Kirche der Zukunft

Gemeinsam zur interkulturellen Seelsorge der Zukunft

Menschen sitzen in einem Raum, im Vordergrund stehen zwei Männer am Rednerpult.

Dr. Michael Heil, Leitender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Nordwest und Pater Ante Ivan Rozić, Leiter der Kroatischen Katholischen Gemeinde „Sveti Ivan Krstitelj“ in Stuttgart-Feuerbach wünschten den Teilnehmenden viele fruchtreiche Gespräche und Diskussionen. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Lea-Theresa Berg

Bischof Krämer tauschte sich mit Vertreter:innen der muttersprachlichen Gemeinden über neue Strukturen und gemeinsame interkulturelle Seelsorge aus.

Welche Rolle nehmen muttersprachliche Gemeinden in der künftigen Struktur der 50 bis 80 neuen Kirchengemeinden ein? Wie werden sie in Zukunft von pastoralem Personal begleitet und welche Räume werden ihnen zukünftig noch zur Verfügung stehen?

Über diese Fragen und weitere Anliegen im Zusammenhang mit dem Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ tauschten sich am vergangenen Samstag im Gemeindesaal St. Joseph in Stuttgart-Feuerbach mehr als 100 Vertreter:innen der muttersprachlichen Gemeinden mit Bischof Dr. Krämer und Verantwortlichen aus dem Bischöflichen Ordinariat aus. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung waren hundert Fragen eingegangen und auch das Interesse am offenen Austausch war groß – viele der Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, ihre Fragen direkt zu stellen. 

Gemeinsam Zukunft gestalten

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart steht vor großen Herausforderungen: Die Mitgliederzahlen gehen zurück – sowohl in den deutschen als auch den muttersprachlichen Gemeinden –, die finanzielle Situation verschlechtert sich und das Pastorale Personal wird in allen Berufsgruppen weniger. „Auf diese Herausforderungen müssen wir alle gemeinsam reagieren“, sagte Barbara Strifler, Teil der Leitung des Prozesses „Kirche der Zukunft“ und gleichzeitig verantwortlich für das Programm „Seelsorge in neuen Strukturen“, in ihrer Einführung. Dass nur gemeinsam Neues entwickelt werden könne und man auch nur füreinander und miteinander gewinnen könne, betonte auch Michael Heil, Leitender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-​Nordwest, bei seiner Begrüßung. 

Muttersprachliche Gemeinden als Teil eines Netzwerks

Aktuell überlegen die Kirchengemeinden, mit welchen anderen Kirchengemeinden sie sich zusammenschließen könnten. Denn Bischof Dr. Krämer hatte Ende 2025 das Votum des Diözesanrats angenommen, dass es zukünftig in der Diözese Rottenburg-Stuttgart statt 1020 nur noch 50 bis 80 Kirchengemeinden geben werde, um das pastorale Personal und die Ehrenamtlichen von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Diese neuen Kirchengemeinden verstehen sich dabei als ein Netzwerk verschiedener kirchlicher Orte. „Die muttersprachlichen Gemeinden werden ein solcher Kirchort und in diesem Netzwerk ein wichtiges Element des kirchlichen und gemeindlichen Lebens sein“, versicherte Bischof Dr. Krämer als Reaktion auf die Sorgen der muttersprachlichen Gemeinden, dass sie in den neuen Kirchengemeinden mehr Gast denn gleichwertiger Partner seien und ihre Präsenz bei der Neustrukturierung der Kirchengemeinden verloren gehen könnte. Die Kirchorte sollen dabei auch ein eigenes begrenztes Budget für die Aktivitäten vor Ort erhalten – ein Prinzip, das es bereits jetzt bei den muttersprachlichen Gemeinden gebe. 

