Fastenzeit

Eine Finca voller Vielfalt

Frau steht im Grünen und hält Korb mit Gemüse

Claudia Yaneth Burbano auf ihrer Finca in Narino, Kolumbien. Foto: Misereor / Kopp

Landwirtin Claudia Burbano Yaneth berichtet im Rahmen der Misereor-Fastenaktion, wie sie ihren Hof in Kolumbien nachhaltig umgestellt hat.

Agaven, wohin man nur blickt – so muss Claudia Yaneth Burbano Zamudios Hof in Kolumbien noch vor wenigen Jahren ausgesehen haben. Jetzt findet sich dort allerlei Obst und Gemüse, Kaffeepflanzen, Bananenstauden, Blumen, Hühner und andere Tiere. Denn die Vierzigjährige hat sich entschieden, ihren Hof weg von der Monokultur und hin zu biologischer Vielfalt und nach agrarökologischen Prinzipien umzugestalten. Damit ist sie zum Vorbild für andere Familien in der Region geworden – und unterstützt sie jetzt bei der Umstellung.

Dieser Arbeit geht sie im Rahmen der Landpastoral nach, ein Programm, das das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor in der Diözese Pasto seit über zwanzig Jahren unterstützt. Im Rahmen der Misereor-Fastenaktion besucht Yaneth Burbano gemeinsam mit drei weiteren Landwirt:innen und ihrer Übersetzerin Maria Guerrero de Stöhr einige Diözesen in Deutschland, um Vorträge zu halten und Zeugnis zu geben, was durch die Unterstützung verändert werden kann.

Im Interview berichtet sie davon, wie sie es geschafft hat, ihren Hof trotz mancher Probleme und Herausforderungen umzustellen – und wie sie diese Arbeit jetzt belohnt.

Frau Yaneth Burbano, wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Meine Tage sind mit viel Arbeit gefüllt! Wenn mein Mann nicht zu Hause ist, stehe ich um vier Uhr morgens auf und bereite Frühstück und Mittagessen vor. Wenn er da ist, kann ich etwas länger schlafen – bis fünf Uhr. Einer meiner beiden Söhne wohnt noch bei uns, er ist fünfzehn und macht sich um sechs Uhr morgens auf den Weg zur Schule.
Sobald er aus dem Haus ist, mache eine Runde über den Hof, füttere die Meerschweinchen und die Hühner und gieße bei Bedarf die Pflanzen.
Nachdem ich geduscht habe, mache ich mich auf den Weg, um als Beraterin der Landpastoral andere Höfe zu besuchen. Oder ich habe Besprechungen, zum Beispiel mit dem Bürgermeister.

Unterwegs bin ich dabei mit dem Moped. Bei uns gibt es kaum asphaltierte Straßen und da ist das das beste Fortbewegungsmittel. Manchmal reicht die Straße nicht direkt an den Hof der Familie heran, die ich besuchen will – dann gehe ich das letzte Stück zu Fuß, zum Teil bis zu zwei Stunden.

Manchmal fallen auch weitere Dinge an: Für meine Arbeit bin ich hin und wieder für zwei bis drei Tage auf Reisen – dann muss ich vorher alles organisieren. Außerdem bin ich im Schulbeirat, Gemeinderat, Kulturrat und Kirchendienst – ich bin immer aktiv und tätig! So war ich schon immer, auch als kleines Mädchen.

Wenn ich es schaffe, esse ich zu Hause zu Mittag, ansonsten komme ich gegen 18 Uhr zurück. Nachdem ich die Hausarbeit erledigt und mich nochmal um die Tiere gekümmert habe, kann ich abends noch etwas entspannen.

Früher hatten Sie keine Tiere und haben nur Agaven angebaut. War das dann weniger Arbeit?

Tatsächlich nicht. Mein Mann und ich konnten uns nach jahrelanger harter Arbeit endlich einen Hof und eigenes Land leisten. Dort wuchsen nur Agaven. Beim Monokulturanbau entfernt man das Unkraut und verbrennt die Böden nach jeder Ernte – das ist sehr viel Arbeit. Am Anfang waren wir trotzdem glücklich, aber nach und nach wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern will.

Was bedeutet Monokultur?

Bei einer Monokultur wird über mehrere Jahre hinweg auf einer Fläche nur eine Pflanzenart angebaut. Das hat mehrere Vor- und Nachteile: Monokultur ist häufig effizient, da Landwirt:innen sich auf eine Pflanzenart spezialisieren können. Allerdings nutzen die Pflanzen nur bestimmte Nährstoffe im Boden – so kommt es zu Nährstoffmangel. Außerdem werden die Pflanzen anfälliger für Schädlinge. Daher müssen mehr Düngemittel und Pestizide eingesetzt werden. Zudem finden weniger Tiere dort Nahrung, was sich negativ auf die Artenvielfalt auswirkt.
Agaven werden zum Beispiel als Faserlieferanten genutzt, außerdem für die Herstellung von Tequila und Agavendicksaft. 

Was hat Sie denn gestört?

Unsere Finca heißt „Mira flores“ (in etwa: „sieh‘ die Blumen“), aber es gab nirgends Blumen zu sehen, nur Agaven. Außerdem haben wir auf unserem Hof nichts angebaut, das wir selbst essen konnten. Die Lebensmittel im Supermarkt – auch Kaffee zum Beispiel – sind oft nicht von hoher Qualität, weil die besten Sachen exportiert werden.

Was hat dann den Ausschlag gegeben, Ihren Hof zu verändern?

