Gott einen Ort sichern – Große Exerzitien im Alltag starten in den Dekanaten Rems-Murr und Ludwigsburg. Birgit Bronner, Birgitta Negwer und Pfarrer Alois Krist beantworten Fragen dazu.
Frau Bronner, Sie sind eine der Initiatorinnen von „Gott einen Ort sichern“ in den beiden Dekanaten Rems-Murr und Ludwigsburg. Wie sind Sie auf das Projekt gestoßen?
Auf einem Vernetzungstreffen von Menschen, die im Bereich von Spiritualität und Exerzitien tätig sind, wurde ich auf das Projekt aufmerksam. Es kommt aus dem Bistum Sankt Gallen in der Schweiz. Das Bistum dort hatte sein Bistumsjubiläum vor einigen Jahren mit dem Angebot von „Großen Exerzitien im Alltag“ gefeiert. Das Interesse war viel größer als erwartet. Daher hat Hildegard Aepli, die Referentin für Spiritualität im Seelsorgeamt, für 2025/2026 erneut „Große Exerzitien im Alltag“ organisiert und vorbereitet. Es ist ein ökumenisches Projekt gemeinsam mit der Reformierten Kirche. Sie hat offen eingeladen, sodass sich auch Gruppen außerhalb der Schweiz dazugesellen können. So habe ich Birgitta Negwer, die wie ich auch Geistliche Begleiterin ist, angefragt, ob unsere beiden Dekanate dabei nicht mitmachen wollen. Und so haben wir uns diesem Projekt „Gott einen Ort sichern“ angeschlossen und machen uns mit insgesamt sechs Gruppen in beiden Dekanaten auf den Weg.
Was sind „Große Exerzitien im Alltag“ überhaupt?
Nun zunächst sind Exerzitien geistliche Übungen. Jeden Tag nehmen sich die Teilnehmenden Zeit für eine Anregung mit der sie in die Stille, in das Gebet und dann in den Tag gehen. Das sind häufig Verse aus biblischen Texten mit einer Frage oder einem Hinweis dazu. Bei unserem Projekt steht neben einem biblischen Text jede Woche ein Text von Madeleine Delbrêl im Mittelpunkt. Und am Ende eines Tages nimmt man sich nochmals Zeit für einen Tagesrückblick. Die sogenannten Großen Exerzitien gehen auf Ignatius von Loyola zurück und dauern normalerweise dreißig Tage in der Stille im Kloster. In dieser Zeit wird geschwiegen und täglich vier- bis fünfmal eine Stunde meditiert. Der Prozess, den die Teilnehmenden durchlaufen, wird jetzt im Alltag ein gutes halbes Jahr dauern. Er passt sehr gut zum Kirchenjahr mit Advent, Weihnachten, der Passionszeit und Ostern. Er endet mit der Geistsendung an Pfingsten. Man könnte auch sagen: Es ist ein Durchgang durch die Geheimnisse des Lebens Jesu und damit ein christlicher Glaubenskurs.
Frau Negwer, Sie haben kürzlich eine Online-Veranstaltung zur Spiritualität von Madeleine Delbrêl organisiert. Welche Bedeutung hatte diese Veranstaltung für die Großen Exerzitien im Alltag?
Der Online-Abend mit Dr. Annette Schleinzer, einer ausgewiesenen Kennerin von Madeleine Delbrêl und ihrer Spiritualität, bot den 60 Teilnehmenden und Interessierten an den Großen Exerzitien im Alltag einen Einblick in das Leben, vor allem aber in die Gottesbeziehung von Madeleine Delbrêl. Sie wird ja auch die Mystikerin der Straße genannt. Der Abend hat uns alle eingestimmt auf das kommende halbe Jahr. Und er hat Lust gemacht, sich für die Großen Exerzitien im Alltag noch anzumelden. Dr. Annette Schleinzer kann in sehr bewegender Weise die innere Entwicklung von Delbrêl vermitteln. Madeleine Delbrêl gibt mit ihrer Spiritualität für unsere Zeit des Umbruchs und der Verunsicherung eine wertvolle Orientierung. Ihr zentraler Glaubensvollzug ist die Hinwendung zu den Menschen und zur Welt.
Welche Rolle spielt Madeleine Delbrêl in der Gestaltung der Impulse – und wie wird ihre Spiritualität dort vermittelt?
Das Begleitbuch beinhaltet neben den täglichen Impulsen für die Gebetszeit auch den Lebensweg von Madeleine Delbrêl. Am Beginn jeder Exerzitienwoche steht ein Text von ihr, der ihre Gottesbeziehung zum Ausdruck bringt. In der Meditationszeit spüren die Teilnehmenden nach, was die Aussagen von Delbrêl bei ihnen auslösen.
Wie sind die monatlichen Gruppentreffen aufgebaut – und was passiert dort?
Die Gruppentreffen dienen dem Austausch und der gegenseitigen Bestärkung. Es geht darum, zu hören, welche Erfahrungen haben andere gemacht, gemeinsam auf die jeweilige Phase der Exerzitien zurückzuschauen und die nächste Etappe in den Blick zu nehmen.
An welchen Orten in den beiden Dekanaten sind Menschen gemeinsam unterwegs?
90 Teilnehmende gehen den Weg der Großen Exerzitien im Alltag mit. Die Gruppen treffen sich in Schorndorf, Schwaikheim, Ludwigsburg, Vaihingen/Enz und in Erdmannhausen sowie in einer Online-Gruppe. Sie werden begleitet von pastoralen Mitarbeitern und geistlichen Begleiterinnen: Birgit Bronner, Gerhild Epping, Christoph Knecht, Dr. Alois Krist, Blanka Mandel- Biesinger, Heike Mopils und Birgitta Negwer.
Welche Erfahrungen haben Sie bei den Informationsterminen im Vorfeld gemacht?
Bei den Informationsveranstaltungen wurde von den Interessierten eine große Sehnsucht nach einer Vertiefung ihrer Gottesbeziehung artikuliert. Von dem gemeinsamen Weg der Großen Exerzitien im Alltag erhoffen sich die Teilnehmenden Bestärkung und Verbundenheit. Dass sich so viele Menschen in unseren beiden Dekanaten dafür entschieden haben, Gott einen Ort in ihrem Alltag zu sichern, berührt uns, das Team der Begleiter:innen, sehr.
Herr Dr. Krist, Sie sind Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Ludwigsburg und bieten die Großen Exerzitien in Ihrer Gesamtkirchengemeinde an. Was erhoffen Sie sich persönlich von diesem Projekt – welche Wirkung soll es langfristig entfalten?
Das Wort des Theologen Karl Rahner inspiriert mich schon seit Jahren: 'Die und der Fromme von Morgen wird Gott erfahren haben oder nicht mehr sein.' Die Exerzitien sind ein wichtiger Baustein, um eigene Glaubens- und Gotteserfahrungen zu machen. Wenn die Kirche der Zukunft vor allem von der Spiritualität und dem Einsatz aller Getauften getragen sein wird, muss man diese auch dazu befähigen. Zudem entsprechen die Exerzitien dem geistlichen Gottes-Hunger von Menschen: Sie wollen mehr und sich auf das Gottesabenteuer existentiell einlassen.