Auch im Hinblick auf den Rückgang des pastoralen Personals sei es wichtiger denn je, dass sich viele verschiedene Menschen mit ihren Gaben und Fähigkeiten in das kirchliche Leben vor Ort einbringen. „Das macht Lebendigkeit aus, und das gibt dann auch wieder die Strahlkraft, die wir brauchen, um viele Menschen wieder für die Kirche zu begeistern.“ 

Gemeinsame Nutzung von Räumen

Ein weiteres Thema, das die Teilnehmenden beschäftigte, war die Frage nach den künftigen Räumlichkeiten für die muttersprachlichen Gemeinden. Im Rahmen des Projekts „Räume für eine Kirche der Zukunft“ sind die Kirchengemeinden auf Ebene der Seelsorgeeinheit aktuell aufgerufen, 30 Prozent der beheizten und kirchensteuerfinanzierten Gebäudeflächen zu reduzieren (die Kirchen sind davon ausgenommen). Denn um die aktuell rund 5.000 Immobilien im Besitz der Kirchengemeinden instand halten und energetisch ausstatten zu können, damit sie den Anforderungen und Bestimmungen entsprechen, wäre eine so hohe Investitionssumme notwendig, dass kaum noch finanzielle Mittel für die Seelsorge vorhanden wären, so Bischof Krämer. Gleichzeitig solle nichts nur deswegen nicht stattfinden können, weil ein geeigneter Raum fehlt. Daher sollen die verbleibenden 70 Prozent des Gebäudebestands auch gemeinsam genutzt werden und zwar nicht nur mit kirchlichen Akteur:innen, sondern auch mit kommunalen und zivilgesellschaftlichen Partner:innen. „Wir werden insgesamt mehr zusammenrücken, auch rein räumlich – und das wird uns, glaube ich, als Kirche auch gut tun“. Die Ressourcen seien vorhanden, sie müssten nun richtig verteilt und organisiert werden. Dabei sei klar, dass es bei der Verteilung fair zugehen müsse. Ganz im Sinne der Leit- und Richtlinien zur interkulturellen Pastoral unter dem Titel „Auf dem Weg zu einem immer größeren Wir“ gehe es nun darum, als Diözese zusammenzuhalten und dieses „Wir“ zu stärken.

Seelsorge im interkulturellen Miteinander 

Auch die zukünftige pastorale Begleitung der muttersprachlichen Gemeinden wurde intensiv diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass weiterhin Priester aus dem Ausland gewonnen werden sollen, die die jeweilige Muttersprache der Gläubigen sprechen. Zugleich werden in den neuen Kirchengemeinden verstärkt interkulturelle Pastoralteams gebildet, die den Auftrag haben, die unterschiedlichen seelsorgerlichen Bedarfe der verschiedenen Kirchorte im Blick zu behalten und zu verbinden. Dabei wird zukünftig auch das ehrenamtliche Engagement aus der Taufberufung heraus eine noch größere Rolle spielen. Kritisch angesprochen wurde die Anforderung eines B2-Sprachniveaus für Priester aus dem Ausland. Dazu wurde erläutert, dass gute Deutschkenntnisse eine wichtige Voraussetzung für die Zusammenarbeit in den Teams sowie für die Verständigung mit anderen kirchlichen und nicht-kirchlichen Akteur:innen seien: „Es ist wichtig, dass wir kooperativ zusammenarbeiten – sowohl in den Pastoralteams als auch in den Gemeinden. Dazu ist eine gemeinsame Verständigungsbasis über die jeweilige Hauptbezugsgruppe hinaus notwendig. Deswegen kann man nicht darauf verzichten, dass die Priester aus dem Ausland gut Deutsch sprechen“, führte Vladimir Lukic aus, der in der Hauptabteilung IV (Pastorale Konzeption) im Bischöflichen Ordinariat für muttersprachliche Katholik:innen und die interkulturelle Pastoral zuständig ist. 

Weitere Schritte

Viele Detailfragen sind aktuell noch offen. An der Beantwortung arbeiten verschiedene Arbeitsgruppen innerhalb der Programme im Prozess „Kirche der Zukunft“, in denen auch Vertreter:innen der muttersprachlichen Gemeinden eingebunden sind und ihre Perspektive einbringen.

