Weltkirche

Gibt es Menschen ohne Rechte?

Auf dem Bild von links: Juliane Hernandez, HA Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart (im Team von Wolf-Gero Reichert) Andrea Schlenker, Referat Migration und Integration des Deutschen Caritasverbandes Heike Wagner, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Leiterin Fachbereich Internationale Beziehungen, Kardinal Álvaro Ramazzini, Bischof der Diözese Huehuetenango in Guatemala Konstanze Jüngling, Akademie, Leiterin Fachbereich Migration und Menschenrechte, Wolf-Gero Reichert, Leiter HA Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Thomas Jung, Weihnachtsaktion Adveniat (Kampagnen-Manager). Bild: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Wie die Kirche dazu beitragen kann, menschenwürdige Migrationsspolitik zu gewährleisten, beantwortete die Veranstaltung „Menschen (ohne) Rechte“.

Die Akademie der Diözese in Stuttgart Hohenheim hatte in Kooperation mit der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese Rottenburg–Stuttgart und dem Lateinamerika–Hilfswerk Adveniat zu der Veranstaltung eingeladen.

Auf EU-Ebene kommt das gemeinsame EU-Asylabkommen noch vor Weihnachten zum Abschluss. Mit der Reform des gemeinsamen Europäischen Asylsystems, welche Migranten und Fluchthelfer kriminalisiert und unter anderem. Inhaftierung und Grenzverfahren von Schutzsuchenden an Europas Außengrenzen vorsieht, steht das Recht auf Asyl selbst auf der Kippe. In Kooperation mit dem Lateinamerika–Hilfswerk Adveniat und der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese Rottenburg–Stuttgart nahm die Akademie der Diözese in Stuttgart Hohenheim mit ihrer Veranstaltung „Menschen (ohne) Rechte“ am 5. Dezember 2023 zwei von der Migration besonders betroffene Weltregionen in den Blick: Lateinamerika und Europa. 

Weihnachtsaktion 2023 von Adveniat: „Flucht trennt. Hilfe verbindet“

Durch die Veranstaltung, führte Dr. Heike Wagner von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ihre Gäste waren Kardinal Álvaro Ramazzini, Bischof der Diözese Huehuetenango in Guatemala, Aktionspartner der diesjährigen Adveniat-Weihnachtsaktion, Dr. Andrea Schlenker, Leiterin des Referats Migration und Integration des Deutschen Caritasverbands und Ruben Neugebauer, einer der bekanntesten Aktivisten Deutschlands: Er hat, zusammen mit anderen, die zivile Seenotrettungsorganisation Sea Watch aufgebaut. Die offene Veranstaltung stellte die Frage: „Wie kann eine Reaktion, unter anderem der Kirchen, aussehen, um menschenwürdige Migrationspolitik zu gewährleisten?“ Moderatorin Dr. Heike Wagner stellte gleich zu Beginn der Veranstaltung fest, die Sicht auf Geflüchtete habe sich verändert: „Die Menschen sterben vor unseren Augen, aber der Aufschrei ist begrenzt. Vielmehr sollen die Menschen nicht in unsere Länder kommen und unseren Wohlstand gefährden. Die Empathie nimmt ab.“

Kriminalisierung von Migranten und Fluchthelfern in Deutschland

Andrea Schlenker zeigte sich alarmiert über die Entwicklung in Deutschland und sieht die Rechtstaatlichkeit in Deutschland gefährdet: „Wir beobachten diese Debatten mit großer Sorge“. Sie nennt sie „Scheindebatten“, die von den wirklichen strukturellen Problemen ablenken sollen, wie die Wohnungsnot, den Bedarf an Kitaplätzen oder das deutsche Schulsystem. Sie fragte: „Tun wir uns damit selbst etwas Gutes, wenn wir unsere demokratischen Errungenschaften aufgeben?“ In ihren Augen sei das Schizophrenie, weil Deutschland von der Migration abhängig sei. Schlenker forderte einen lösungsorientierten Pragmatismus und die Versachlichung der Debatte und erinnert: „Unsere ganze Menschheitsgeschichte beruht auf Migration und Flucht.“

