Geschichte

Eine Fluchtgeschichte, die Generationen prägt

Erzählcafé

Moderatorin Angelika Hart spricht mit Huu Tuan Nguyen über seine Verwandten. Foto: DRS/Guzy

Erzählcafé

Huu Tuan Nguyen beantwortet Fragen zu seiner Familiengeschichte. Foto: DRS/Guzy

Erzählcafé

Das Publikum und Musiker Gerhard Knoppek am Klavier verfolgen die Schilderungen. Foto: DRS/Guzy

Huu Tuan Nguyen, gewählter Vorsitzender des Dekanatsrats des Dekanats Heilbronn-Neckarsulm, schildert im Erzählcafé seine Familienhistorie.

Eigentlich macht er nicht viel Aufheben von sich. Aber nun sitzt Huu Tuan Nguyen im Saal des Heinrich-Fries-Hauses Heilbronn im Publikum und hört seine Familiengeschichte. Deren Dreh- und Angelpunkt ist eine riskante Flucht, die Flucht seiner Eltern.

Nguyen ist als gewählter Vorsitzender des Dekanatsrats des Dekanats Heilbronn-Neckarsulm bekannt. Er engagiert sich außerdem in seiner Kirchengemeinde St. Michael in Heilbronn-Neckargartach (Seelsorgeeinheit Über dem Salzgrund). Was er über mehrere Wochen hinweg aufgeschrieben hat, liest jetzt Schauspielerin Angelika Hart vor.

Raum für Menschen aus anderen Ländern

Erzählcafé nennt sich das Format. Es ist ein Kooperationsprojekt der ehrenamtlichen „Erzählwerkstatt für Menschen aus aller Welt“ und der Katholischen Erwachsenenbildung Stadt- und Landkreis Heilbronn (KEB). Angelika Hart und Frank Lutz sammeln die Lebensgeschichten von Menschen, die aus anderen Ländern in die Heilbronner Region gekommen sind, und die deren Kinder und Enkel. Bei Lesungen werden die Schilderungen dann professionell vorgetragen. Auf diese Weise soll die Vielfalt der Nationalitäten in Heilbronn – diese „reiche Welt“, wie es KEB-Leiterin Ingrid Wegerhoff bezeichnet – einen persönlichen Erzählraum bekommen.

Wenn er über sein Leben sprechen müsste, dann könnte die Geschichte nicht mit seiner Geburt im Jahr 1983 in Heilbronn beginnen. Sie müsste ungefähr zehn Jahre früher anfangen. So hat es Nguyen formuliert, um das Augenmerk auf seine Eltern zu lenken. Diese seien in den Vietnamkrieg hineingeboren worden. Nach dem Rückzug der Amerikaner und dem Sieg der nordvietnamesischen Kommunisten über den Süden sei es für viele Menschen im Land schlimmer geworden. Im Jahr 1978 flohen die Eltern daher vor der kommunistischen Herrschaft aus Vietnam. Das Meer war der einzige Ausweg.

Auf überfüllten Booten übers Meer

Die Familienmitglieder wurden in mehrere Gruppen eingeteilt. „Risikostreuung“ heißt das nüchtern in dem Text, den Hart vorliest. Diese „Teams“ waren aus älteren und jüngeren Verwandten zusammengesetzt. Eines Tages war das Team mit den Eltern von Nguyen nach Bezahlung eines Schleusers für die gefährliche Überfahrt auf einem der überfüllten Boote vorgesehen. „Über die Zeit auf dem Boot haben meine Eltern nie wirklich gesprochen“, hat Nguyen für das Erzählcafé festgehalten.

Das Publikum hört aber eine Andeutung der damaligen Dramatik: Seine Mutter konnte 2015 die Nachrichtenbilder über die aktuellen Bootsflüchtlinge nicht mitansehen.

Der Glaube als Anker

„Der Glaube ist für meine Eltern der zentrale Anker im Leben.“ Die Familie ist katholisch. Nguyens Text lässt den Schluss zu, dass die Eltern wohl auch auf der Flucht aus dem Glauben "Hoffnung, Gemeinschaft und Vertrauen" schöpften. Die Eltern gelangten nach Malaysia. Aus dem Flüchtlingscamp wurden sie über eine Hilfsorganisation nach Deutschland geflogen. Sie kamen zuerst nach Ludwigsburg und schließlich nach Heilbronn. In der katholischen Gemeinde in Neckargartach seien sie freundlich aufgenommen worden. Beim Ankommen half wohl der Glaube, können die Zuhörer:innen für sich vermuten.

Andere Familienmitglieder wurden auf andere Staaten verteilt. So ist die ganze Familie über mehrere Länder verstreut: Deutschland, Frankreich, Kanada, Amerika. Die Verbundenheit hält über die vielen Grenzen.

Blättern durch Familienfotos

Sein Leben, berichtet Nguyen bescheiden, sei dagegen recht normal verlaufen: Geburt, Kindergarten, Schule, Zivildienst, Hochschule, Arbeit. Bewunderung für seine Eltern und Dankbarkeit schwingt in solchen Aussagen mit. In seinem Text, in den er die feinen Fäden eines leicht selbstironischen Humors eingewebt hat, zieht Nguyen zum Schluss einen Vergleich. In dem Lebensalter, in welchem seine Eltern die gefährliche Flucht auf sich nahmen, sei er ein Student gewesen, der sich über das Essen in der Mensa gefreut habe, weil er selbst nicht kochen konnte.

Nach einem musikalischen Beitrag von Gerhard Knoppek am Klavier bittet dann die Moderatorin Nguyen aus dem Publikum, in dem auch eine Schwester und die Mutter sitzen, aufs Podium. Gemeinsam gehen sie einige Familienfotos durch, die auf einem großen Bildschirm zu sehen sind. Auch sein kirchliches Engagement taucht auf zwei Fotos auf. Für Nguyen auf uneitle Weise eine Selbstverständlichkeit, auf die nicht weiter eingegangen werden muss, wie sich der Eindruck gewinnen lässt.

So hallt noch nach Ende der Veranstaltung die Geschichte seiner Eltern umso stärker in den Köpfen der Zuhörer:innen nach. Schließlich nimmt für Nguyen in ihrer Entscheidung zur Flucht sein jetziges recht normales Leben seinen Anfang.

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