„Bekenntnis schafft Gemeinschaft." Auch wenn das in Nicäa verfasste „große" Glaubensbekenntnis in Deutschland vergleichsweise weniger geläufig ist als das apostolische, verbinde dieses Bekenntnis alle Christen miteinander, betonte Bischof Dr. Klaus Krämer. „Kirche ist Gemeinschaft im Glauben, und das Glaubensbekenntnis ist eine gegenseitige Versicherung, dass man Teil dieser Gemeinschaft ist." Als „Basis aller Gemeinsamkeiten", auf denen die Ökumene gründet, nannte auch Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl den Text, der vor 1700 Jahren formuliert wurde.
Doch welche Bedeutung hat das Credo angesichts eher ernüchternder Fakten, wonach weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung Mitglied einer Kirche ist und die meisten Verbleibenden bei Umfragen kaum mehr die Inhalte des Glaubensbekenntnisses teilen? Was hat das Credo den Menschen heute eigentlich noch zu sagen? Antworten auf diese Fragen versprachen sich weit über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer im Schwörsaal des Ravenburger Waaghauses. Aus Anlass des Jubiläums des Konzils von Nicäa mit seinem wegweisenden ökumenischen Glaubensbekenntnis unternahm die Katholische Erwachsenenbildung (keb) im Kreis Ravensburg ein dreimonatiges „Credo-Projekt".
Der Gesprächsabend mit den beiden württembergischen Bischöfen, ökumenisch moderiert von Dr. Martin Hauff, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg, und Dr. Michael Schindler, Pastoralreferent der Seelsorgeeinheit Ravensburg Mitte, bildete einen Höhepunkt der vielfältigen Reihe, für die der Ravensburger keb-Geschäftsführer Florian Strobel außerdem die Stadt Ravensburg - vertreten durch Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp -, das Evangelische Bildungswerk Oberschwaben und die Akademie der Diözese Rottenburg Stuttgart mit ins Boot holte. Vom Standort Weingarten aus betreut Dr. Heike Wagner, Akademie-Fachbereichsleiterin „Internationale Beziehungen" das Tandemprojekt der „Académie de l'Amitié“ zwischen Burundi und Baden-Württemberg in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Bad Boll. Die Zuschaltung von jungen Leuten aus Burundi verlieh dem Gesprächsabend über Glaubenstradition und Glaubenserfahrung noch eine spannende weltkirchliche Dimension.
Anschlussfähig auch in unserer Zeit
Mit seiner faszinierenden Bildsprache („Licht vom Licht"), mit poetischen Formulierungen, in denen sich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes widerspiegelt, so sagte Bischof Gohl, und mit dem „großen Horizont, der ein religiöses Weltbild ausmacht" und über den Alltag der Menschen hinausweist, sei der Text durchaus „anschlussfähig auch in unserer Zeit", befand Bischof Krämer. Die häufig gehörte These, dass der Sensus für das Religiöse völlig verloren gehe, teile er jedenfalls nicht. Gleichwohl gebe es auch die Punkte, wo es „hakt": „Jesus ist der Stein des Anstoßes." Wie schon in der Bibel berichtet werde, „muss man zu Jesus Position beziehen" („Für wen haltet ihr mich?" Mt 16,15). Dass Gott in Jesus neu und ganz intensiv erfahrbar werde, „ist der Kern unseres christlichen Glaubens. Darauf muss man sich einlassen", sagte Krämer. Und dieser Weg gehe über die persönliche Entscheidung. Dies beseitezuschieben, wäre der falsche Weg.
Erfahrungsräume für Glauben öffnen
Damit Glaube Fuß fassen kann, komme es weniger auf die Vorstellung von Gott als vielmehr auf die Erfahrung mit Gott an. Eine zentrale Herausforderung für die Kirche sei es, Erfahrungsräume für Glauben zu öffnen, sagte Bischof Krämer. Dazu gehöre, wieder zu vermitteln, wie man beten kann. Soziologische Studien legten nahe, dass viele Menschen an „irgendwas" glauben, etwa eine höhere Macht, aber eben nicht an den einen Gott, den personalen Gott. Erst über das Gebet erschließe sich, was das personale Gottesbild bedeutet. Die Kirche habe einen reichen Fundus an Techniken und spirituellen Erfahrungen, aus denen man schöpfen kann. Selbst Distanzierte ließen sich angesichts existenzieller Erfahrungen wie dem Tod von einem Gebet berühren, berichtete auch Bischof Gohl. Er maß auch Kirchenräumen wie dem Ulmer Münster missionarischen Charakter zu.
Überzeugend sind authentische Menschen
Die Notwendigkeit einer mystagogischen Glaubenspraxis kam auch in der Fragerunde nochmals zur Sprache, als eine junge Zuhörerin in ihrer Wortmeldung Wärme und Herz in der Kirche vermisste und im Umgang mit der jungen Generation anmahnte. Für junge Leute überzeugend und damit entscheidend sei letztlich nicht das Glaubensbekenntnis, sondern seien Menschen, zu denen sie mit ihren Fragen kommen können, und die mit der Art, wie sie leben, eine authentische Antwort geben, sagte Krämer. Gefragt seien Glaubenszeugen, „die sich in die Karten schauen lassen".
Barmherzigkeit statt „Recht des Stärkeren"
Einen hohen Stellenwert maßen beide Bischöfe der christlichen Hoffnung bei, die sich im Glaubensbekenntnis ausdrückt und die sich - als Kontrast zur Gegenwartserfahrung - in Krisen und Bedrängnis bewährt. „Hoffnung ist für mich, dass mein Leben vom ersten Atemzug bis zum Tod bei Gott geborgen ist", sagte Gohl. Krämer erinnerte an den Gedanken der Barmherzigkeit, der in einer Zeit der Polarisierung an Bedeutung gewinne und dem Paradigma eines „Rechts des Stärkeren" diametral entgegenstehe. Wer Barmherzigkeit lebe, mache sich auch ein Stück weit verletzlich und angreifbar, sei am Schluss aber doch der Stärkere und mache Entwicklungen möglich, die durch polarisierende Haltungen verhindert würden. Hier seien Christen besonders gefragt. Auch die Synodalität, in der sich die Kirche derzeit besonders einübt, könne eine Art Gegenmodell sein in einer Demokratie, in der Interessen immer nur gegeneinander in Stellung gebracht werden. Christen müssten sich an der Barmherzigkeit messen lassen, sagte Gohl und warb für eine Kultur des Zuhörens und für Respekt für andere Positionen, der zum Beispiel in der kontroversen Debatte um Kriegstauglichkeit und Pazifismus nötig sei.
Strahlkraft trotz rauem Klima
Mit Blick auf zurückgehende Mitgliederzahlen und ein raueres Klima für Christen in der säkularen Gesellschaft berichtete der Bischof von der Erfahrung aus anderen Ländern, wo die Kirche in einer starken Minderheitenposition besondere Strahlkraft habe. Das Christentum sei oft dann stark gewesen, wenn es auch Gegenwind gab. „Das zwingt uns, stärker Position zu beziehen, und das hat dann auch eine eigene Überzeugungskraft", sagte Bischof Krämer. Letztlich komme es weniger auf die absoluten Zahlen an, als vielmehr auf die Frage, „ob wir auch in Zukunft lebendige Gemeinden haben, die eine Ausstrahlung haben" und dann durchaus auch Dinge in der Gesellschaft positiv beeinflussen können.