„Das Legale ist nicht immer das ethisch Richtige“

Adveniat-Aktionspartner Ramazzini kritisierte, die Migrationsfrage berücksichtige nur die rechtlichen, nicht die ethischen Aspekte. „Wir vergessen, dass legale Aspekte sich auf ethische stützen müssten!“ Eines der wichtigsten Grundrechte des Menschen sei sein Recht auf Leben. Die Menschen in Südamerika verließen ihre Heimat in Richtung USA oder Kanada, weil sie aus ihrer Armut nicht herauskämen. Wie Papst Franziskus auch, forderte der Bischof, man solle Migration als Chance statt als Problem sehen und unter dem humanistischen Aspekt begreifen: „Wenn jemand nur noch das Problem für den eigenen Wohlstand sieht, dann hat er jegliche Menschlichkeit verloren.“ 

„Wenn wir nur einen Menschen retten, haben wir unser Ziel erreicht“

Ruben Neugebauer kritisierte den Rechtsruck in Europa, der ein großes Problem, sowohl für die Retter als auch für die Flüchtenden darstelle. Er klagte:“ Wir haben keine Lobby. Alles, was wir täglich an Menschenrechtverletzungen, auch auf europäischem Gebiet, dokumentieren, wird ignoriert.“ Europa habe ein Problem, das nur wenige benennen wollten. Das sei das Thema Rassismus. Jeder gerettete Mensch sei deshalb für ihn ein Erfolg.

Wir tragen Verantwortung auch jenseits der nationalen Grenzen

Das Ende der zweistündigen Veranstaltung stimmte hoffnungsvoll: Heike Wagner schlug vor, die Menschen müssten vernetzt werden und statt über Migration müsse man über Integration sprechen. In Madrid etwa spräche man von „neuen Nachbarn“, statt von Migranten.  Neugebauer erinnerte daran, Mauern seien in der Geschichte schon immer gefallen. Das gelte für die chinesische Mauer ebenso wie für die in Berlin. Darin sieht er eine Chance: „ Die EU-Erweiterung nach Osten war damals mit Angst vor Einwanderung in unsere Sozialsysteme behaftet. Und wer pflegt heute meinen Opa?“ 

"Flucht trennt. Hilfe verbindet."

Die deutschen Bischöfe rufen zur Unterstützung der Adveniat-Weihnachtsaktion auf

Die deutschen Bischöfe rufen am dritten Adventssonntag (17. Dezember 2023) zur Unterstützung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion der katholischen Kirche auf. Unter dem Motto "Flucht trennt. Hilfe verbindet." rückt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in diesem Jahr die Not der Flüchtenden aus Lateinamerika und der Karibik in den
Mittelpunkt. "Während viele staatliche Einrichtungen oft tatenlos zuschauen, ist es die Kirche vor Ort, die sich für ein menschenwürdiges Leben der Flüchtlinge einsetzt. Unser Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt sie seit Jahrzehnten dabei", schreiben die Bischöfe in ihrem Aufruf, der traditionell in allen Gottesdiensten am dritten Adventssonntag verlesen wird. 

"Nach unserer christlichen Überzeugung hat ausnahmslos jeder Mensch Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben. Daraus ergibt sich auch die Pflicht, die Rechte von Flüchtlingen und Migranten zu schützen", erklärt der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Dr. Martin Maier SJ. Verfolgung, Gewalt, politische Krisen, Armut und Hunger zwingen die Menschen in Lateinamerika und der Karibik, ihre Heimat zu verlassen. "Sie erleben am eigenen Leib: Flucht trennt", so Pater Maier. Dieser Realität stelle das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat
eine Hilfe, die verbindet, entgegen. Dank der Spenderinnen und Spender stehe Adveniat mit seinen  Partnerorganisationen vor Ort den Menschen bei. "Migrantinnen und Migranten finden in sicheren Unterkünften Schutz, werden mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Medikamenten versorgt und bekommen in Ausbildungsprojekten die Chance auf einen Neuanfang." Die Weihnachtskollekte ist deutschlandweit in den Weihnachtsgottesdiensten am 24. und 25. Dezember 2023 für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat bestimmt. Eine Beteiligung an der Kollekte ist auch jederzeit online möglich unter www.adveniat.de/spenden.

"Angesichts der gestiegenen Flüchtlingszahlen in Lateinamerika und der prekären Lage der Flüchtenden sind die kirchlichen Unterstützungsangebote wichtiger denn je", schreiben die Bischöfe und enden mit einem eindringlichen Appell: "Deshalb bitten wir Sie um Ihre solidarische und großzügige Spende bei der Weihnachtskollekte, die den
Projekten von Adveniat zugutekommt. Zeigen Sie sich den armen Menschen in Lateinamerika und der Karibik verbunden, auch durch Ihr Gebet!"

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