Klöster & Orden

Faszination Klostergeschichte

Daniel Werthwein nimmt auf den Stufen vor dem Hauptportal der Klosterkirche Platz.

Daniel Werthwein nimmt auf den Stufen vor dem Hauptportal der Klosterkirche Platz. Foto: DRS/Guzy

Die Schöntaler Anlage bietet viel zu entdecken. Daniel Werthwein erschließt nicht nur bei Gästeführungen ihre Vergangenheit für die heutige Zeit.

Die langen Haare der Anfangszeit, die sich manchem Gast eingeprägt haben, sind längst einer schnittigeren Frisur gewichen. Doch Daniel Werthweins Begeisterung für das Kloster Schöntal ist nicht gestutzt. Mit 40 Jahren gilt er als der Jüngste und zugleich Dienstälteste im Team der Gästeführer, wie er selbst sagt. Werthwein erschließt Besucherinnen und Besuchern das ehemalige Kloster samt Kirche und folgt auch schon mal auf ganz eigene Art und Weise der Geschichte.

„Volles Programm“ erwartet Werthwein an einem Samstag Anfang März: Kinder verbringen mit Geschwistern, Eltern und teilweise auch Großeltern einen Familientag im Bildungshaus Kloster Schöntal, um sich auf ihre Erstkommunion vorzubereiten. Aufgeteilt auf drei Gruppen, will Werthwein ihnen allen die Klosterkirche, den Kreuzgang mit dem Grabdenkmal von Götz von Berlichingen und die Abtswohnung zeigen. Danach werden sich noch zwei reguläre Führungen anschließen.

Alles beginnt mit einem Freiwilligendienst

Vom Treffpunkt im Haupttreppenhaus in der Neuen Abtei geht es mit der ersten Familientagsgruppe vor die Kirche. Werthwein lenkt die Blicke zum Nordturm hinauf, wo auf dem Gesims eine Tiergruppe zu erkennen ist. Es sind ein Pudel und zwei Hirsche, wie die Kinder die Darstellung richtig identifizieren. Diese geht auf eine Geschichte zurück, die eine Inschrift überliefert. Demnach sollen dem Abt Benedikt Knittel, dem Bauherrn der barocken Klosterkirche, eben diese Tiere auf das Baugerüst gefolgt sein, wie die Gruppe von Werthwein erfährt.

Der 40-Jährige ist nun bereits im 19. Jahr als Kloster-Schöntal-Gästeführer im Einsatz. Den Anfang machte eine englischsprachige Führung, die er während eines Freiwilligendienstes im Bildungshaus übernahm. Dann war er als Student in den Semesterferien häufig als Gästeführer gefragt. Werthwein ist in der Gemeinde Schöntal aufgewachsen. Er lebt mittlerweile in Stuttgart, wo er als Referent beim Landkreistag Baden-Württemberg arbeitet. Dennoch kommt er immer wieder nach Schöntal zurück. Es habe nie geklappt, aus der Nummer rauszukommen, fasst Werthwein die mittlerweile 1600 Führungen in einem ruhigen Moment scherzhaft zusammen.

Fragen der Besucher leiten Recherche

Er pflegt eine persönliche Statistik, um wiederkehrende Gäste vergangenen Besichtigungen zuordnen zu können. Denn er hat sich ein Stammpublikum aufgebaut.

Werthwein jongliert nicht mit historischen Daten und Zahlen, dass es den Zuhörern schwummrig wird. Er geht eher impressionistisch vor. Er betrachte das Kloster durch die Augen der Besucher, sagt Werthwein. Anhand ihrer Fragen habe er recherchiert und sein Wissen über die Anlage gesammelt.

Zahlensymbolik hinter jeder Stufe

Nach 1600 Führungen kann er aus seinem Kenntnisfundus situativ ein zur Gruppe passendes Wissenshäppchen anbieten. Als der Familientagstrupp zum Beispiel die Klosterkirche durchs Hauptportal betreten hat, weist Werthwein auf die gerade überwundenen 15 Stufen hin: drei Stufen für die Dreifaltigkeit und zwölf Stufen für die Apostel. „Solch eine Zahlenmystik war die Leidenschaft von Abt Knittel“, erklärt Werthwein.

