Weltfrauentag

Frauenrechte sind Menschenrechte

Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft, ruft zur Wahl einer demokratischen Partei auf. Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Nelly Swiebocki-Kisling

Am 8. März ist Internationaler Weltfrauentag. Diözese Rottenburg-Stuttgart fordert Frauen auf, ein starkes Zeichen gegen rechts setzen.

Der 8. März ist Internationaler Weltfrauentag - seit mehr als 100 Jahren wird dieser Tag begangen. Weltweit demonstrieren Frauen für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung von Frauen. Das Motto des Internationalen Frauentags 2024 lautet: "Frauen wählen!", denn die Demokratie in Deutschland ist in Gefahr.

In mehreren Bundesländern und in vielen Kommunen finden 2024 Wahlen statt und am 9. Juni wird auch das Europaparlament neu gewählt. Gerade Frauen müssen jetzt ein starkes Zeichen setzen, um auf allen Ebenen mit ihrer Stimme die demokratischen Kräfte zu stärken. Die Gleichstellung von Frauen und Männern gehört zu den Grundwerten der Europäischen Union. Doch wo rechtspopulistische und nationalistische Kräfte an der Macht sind, geraten mit der Demokratie auch die Frauenrechte in Bedrängnis – es droht ein Rückfall in überholte Rollenzuschreibungen und Strukturen, die Frauen benachteiligen und die Errungenschaften unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter zunichtemachen.

Drei Fragen an Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie ruft nicht nur Frauen sondern alle Wähler:innen dazu auf, demokratische Parteien zu wählen:

Warum ist es besonders wichtig, dass gerade Frauen eine demokratische Partei wählen und ihre Stimme keiner antidemokratischen, extremistischen Partei geben?

Für Frauen ist die Wahl einer Partei aus dem rechtsextremen Spektrum deshalb besonders fatal, weil Parteien wie die AfD ihre Ideologie von Bewegungen ableiten, die die Gleichstellung von Männern und Frauen infrage stellen. Sie setzt auf überholte Geschlechtsstereotypen und beschränkt sich auf ein rein binäres Geschlechtermodell. Geschlechtliche Vielfalt, Diversity, kommt im Weltbild sogenannten Neuen Rechten überhaupt nicht vor. Vor einiger Zeit geisterte ein Schaubild der AfD Sachsen durch die Sozialen Medien, die die „Moderne befreite Feministin“ als asozial, ungepflegt und nymphoman darstellte, während sich die „traditionelle Frau“ durch eine schlanke, sportliche Figur und familien- und heimatliebend auszeichnete. Diese Bilder rufen ganz schauerliche Erinnerungen an die NS-Zeit hervor.

Was würde es für die Frauen und die Gesellschaft bedeuten, wenn die AfD mehr politischen Einfluss hätte?

Es ist zu erwarten, dass die AfD, sollte sie an die Regierung kommen, versuchen wird, familienpolitische Leistungen einzuschränken. In ihrem Grundsatzprogramm beschreibt die AfD ihre Vorstellungen über die Rolle der Frau, oder besser gesagt: der einheimischen Frau: Sie soll traditionell sein, möglichst viele Kinder bekommen und sich in Vollzeit um die Familie kümmern. Individualität „untergräbt die Familie als wertegebende gesellschaftliche Grundeinheit", heißt es dazu. Diese Rollenbilder sind absolut aus der Zeit gefallen. Inzwischen steht Frauen ja glücklicherweise nahezu jeder Beruf offen. Das Frauenbild der Identitären Bewegung hingegen sieht die Frau vor allem im häuslichen Bereich, im Haushalt, in der Kindererziehung und in der Pflege älterer Familienangehöriger. Heute entscheiden jedoch die Paare in einer Partnerschaft gemeinsam, wie sie Beruf und Familie vereinbaren. Die Festlegung in geschlechterstereotype Rollen führt letztlich auch dazu, dass der Bildungsstandard der Frauen und Mädchen sinkt, da Aus- und Weiterbildung für sie eine geringere Rolle spielen würde. Eine schlechtere Schulbildung und die Reduzierung auf die häusliche Care-Arbeit wird das Problem der Armut von Frauen weiter vergrößern – vor allem bei Alleinerziehenden und im Alter. Des Weiteren würden dem Arbeitsmarkt wichtige Arbeitskräfte fehlen. Außerdem befördert Antifeminismus Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen insgesamt. Für frauenfeindliche Gewalt interessieren sich Rechtsextremisten aber nur dann, wenn der Täter einen migrantischen Hintergrund hat.

Warum ist die Wahl, undemokratischer Parteien unvereinbar mit dem christlichen Glauben und warum engagieren Sie sich persönlich so stark für die Demokratie?

Extremistische Bewegungen und Parteien missachten die Würde des Menschen und stehen in diametralem Kontrast zum Kern des christlichen Glaubens sowie zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Bewegungen der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung fordern reine Nationalstaaten und lehnen kulturelle Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft ab. Aus dieser ideologischen Schmuddelecke stammt auch das Unwort des Jahres 2023 „Remigration“. Dieses ist ein krasser Widerspruch zum Wort „katholisch“. Schon unser Name steht für das Prinzip einer allumfassenden Menschheitsfamilie, in der jedem Individuum dieselbe Würde zukommt. Laut rechtsextremer Ideologie ist die Familie Keimzelle einer ethnisch-nationalen Gemeinschaft, die es im Inneren durch Vermehrung und nach außen durch Exklusion zu schützen gilt. Als Christinnen und Christen leiten wir unser kirchliches Engagement für den Schutz des Lebens von dem Prinzip der unbedingten, gleichen Menschenwürde ab, die uns Gott als seinen Geschöpfen geschenkt hat. Das gilt von Anfang an und für alle Menschen, egal welche Herkunft sie haben. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Familie nicht umsonst „eine Schule reich entfalteter Humanität“. (Gaudium et spes Art. 52)

Antifeminismus ist ein Einfallstor in die rechtspopulistische Szene und hat bei vielen Verunsicherten zunächst eine Sündenbockfunktion, weil sie mit der Diversität, Multikulturaliät und Multireligiosität in unserer Gesellschaft nicht klar kommen. Als Kirche, die ihre Verantwortung in der Gesellschaft ernst nimmt, ist es unsere Verpflichtung, aufzuklären und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Mein Engagement hat mit meiner religiösen Prägung zu tun. Mich haben seit meiner frühen Jugend die friedlichen Ansätze der politischen Theologie und der Theologie der Befreiung interessiert, die menschenverachtenden totalitären Regimes und ihren grausamen Verbrechen gewaltlos die Stirn geboten haben. (Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb)

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