Kraftorte

Erholung für die Seele

Michaelsberg bei Cleebronn

Auch der Michaelsberg und der am Fuße liegende Freizeitpark Tripsdrill kommen im Magazin vor. Foto: DRS/ Constanze Stark

Ein neues Magazin stellt Kraftorte in Baden-Württemberg vor, an denen Urlaub zu einem ganz besonderen Erlebnis wird.

Die Landesarbeitsgemeinschaft „Kirche und Tourismus“ der vier großen christlichen Kirchen im Land setzt sich 2024 das Schwerpunktthema „Kraftorte – Urlaub für die Seele in Baden-Württemberg“. Passend dazu ist nun ein Magazin erhältlich, das kostenlos bestellt werden kann.

Verena Ernst, Diözesanreferentin für Kirche und Tourismus, erläutert die Bedeutung des Themas: „Manchmal merken wir, dass Orte in der Natur oder kulturell und religiös geprägte Orte eine besondere Atmosphäre ausstrahlen. Diese Kraftorte laden ein, zur Ruhe zu kommen und Abstand von Alltagsthemen zu bekommen, um dann gestärkt wieder weiterzugehen.“  Achim Wicker, Diözesanreferent für Pilgern und Wallfahrtsorte ergänzt: „In kraftzehrenden Zeiten wie diesen schöpfen Menschen Kraft an besonderen Orten. Dazu zählen seit jeher die Wallfahrtsorte, zu denen Menschen zu allen Zeiten mit Sorgen, Nöten und Anliegen kamen. Dazu zählen auch die Pilgerwege, welche Pilgerinnen und Pilger nicht nur durch wunderbare Natur, sondern auch zu religiös geprägten Orten und Kirchen führen.“

In dem Magazin werden exemplarische Kraftorte vorgestellt. Die Ordensfrauen aus dem Kloster Reute laden zu einer Führung durch ihren Klostergarten ein. Im Artikel „Zurück zur Quelle“ entdecken die Leser die Schönheiten des Großen Lautertals und „dem Himmel so nah“ sind sie bei einem Gottesdienst auf dem Schliffkopf im Nationalpark Schwarzwald. Wer eher aktiv Kraftorte entdecken und Kraft schöpfen möchte, wird mitgenommen auf den Martinusweg Hohenlohe-Franken und den Meinrad-Radpilgerweg von Rottenburg am Neckar nach Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Am Bodensee lässt die Campingseelsorge in Gohren die Urlauber neu Kraft tanken. Im badischen Landesteil werden Kraftorte in Heidelberg, auf der Insel Reichenau und der Wallfahrtsort Todtmoos vorgestellt.

Pilgern auf dem Martinusweg Hohenlohe-Franken

Eine Reportage aus dem Magazin „Kraftorte – Urlaub für die Seele in Baden-Württemberg“

Die Aufmerksamkeit ist der vermeintlichen Wandergruppe gewiss. Radfahrer, die ihr zwischen Wiesen und Feldern entgegenkommen, klingeln oder winken. Die Frauen und Männer mit ihren auffälligen roten Schals und Käppis grüßen freundlich zurück. In den Ortschaften fragen Passanten, wohin es gehe oder um welchen Verein es sich handle, wenn sie die rote Fahne mit gelb-weißem Logo erblickt haben. Dann erfahren sie, dass es Pilgerinnen und Pilger sind. Auf dem Martinusweg Hohenlohe-Franken wollen sie an viereinhalb Tagen mehr als nur die Landschaft im Norden von Baden-Württemberg erleben.

„Ich pilgere gerne“, sagt Katja Mihajlovska. Für sie ist Pilgern eine „schöne Mischung aus geistlicher Besinnung, netten Leuten und Natur“. Der Martinusweg Hohenlohe-Franken gehört zu den vier regionalen Martinuswegen. Diese binden verschiedene Gegenden an die Hauptroute an, die vom ungarischen Szombathely, dem Geburtsort des heiligen Martin, über Österreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien ins französische Tours, dem Sterbeort des bis heute hoch verehrten Bischofs, führt. „Jeder Weg beginnt mit einem Aufbruch“, heißt es im Gebets- und Gesangsheftchen, das in den Rucksäcken steckt - und jede Etappe beginnt mit einer kurzen Andacht mit Pfarrer Gerhard Bundschuh, dem geistlichen Begleiter der St. Martinus-Gemeinschaft. Auch die Gebete und Gesänge erinnern an den heiligen Martin, sein Leben und sein Wirken.

Segen zum Start

In der Kapelle St. Martin, in der Innenstadt von Bad Mergentheim, spendet Pfarrer Bundschuh der Gruppe zum Start den Pilgersegen. Der Ort bildet nicht nur wegen des Namenspatrons den passenden Ausgangspunkt für die regionale Martinusweg-Strecke: Die Kapelle St. Martin in Bad Mergentheim liegt zwischen dem Münster und dem Hospital zum Heiligen Geist. In früheren Jahrhunderten bot das Hospital, heute eine Pflegeeinrichtung, Pilgernden Unterkunft und Versorgung.

Der Martinusweg Hohenlohe-Franken führt auf ungefähr 90 Kilometern von Bad Mergentheim nach Heilbronn. Brigitte Drauz kennt die Strecke. Sie ist einzelne Abschnitte schon häufiger gepilgert. Dennoch erklärt sie: „Es ist jedes Mal anders – was man sieht, was man erfährt.“ Sie ist mit ihrer Tochter unterwegs. Beide sind erfahrene Pilgerinnen. Damit sind sie nicht allein. Für viele der zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich für die von der St. Martinus-Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit der Diözesanpilgerstelle Rottenburg-Stuttgart organisierte Tour gemeldet haben, gehören das Pilgern und der Martinusweg zu ihrem Leben dazu.

