Die Notfallseelsorge Stuttgart feiert Jubiläum: Seit 25 Jahren stehen die dort ehrenamtlich Aktiven rund um die Uhr bereit, um bei medizinischen Notfällen, Suiziden, bei Gewalttaten, Unfällen, Bränden und im Katastrophenfall zu helfen. „Unser Einsatz beginnt häufig in Situationen von Kontrollverlust, die sich nicht aus eigener Kraft bewältigen lassen“, sagt Andreas Groll, Ständiger Diakon und Leiter der Notfallseelsorge Stuttgart.
Groll und sein Team stehen nicht nur den Betroffenen und deren Angehörigen zur Seite: Die Notfallseelsorge Stuttgart – so wie die Notfallseelsorge in ganz Württemberg – ist auch für die seelsorgerliche Begleitung der Einsatzkräfte da, betont Matthäus Karrer, Weihbischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „Es ist ein urchristlicher Auftrag, gerade auch die Menschen im Blick zu haben, die für die Sicherheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen und notfalls dafür ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren. Deshalb werden die Kirchen auch weiterhin mit großem Engagement in der Seelsorge für Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Militär aktiv sein“, betont der Weihbischof.
Ein Markenzeichen
„Die Notfallseelsorge Stuttgart wird gemeinsam getragen von der Stadt Stuttgart und ihrer Branddirektion, dem evangelischen Stadtdekanat und dem katholischen Stadtdekanat. Gerade diese intensive Zusammenarbeit mit kommunalen und ökumenischen Partnern wird ein Markenzeichen der Seelsorge in der Kirche der Zukunft sein“, sagt Karrer, der im Bischöflichen Ordinariat der Diözese die Hauptabteilung „Pastorale Konzeption“ leitet.
Normale Reaktion auf unnormale Situation
Dabei ist in der Öffentlichkeit laut Groll weitgehend unbekannt, dass alle Menschen die Notfallseelsorge kostenlos in Anspruch nehmen können. Die Alarmierung erfolgt in der Regel durch die Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste. Manchmal wird aber auch bei der Rettungsleitstelle unter der Telefonnummer 112 die Notfallseelsorge direkt über einen Anruf von Betroffenen angefordert. „Niemand muss allein sein, wenn etwas Schlimmes passiert.“ Allein schon diese Botschaft der Notfallseelsorge wirkt, denn sie stärke die Widerstandskraft der Bevölkerung, ist sich Groll sicher. Und er berichtet vom Gespräch mit einem Mann, der unversehens Ersthelfer bei einem schweren Unfall wurde und die Bilder des Erlebten nicht aus dem Kopf bekam. Er rief bei der Notfallseelsorge an. „Oft ist schon dieser erste Kontakt total hilfreich für die Betroffenen“, sagt Groll. „Wir sagen den Menschen, dass wir für sie da sind und ich erkläre, dass das Erlebte natürlich schlimm ist, und die Belastungsreaktionen eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation sind. Die Menschen dürfen hoffen, dass es im Leben weitergeht und die Schreckensbilder mit der Zeit zum kleinen Teil der riesigen Bildersammlung in uns werden.“ Schon diese einfache Wahrheit helfe oftmals zu beruhigen, wenn es am schlimmsten ist, wenn die Knie im wahrsten Sinn des Wortes weich werden und die Hände zittern. Für das Zurückfinden in den Alltag rät Groll später auch zu Ritualen – in einer Kirche eine Blume ablegen, eine Kerze entzünden. „Viele tun das gerne“, berichtet er. Andere wollten lieber zu Hause an die Verunglückten oder Verstorbenen denken und ihnen Gutes wünschen. „Und auch das ist eine Art des Betens“, sagt Groll ihnen dann.
60 Prozent Ehrenamtliche
Laut Weihbischof Karrer waren in der Notfallseelsorge vor 25 Jahren fast ausschließlich hauptberufliche Seelsorgerinnen und Seelsorger der beiden großen Kirchen aktiv. „In der Zwischenzeit sind in Stuttgart sowie in ganz Württemberg mehr als 60 Prozent der Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger Ehrenamtliche. Groll beispielsweise ist zweifacher Familienvater, wurde 2021 zum Ständigen Diakon der württembergischen Diözese geweiht und ist zugleich als Ingenieur in der Erneuerbare-Energien-Branche tätig. Andere im Team arbeiten als Eventmanager, Krankenschwester, Mathematiker oder Schreiner.
Beispielhafte Entwicklung
Hier zeige sich eine beispielhafte Entwicklung, die ganz im Sinne der theologischen Überzeugung steht, dass alle Getauften zur Seelsorge berufen sind, sagt Weihbischof Karrer. Die Notfallseelsorge zeichne auch aus, dass alle Seelsorgerinnen und Seelsorger – unabhängig von ihrem beruflichen Hintergrund – eine standardisierte und qualitativ hochwertige Ausbildung in acht Modulen, mit rund 340 Unterrichteinheiten, unter anderem an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal durchlaufen und permanent zur Fort- und Weiterbildung verpflichtet sind. „Die Qualität der Seelsorge durch permanente Fort- und Weiterbildung der Seelsorgenden zu sichern ist auch ein Ziel des Prozesses Kirche der Zukunft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“, erläutert Karrer und Groll fügt an: „Wir müssen wissen, wie Einsatzstellen funktionieren und die Abläufe erklären können. Damit halten wir den anderen Einsatzkräften vor Ort dann auch den Rücken frei für deren Arbeit bei einem Einsatz.“
Immer auch eine Herausforderung
Die hochwertige Ausbildung wiederum helfe den derzeit rund 70 Aktiven der Notfallseelsorge Stuttgart, die immer zu zweit in ihre Einsätze gehen, das Erlebte selbst gut zu verarbeiten. Zusätzlich gebe es Übungen, Einsatz-Nachbesprechungen, Supervision sowie einen „Hintergrund- und Leitungsdienst“, der sieben Tage die Woche 24 Stunden bereitsteht.
So ist der Dienst bei der Notfallseelsorge immer auch eine Herausforderung. Besonders dann, wenn ein Kind vermisst wird oder gestorben ist, sagt Groll. Und er berichtet: „Wenn ich in der Stadt an einem Ort vorbeifahre, an dem es einen Einsatz gab, erinnere ich mich genau daran. Jeder Einsatz ist wie ein Tattoo, das sich auf der Seele einbrennt.“ Da hilft, dass das Engagement sehr geschätzt wird. „Nachwuchssorgen haben wir derzeit keine“, befindet Groll und zugleich sei die Zahl der Einsätze in den vergangenen 25 Jahren stark gestiegen; 2025 rückten die Seelsorgenden 316 Mal aus. Beigetragen hat dazu womöglich auch ihre Entscheidung, über das eigene Wirken auf Social Media zu informieren: „Anfangs gab es bei uns große Diskussionen, ob wir mit unserer Arbeit an die Öffentlichkeit gehen können – aber das ist wichtig. Wir berichten über die Zahl der Einsätze – die Leute interessieren sich, folgen uns auf unserem Instagram-Kanal und melden sich.“ Bei einem Infoabend im vergangenen Jahr seien so 55 Interessierte gekommen. „Da sind wir fast aus den Latschen geflogen“, sagt Groll anerkennend. Am 11. März gibt es im Stuttgarter Rathaus bei einer Veranstaltung nun wieder die Möglichkeit, die Arbeit der Seelsorgerinnen und Seelsorger im Ehrenamt näher kennenzulernen. Ob wieder mehr als 50 Interessierte kommen werden? Groll und sein Team hätten große Freude daran.






