Interview

Eine Win-Win-Geschichte für alle

Im Februar 2024 verabschiedet sich Dr. Hamdan als Fachbereichsleiter Muslime in Deutschland. Als freier Berater bleibt er der Diözese treu. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Nelly Swiebocki-Kisling

Dr. Hamdan verabschiedet sich zum Februar als Leiter des Fachbereichs Muslime in Deutschland in der Akademie der Diözese. Er zieht ein Resümee.

Seit 2019 war Dr. Hussein Hamdan Leiter des Fachbereichs „Muslime in Deutschland“ in der Akademie der Diözese. Im Februar beendet der in Tübingen promovierte Islam- und Religionswissenschaftler seine Leitungstätigkeit, um sich einer neuen Herausforderung außerhalb der Akademie zu widmen – als freier Islamberater bleibt Hamdan der Diözese weiterhin treu.

Islam-Beratung ist ein großer Erfolg

„Wenn es um Inhalte geht, bin ich ein sehr streitbarer Mensch, damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht. Aber Dialog heißt auch, verschiedene Meinungen zu einem Thema zu haben und auch Streit zuzulassen, denn um weiter zu kommen, muss man auch mal Tacheles reden,“ beschreibt Dr. Hussein Hamdan seine Vorgehensweise. Auf seine Arbeit ist er zu Recht stolz. Bis heute hat sein Fachbereich insgesamt etwa 250 Beratungen durchgeführt und die von ihm geleitete Islamberatung wird weiterhin stark nachgefragt. Hamdan schwärmt: „Das ist inhaltlich mein Baby und es macht noch immer unfassbar viel Freude, so nah bei den unterschiedlichsten Menschen zu sein.“

Im Februar 2015 rief die Akademie der Diözese das Modellprojekt  „Muslime als Partner in Baden-Württemberg (Islamberatung) Information, Beratung, Dialog“ ins Leben. Das von der Robert Bosch Stiftung geförderte und gemeinsam mit der Hochschule für Öffentliche Verwaltung Kehl getragene Projekt, zunächst auf zwei Jahre angelegt, wurde ein großer Erfolg und um weitere drei Jahre verlängert. 2019 übernahm Dr. Hussein Hamdan schließlich die Leitung des neuen Fachbereichs „Muslime in Deutschland“. Als fachkundige Experten, Islamberater und Dienstleister begleiteten Hamdan und sein Team Kommunen, kirchliche Einrichtungen, Vereine und islamische Vereinigungen in Baden-Württemberg in Konflikt- bzw. Dialogprozessen, um zum Gelingen von Kommunikation und zur Stärkung von Kompetenzen auf lokaler Ebene beizutragen.

Richtiger Umgang bei konfliktträchtigen Fragen

Hamdan erklärt den Erfolg seiner Arbeit: „Die Kommunen sind in den letzten Jahren wachsamer geworden, sie wollen sich über die Menschen informieren, die Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Wir haben den Nerv getroffen, weil die Themen der Muslime in den Gemeinden angekommen sind und wir den Menschen vor Ort Sicherheit vermitteln. Wir beraten sie im Umgang mit den teils sehr konfliktträchtigen Fragen, und auch, wie sie vor Ort mit dem Thema Islam umgehen sollen.“ Als Beispiele nennt er den Bau von Moscheen, die Höhe von Minaretten, Muslime am Arbeitsplatz, die gesellschaftliche Teilhabe der jüngeren Bevölkerung, die Bestattung von muslimischen Menschen, den Alltag mit Geflüchteten.“ Das Hauptthema sei jedoch die Einordnung islamischer Gruppen und die Möglichkeit ihrer Einbindung in kommunale Handlungsfelder. Hamdan ist auch Pragmatiker: „Hier kommen wir auch manchmal an unsere Grenzen, etwa wenn die Forderungen zu groß sind oder auch beim Thema Extremismus. Aber wir müssen ja auch nicht mit jeder Gruppe in den Dialog gehen.“