Einerseits war es die bloße Notwendigkeit, unser eigenes Essen anzubauen. Diabetes und hoher Blutdruck sind ein großes Problem in der Gesellschaft in Kolumbien – für unsere Gesundheit war es also sehr wichtig. Andererseits hatte ich jahrelang Weiterbildungen der Landpastoral unserer Diözese zum agrarökologischen Anbau besucht. Daher besaß ich genug Wissen darüber – das wollte ich in die Praxis umsetzen. Allerdings gab es auch ein Gefühl der Machtlosigkeit, weil mein Mann zuerst komplett gegen eine Umstellung war.

Wieso war Ihr Mann gegen den Umstieg zu agrarökologischem Anbau?

Rückblickend glaube ich, dass er aus Unwissenheit so reagiert hat. Die Anbaumethode war neu und anders als das, was er von seinen Eltern und Großeltern gelernt hat. Bei ihnen waren Monokulturen etabliert. Außerdem war es schwer, diese neuen Ideen von einer Frau zu akzeptieren.
In Kolumbien ist es häufig so, dass nur der Mann Geld verdient und die Frau bei der Ernte hilft und finanziell von ihm abhängig ist. Mein Mann war anfangs nicht begeistert davon, Gräser zu pflanzen und Tiere zu halten. Mich hat das sehr frustriert. Aber: Ich bin eine sture Frau und setze das durch, was ich möchte. Dass ich meinen Mann schlussendlich überzeugen konnte, umzustellen, ist das, worauf ich in meinem Leben am meisten stolz bin. Inzwischen hat er gemerkt, dass wir sogar weniger Arbeit haben: das Unkraut darf bleiben und der Boden auch – es ist eine Erleichterung.

Hatte die Umstellung noch mehr positive Auswirkungen?

Ja – obwohl wir nur auf einem halben Hektar Lebensmittel für uns anbauen, haben wir jetzt viel Gemüse und Obst. Manchmal ist es sogar zu viel, dann tauschen wir mit unseren Nichten und Neffen zum Beispiel Limetten, Limonen oder Mandarinen gegen Kochbananen. Unser Speiseplan ist deswegen sehr vielfältig. Weil ich gerne Kaffee trinke, habe ich mit meinem Onkel Kaffeepflanzen angebaut und wir können unseren eigenen Kaffee trinken. Im Supermarkt kaufe ich jetzt nur noch Reinigungsmittel, Reis, Öl und Salz.
Weil wir so viele verschiedene Pflanzen haben, kommen jetzt viele Vögel und Eichhörnchen zu uns und knabbern am Obst, zum Beispiel an den Bananenstauden – sie fressen nicht viel und ich finde es schön, wenn wir mit ihnen teilen. Außerdem habe ich meinem Mann beigebracht, die Exkremente der Meerschweinchen und Hühner in die Erde zu mischen und als Dünger zu benutzen – so müssen wir keine Chemie mehr verwenden.

Außerdem bleibt die Feuchtigkeit dank dem Unkraut im Boden – so ist er besser vor dem Austrocknen geschützt und Erosion wird verhindert. Das ist wichtig, weil der Klimawandel in Kolumbien stark spürbar ist. Das Land ist reich an Wasser – allerdings gibt es keine Bewässerungsanlagen. Wenn die Hitzeperioden dann lange dauern, gibt es hohe Ernteverluste.

Und jetzt bringen Sie auch anderen bei, wie man agrarökologisch umstellt?

Genau. Bei meiner Arbeit für die Landpastoral begleite und berate ich Frauen, Männer und Kinder. Das Ziel ist, dass sie selbst erleben, wie so etwas funktionieren kann. Unser Hof ist ein Vorbild, deswegen laden wir andere Familien zu uns ein. Wir stellen dann selbst Düngemittel her oder kochen traditionelle Rezepte. Ich finde es gut, dass die Landpastoral Menschen beschäftigt, die aus der Gegend kommen – sie kennen sich aus und können so das Wissen am besten vermitteln.

Was wünschen Sie sich jetzt für die Bäuerinnen und Bauern in Kolumbien, aber auch für die jungen Leute, mit denen Sie über ihre Arbeit sprechen?

Ich wünsche mir, dass viele Familien an den Projekten teilnehmen und dass ein Umdenken stattfindet, was die Produktion von Nahrungsmitteln betrifft. Ich möchte alle dafür sensibilisieren, mit ihrem Wasser, ihren Böden, ihren Wäldern und ihrem Saatgut sorgsamer umzugehen, sodass niemand mehr Hunger leidet. Dafür wäre es notwendig, dass die jungen Menschen auf dem Land bleiben: Denn wenn niemand mehr Lebensmittel anbaut, gibt es weder welche auf dem Land noch in der Stadt.

Auf meiner Reise hier in Deutschland spreche ich mit Schulklassen und merke, dass die Jugendlichen hier oft ähnliche Probleme haben, wie die jungen Menschen in Kolumbien: Manchmal haben sie keine Hoffnung mehr, sehen sich selbst außerhalb der Gesellschaft und müssen sich selbst erst finden. Mit meiner Arbeit möchte ich ihnen Werte vermitteln, Licht für sie sein und sie motivieren – denn sie sind die Zukunft und können Veränderung erreichen.

"Was kann ich tun? Was können wir als Gemeinde tun?"

Um das Projekt Landpastoral zu unterstützen, finden Sie hier mögliche Aktionsideen.

Ein "Klassiker" in Gemeinden ist zum Beispiel das Fastenessen am 5. Fastensonntag (Misereor-Sonntag, dieses Jahr am 17. März 2024). 

Eine kleinere Aktion, die von Gemeinden, Gruppen, Schulklassen oder anderen umgesetzt werden kann, ist die Coffee-Stop-Aktion, die dieses Jahr  gut zur "Bohne" / "Kaffeebohne" passt. Am Freitag, den 15. März 2024, gibt es zudem einen bundesweiten Aktionstag

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