Kirche

Heilige auf den Sockel gehoben

Linke Seite: Steinmetz und Restaurator befestigen die Figur Kaiser Heinrichs mit Gurten am Kran. Rechte Seite: Die Figur schwebt am Kran zu ihrem Sockel, vor dem ein Gerüst steht.

Steinmetz Daniel Kortmann (l.) und Restaurator Patrick Jürgens hieven die 100 Kilogramm schwere Figur Kaiser Heinrichs II. auf ihren Sockel an der Ravensburger Liebfrauenkirche - Fotos: Ralf Reiter

Vom Westportal der Ravensburger Liebfrauenkirche grüßen nun wieder die neugotischen Figuren - sie lagerten im Keller unter einer Plane.

Alles raus - das war das Motto vieler Kirchenrenovierungen ab den 1960er Jahren. Vor allem die Altäre, Kanzeln und Chorstühle aus der Zeit des Historismus waren aus der Mode gekommen. Dieser Stil um 1900 herum imitierte und interpretierte die Romanik, die Gotik und den Barock neu. Auch die Einrichtung der Ravensburger Liebfrauenkirche fiel dem Zeitgeschmack zum Opfer. Darunter sechs Figuren, die außen in den Nischen der neugotischen Säulen an der Westfassade standen. Und wohin damit? "Ich habe die unten im Keller des ehemaligen Kaplaneihauses in der Herrenstraße 1 unter einer Plane gefunden", berichtet Pfarrer Harald Kiebler.

Seit Freitag blicken die sechs Heiligen wieder auf die Menschen, die vom Frauentor Richtung Kirchstraße oder umgekehrt vorbeigehen. Restaurator Patrick Jürgens aus Sigmarszell und der Weitnauer Steinmetzmeister Daniel Kortmann hatten die Figuren gereinigt und konserviert, bevor sie sie auf den Sockeln befestigten. Letztere stammen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Damals versuchte der bekannte Architekt Joseph Cades den Westgiebel der ursprünglichen gotischen Kirche wieder sichtbar zu machen - so, wie er heute zu sehen ist. Durch die einseitige Erweiterung um ein zweites Seitenschiff gen Süden im Jahr 1470 wirkte das in diese Richtung verlängerte Dach bis dahin recht unförmig.

Heilige Kaiser:innen und Bischöfe

Um das erhöhte Hauptschiff zu betonen, ergänzte Cades das alte Tympanon über dem Westportal im Jahr 1893 auf beiden Seiten um die neugotischen Säulen mit den Figuren. "Es sind drei weltliche Heilige und drei Bischöfe", weiß Ralf Reiter. Der Historiker machte anhand alter Fotografien aus dem Stadtarchiv und durch ihre typischen Symbole die Standorte des Kaiserpaars Heinrich II. und Kunigunde, der Kaiserin Adelheid sowie der Konstanzer Oberhirten Konrad und Gebhard und des heiligen Ulrich, einst Bischof von Augsburg, ausfindig. Wegen ihrer hellen Farbe hätten einige Leute die Figuren für Kopien gehalten.

Doch inzwischen ist klar: Die Heiligen aus Kelheimer Kalkstein sind original. "Drei davon hat Moriz Schlachter geschaffen, die anderen drei das Atelier Schnell", erklärt Reiter und deutet Rivalitäten zwischen den beiden ortsansässigen Werkstätten an. Bis das Sextett in die Nischen zurückkehren konnte, waren unter anderem Verhandlungen mit dem Denkmalamt notwendig. Dieses begrüßte die Rückkehr an den Ort, für den die Skulpturen geschaffen wurden. Hintergrund der Aktion war die Inventarisierung aller sakralen Gegenstände in den Kirchengemeinden. "Ich bin sehr dankbar, dass die Heiligen nun wieder dort stehen, wo sie hingehören.", freut sich Pfarrer Kiebler.