Dialog, echtes Interesse und Gastfreundschaft

Weitere Angebote der Islamberatung sind die Jahrestagungen in der Akademie, die einmal im Jahr aktuelle und zentrale Themenschwerpunkte der Beratungen aufgreifen, in einer eintägigen Veranstaltung vertieft behandeln und mit Expert:innen diskutieren. Die Tagungen richten sich an ein Fachpublikum aus Kommunen, Kirchen, Zivilgesellschaft und muslimischen Institutionen und dienen deren Erfahrungsaustausch und Vernetzung. Zudem leitet er „Islam im Plural“ - das Qualifikationsangebot für einen differenzierten Umgang mit dem Islam und seinen Richtungen, das von Bischof Fürst in Auftrag gegeben wurde. Dr. Hussein Hamdan fasst zusammen, was die Akademie für die Teilnehmenden verkörpert: „Es sind der Dialog, das echte Interesse auf Augenhöhe und die Gastfreundschaft. Deshalb hat die Akademie unter ihren Fans auch viele Muslime.“

 

"Die Entwicklung in Deutschland beobachte ich mit Sorge."
Dr. Hussein Hamdan

 

Den Anspruch, alle Menschen muslimischen Glaubens mit seiner Arbeit zu erreichen und gesellschaftlich einzubinden, hat Hamdan nicht. Viele Muslime sind nicht in Verbänden organisiert und wollen ihre Religion in ihrer Intimität ausüben. Er stellt klar: “Es gibt Menschen, die schon integriert sind, andere werden wir nie integrieren. Wir haben viele Menschen, die ihren Beitrag leisten, andere leben in ihrer Community, das reicht ihnen. Sie müssen sich zu keiner Gruppe bekennen. Mit der Art und Weise, wie wir über sie reden, verprellen wir sie nur.“
Die Entwicklung in Deutschland beobachtet der Experte mit Sorge: „Ich habe viel Positives erlebt, viel Solidarität, aber auch das Gefühl bekommen, dass ich mit meinem Aussehen und mit meinem Namen nicht ganz dazu gehöre. Viele Menschen wollen, wenn Sie mit mir reden, nicht mit dem Wissenschaftler reden, sondern mehr über den Privatmenschen Hussein Hamdan wissen. Da setze ich aber Grenzen. Das würde man mit meinem Kollegen Dr. Christian Ströbele nämlich nicht machen.“

Medien zeichnen oft ein Feindbild von Muslimen

Das Bild, das die Medien von muslimischen Menschen zeichnen, sei oft feindselig, so Dr. Hussein Hamdan: „Spricht man von Menschen, die nicht dazugehören, weil sie sich nicht zu unseren christlichen Werten bekennen, meint man immer Menschen muslimischen Glaubens. Niemals Atheisten oder Christen ohne diese Werte. Plötzlich reden wir sogar von importiertem Antisemitismus. Aber nein! Den hatten wir schon, bevor geflüchtete Menschen zu uns kamen.“ Sein Ziel habe er erreicht, wenn man bei den vielen Auseinandersetzungen weltweit irgendwann nicht die Toten auf jeder Seite zählte, sondern um jedes tote Kind trauere. Seine Befürchtung: „Wir schaffen es nicht, uns zu einer Einheit zu etablieren. Die Einheit ist fragil. Sobald wir wieder von einem Anschlag oder einem Krieg hören, verhärten sich die Fronten.“

Was nimmt der Islamexperte nach all den Jahren in der Diözese mit? Hamdan muss nicht lange überlegen: „Dafür, dass mir eine christliche Einrichtung die Chance gegeben hat, als Muslim in dieser Position zu arbeiten, verschiedene Formate zu konzipieren und an wichtigen Themen zu arbeiten, bin ich sehr dankbar. Andererseits habe aber auch ich viel zurückgegeben. Das war mir wichtig. Meinen neuen Aufgaben werde ich mit der gleichen Leidenschaft begegnen, mit der ich meine bisherigen Aufgaben erfüllt habe.“

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