr viele tausende junge, arbeitswillige und gut ausgebildete Menschen.“

Der Bischof, der über enge Verbindungen in die Diözese Rottenburg-Stuttgart verfügt, verweist gern auf einen Umstand, der ihm Hoffnung gibt: Eine Muttergottes-Statue, die in 30 Meter Höhe in der Kirche von Mariastern steht, sei bei dem Erdbeben 1969 nicht herabgestürzt, obwohl sie unbefestigt war und vieles andere stark beschädigt wurde. „Solange Maria hier oben steht, besteht auch Mariastern“, davon seien die Gläubigen überzeugt. „Unsere Generation von Christen ist nun eingeladen, einen Platz der Hoffnung, Zuversicht und des Friedens in dieser sehr unruhigen Gegend mitten in Europa zu schaffen“, sagt Bischof Komarica. „Das ist die beste Predigt, die wir hier anbieten können.“

Friedensgottesdienst zum Donaufest

Der ökumenische Gottesdienst zum Donaufest wird am 3. Juli 2022 um 16 Uhr in der Basilika Wiblingen gefeiert. Er findet als Friedensgottesdienst statt, der auch das Anliegen des Friedens in der Ukraine und auf dem Balkan aufgreift. Bischof Franjo Komarica aus Banja Luka (Bosnien-Herzegowina) wird die Predigt halten und dabei auch Kriegserfahrungen aus dem Bosnien-Krieg in Erinnerung rufen. Basilika-Organist Wolfgang Tress wird Teile aus der eigens vom Norweger Sverre Efstesöl für die Einweihung der neuen Hauptorgel komponierten Stücks „Der Elva renn“ – zu deutsch: Wo der Fluß fließt – spielen. Dieser Fluss ist in diesem Fall die Donau, die Ulm mit den Donauländern und am Ende auch mit der Ukraine verbindet.

Anschließend um 17 Uhr findet ein Meisterkonzert auf der neuen Hauptorgel mit Edmund Andler-Boric aus Zagreb statt. In den dargebotenen Werken von Bach, Mozart, Liszt und Lucic soll der Donauraum mit Österreich, Kroatien und Ungarn musikalisch zum Klingen kommen.

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