Dabei weiß er, dass die religiöse Symbolik, die sich in vielen Ausstattungsdetails verbirgt, nicht nur Kinder vor ein Rätsel stellt. Auch Erwachsene können heutzutage mit ihr häufig nicht mehr viel anfangen. Er wolle nicht, dass sich die Besucherinnen und Besucher deswegen doof fühlten, sagt Werthwein am Rande der Führung. Er streut sein Wissen daher wie beiläufig ein und auf Augenhöhe mit den Gästen, wie zu erleben ist.

Was sich noch verändert hat: Früher haben laut Werthwein Reisebusse mit Chor- und Vereinsausflügen einen Zwischenhalt in Kloster Schöntal eingelegt. Heute zeigt er vor allem Gruppen, die sich im Bildungshaus einquartiert haben, Familiengruppen, Freundesgruppen und Radtourgruppen das Kloster. Ebenso sei die Kirchenkritik, die sich Werthwein bis vor wenigen Jahren aus der einen oder anderen Gruppe anhören musste, echtem Interesse gewichen. Werthwein nimmt geradezu eine Sehnsucht bei Teilnehmerinnen und Teilnehmern wahr.

Historische Fluchtgeschichte als Vorbild für Pilgerreise

Für ihn selbst sei das Kloster Schöntal „ein Ort, der mir guttut“. Die Führungen seien für ihn wie eine Auszeit, fast wie ein meditatives Erlebnis, versucht er sein Engagement zu erklären. Dieses geht über die Führungen hinaus. Im August 2023 pilgerte Werthwein zu Fuß von Kloster Schöntal über Bayern und Tirol bis nach Mailand. Die Fluchtgeschichte zweier Mönche aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, auf die er bei seiner Recherchearbeit in einem Aufsatz gestoßen war, diente ihm als Vorbild.

Und nachdem der Kirchenführer auslief, wurde Werthwein von der Kirchengemeinde für ein neues Büchlein angefragt. Er konzipierte das Bändchen „Kloster Schöntal an der Jagst“ und schrieb alle Texte neu. Mit dem Büchlein können Besucherinnen und Besucher die Anlage des Klosters Schöntal nun auch allein erkunden. Außerdem wird darin die oberhalb des Klosters gelegene Heiliggrabkapelle beschrieben, die ebenfalls auf den berühmten und historisch bedeutenden Abt Knittel zurückgeht. Die Wallfahrtskapelle im nahegelegenen Neusaß, dem Ort, der ursprünglich für die Klostergründung gedacht war, findet Erwähnung. Ein Jahr lang habe er jeden Abend an dem Büchlein gearbeitet, blickt Werthwein zurück: „Es ist zu 100 Prozent im Ehrenamt entstanden.“

Schrank öffnet sich als Geheimtür

An dem Samstag teilt er sein Wissen aber erst einmal direkt mit der Besichtigungsgruppe. Im Kreuzgang mit den 29 Grabplatten angekommen, erläutert Werthwein vor dem Grabdenkmal von Götz von Berlichingen die Funktionsweise der eisernen Faust des Ritters: wie die künstlichen Finger mechanisch arretiert und wieder gelöst werden konnten. Im Abtszimmer zieht er am Schrank, der sich als Tür zu einem verborgenen Raum öffnen lässt. Von diesem aus konnten die in einem Nebenraum Wartenden belauscht werden.

Viele betagte Gäste, die das Kloster einst als Schülerinnen und Schüler besichtigt hatten, erinnerten sich an den Schrank. Sie fragten, berichtet Werthwein, wo dieser sei. Mit diesem Gimmick der Inneneinrichtung des früheren Abtszimmers endet nach knapp einer Stunde die Führung. Die Besucherinnen und Besucher nicht mit endlosem Referieren überzustrapazieren, gehört zu Werthweins Philosophie. Die zeitigt sogleich Erfolg: „Es war eine tolle Führung“, sagt ein Teilnehmer. So wird Werthwein gefragt bleiben.

Klosterführung in Buchform

Das 84 Seiten schmale Büchlein „Kloster Schöntal an der Jagst“ von Daniel Werthwein wurde vom katholischen Pfarramt St. Joseph herausgegeben. Es ist im Buchhandel oder zum Beispiel bei einem Besuch direkt im Bildungshaus Kloster Schöntal erhältlich.

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