Noch bis Ende April können die Kirchengemeinden erste Vorschläge für die Zusammenschlüsse zu neuen Kirchengemeinden einreichen. Zu den Kriterien für die Umschreibung dieser neuen Kirchengemeinden gehört neben der Orientierung am Leben der Menschen, bestehenden Partnerschaften und Kooperationen auch der Zuschnitt der muttersprachlichen Gemeinden. Nach einer Zusammenstellung der Vorschläge zu einem ersten diözesanen Entwurf wird dann geprüft, wo die Vorschläge schon gut zusammenpassen und wo weiter beraten werden muss. 

Wenn Ende des Jahres dann der Umriss der neuen Kirchengemeinden feststeht, werden ab 2027 die beteiligten Gemeinden eine gemeinsame Gründungsvereinbarung erarbeiten und beschließen, in die auch die aktuellen Überlegungen der Zukunftsausschüsse und Kirchengemeinden in Bezug auf die Räume einfließen. „Nehmen Sie die Einladungen der Kirchengemeinden an und bringen sich in die Gremien ein“, ermunterte Cäcilia Riedißer, stellvertretende Leiterin des Projekts „Räume für eine Kirche der Zukunft“.

Vernetzung führt zu lebendiger Kirche

Zum Ende der zweistündigen Veranstaltung dankte Bischof Dr. Krämer allen Anwesenden für den offenen und lebendigen Austausch. Dieser sei essentiell für das Gelingen dieses komplexen Entwicklungsprozesses. Gleichzeitig betonte er, dass der gesamte Prozess dem Anliegen diene, als Kirche in einer sich verändernden Welt lebendig und präsent bleiben zu können. Die Strukturen seien dabei als Unterstützer für die Seelsorge zu sehen. 

Geschlossen wurde die Veranstaltung mit dem Vaterunser, das jede:r in seiner und ihrer eigenen Muttersprache sprach. Auch darin wurde sichtbar, was Bischof Dr. Krämer so ausdrückte: „Uns verbindet der gemeinsame Glaube und die Zugehörigkeit zu einer weltweiten Kirche. Und das Schöne ist, dass die Weltkirche nicht nur eine globale Wirklichkeit ist, sondern sie sich auch in der Ortskirche wiederfinden lässt.“ Eine Vernetzung, auch in interkultureller Hinsicht, werde dazu führen, die Kirche lebendiger und damit auch ansprechender und ansteckender zu machen. 

Begegnungsveranstaltungen mit Bischof Dr. Krämer zur „Kirche der Zukunft“

Die Veranstaltung für die muttersprachlichen Gemeinden reiht sich in die Reihe der Regionalkonferenzen ein, die aktuell in der Diözese stattfinden. Ziel aller Veranstaltungen ist es, mit Bischof Dr. Krämer und den Verantwortlichen aus dem Bischöflichen Ordinariat ins Gespräch zu kommen sowie Fragen und Anliegen Raum zu geben. Am Freitag, 24. April, fand in Bad Waldsee die dritte von insgesamt sieben Regionalkonferenzen statt. Den Artikel dazu können Sie hier lesen.

Gemeinden für Katholik:innen anderer Muttersprache

Alle Katholik:innen mit einer anderen oder weiteren Staatsangehörigkeit(en) außer der deutschen sind zunächst und grundsätzlich Mitglieder der Katholischen Kirchengemeinde, auf deren Gebiet sie wohnen. Darüber hinaus sind sie Mitglied der Gemeinde für Katholik:innen anderer Muttersprache (GKaM) ihrer Sprachgruppe, sofern an ihrem Wohnsitz eine solche Gemeinde errichtet ist. Seit 2023 die Leit- und Richtlinien „Auf dem Weg zu einem immer größeren Wir. Interkulturelle Pastoral in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ in Kraft gesetzt wurden, ist es auch möglich, dass sich Katholik:innen in einer GKaM einschreiben lassen. Die Katholik:innen, die sowohl in einer deutschen katholischen Kirchengemeinde als auch in einer muttersprachlichen Gemeinde Mitglied sind, können frei entscheiden, in welcher Gemeinde sie pastorale Angebote wahrnehmen.

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