Foto mit der Stuppacher Madonna

Achim Wicker, Geschäftsführer der St. Martinus-Gemeinschaft, verteilt Martinus-Kappen, Pilgerausweise und Pilgerkreuze, dann geht es quer über den Marktplatz von Bad Mergentheim und aus der Stadt hinaus. Die Strecke führt aus dem Taubertal hinauf nach Stuppach. Nach den ersten paar Kilometern wartet dort eine kulturelle Kostbarkeit: die „Stuppacher Madonna“.

Das Gemälde des Renaissance-Künstlers Matthias Grünewald zählt zu den bedeutendsten Werken christlicher Kunst. Hinter jedem einzelnen Detail der Darstellung von Maria mit dem Jesus-Kind verbirgt sich eine tiefe religiöse Symbolik. Bei einer kurzen Führung in der Seitenkapelle der Stuppacher Pfarrkirche lernen die Pilgerinnen und Pilger die wichtigsten Bildelemente kennen. Noch einige Andachts- und Fotomomente vor der Madonna, dann geht es weiter nach Dörzbach, Ziel der ersten Tagesetappe. Ab hier begleitet die Jagst die Reisenden.

An der Jagst und an alten Schienen entlang

Der Martinusweg Hohenlohe-Franken folgt in seinem Mittelteil dem Lauf der Jagst, einem Nebenfluss des Neckars. Über Brücken kreuzt die Gruppe das Gewässer mehrmals. Hier und da scheinen alte Schienenstücke zwischen dem Bewuchs hervor, die letzten Spuren der seit den 1980er Jahren stillgelegten Jagsttalbahn. Die Landschaft des Jagsttals ist ländlich geprägt: mit viel Natur, dem einen oder anderen Fachwerkhaus und Bildstöcken. Die Kirchen in den Ortschaften bieten eine willkommene Gelegenheit, um in der Kühle der Gebäude neue Kraft zu schöpfen.

„Pilgern hat eine lange Tradition“, deutet Pfarrer Ingo Kuhbach in der Kirche St. Georg in Marlach auf ein Bild. Es hängt etwas versteckt rechts hinter dem Altar. Das Gemälde aus dem Jahr 1700 erinnert an eine Familie, die einst nach Santiago de Compostela aufgebrochen war. In die Jahrhunderte überdauernde Tradition des Pilgerns kann sich auch die Gruppe, die auf dem Martinusweg Hohenlohe-Franken unterwegs ist, gedanklich einreihen.

Übernachtung im Kloster Schöntal

Das Kloster Schöntal ist einer der kulturellen Höhepunkte auf dem Pilgerweg Hohenlohe-Franken. Das Kloster, heute ein Tagungs- und Bildungshaus, fügt sich wie ein Puzzleteil in das Landschaftsbild des Jagsttals mit Wiesen, Feldern und bewaldeten Hügeln. Die Doppeltürme der Klosterkirche bilden das Wahrzeichen der imposanten Anlage. Innen präsentiert die Kirche sich in barocker Pracht. Arbeiten des Bildhauers Michael Kern sind zu entdecken. Er war zu Beginn jener Stilepoche ein gefragter Künstler. Die Zimmer im Bildungshaus Kloster Schöntal sind umgebaute, ehemalige Mönchszellen.

Dort übernachten die Pilgerinnen und Pilger, bevor sie zur nächsten Etappe aufbrechen. Es geht dicht an der Jagst entlang. Die Strecke dient großenteils zugleich als Fahrradweg. Das Tagesziel ist der Ort Widdern. Davor, in Jagsthausen, zieht die Gruppe vor der Kulisse der Götzenburg durch die Tallandschaft. Der Ritter Götz von Berlichingen war Ende des 15. Jahrhunderts hier geboren worden. Das gleichnamige Drama von Goethe trägt seine Bekanntheit bis in die Gegenwart.

Martinus-Rundweg in Neckarsulm

Obwohl das vorletzte Teilstück ab Widdern es in sich hat, nehmen die Pilgerinnen und Pilger die anspruchsvolle Steigung in einer Waldpassage tapfer hin. Die letzte Wegstrecke ist da ein Klacks. Von Erlenbach sind es nur rund vier Kilometer nach Neckarsulm. Die Gruppe nimmt diesen alternativen Abstecher statt der eigentlichen Route nach Heilbronn, wo am Deutschordensmünster in der Innenstadt der regionale Martinusweg Hohenlohe-Franken auf den Hauptweg trifft.

Dieser führt am Neckarufer entlang aus der Innenstadt heraus zum Stadtteil Böckingen. Vorbei an Feldern, durch Weinberge und einen Wald setzt er sich bis zur Kirche St. Martinus in der Stadt Schwaigern fort. Am Ziel in Neckarsulm erwartet die Pilgergruppe mit dem stadtinternen Martinusweg noch eine Besonderheit. Dieser startet an den katholischen Fachschulen St. Martin und verbindet fünf weitere Stationen, bevor er wieder am Startpunkt endet. Der Rundweg bezieht dabei unter anderem die Klosterkirche, die Dionysius-Kirche und die evangelische Stadtkirche ein.

Das Herzstück bildet ein Relief in der Stadtmauer, das die Mantelteilung zeigt. Tafeln an den Stationen erzählen vom Glauben und Leben des heiligen Martin und erklären historische Hintergründe. Als die Pilgergruppe auf dieser kleinen Runde in der Fußgängerzone von Neckarsulm auftaucht, richten sich die Blicke abermals auf sie. Und geduldig wird auch zum vorerst letzten Mal erklärt, was dieser besondere Aufzug mitten in der Stadt zu bedeuten hat.

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