Fasnet

Hexenhosen für einen guten Zweck

Klara Schlieske aus der katholischen Liebfrauengemeinde in Mengen näht Hexenhosen für den guten Zweck - Foto: DRS/Witczak

Klara Schlieske aus Mengen im Dekanat Saulgau ist kirchlich engagiert und näht mit einer Freundin die gefragten Fasnetsutensilien.

Zunächst ist es nur ein leises Surren. Dann gibt Klara Schlieske Gas und ihre Nähmaschine rattert über die Schnittkanten des Stoffes, den sie mit ruhiger Hand unter der hüpfenden Nadel hindurchschiebt. In Ihrer Wohnung in Mengen verwandelt die 61-Jährige alte Leintücher in Hexenhosen. Genauer gesagt in die typischen knielangen weißen Unterhosen mit Spitzen als Abschluss, die schwäbisch-alemannische Fasnetshexen unter ihrem Rock und ihrer Schürze tragen.

Beim wilden Treiben durch die von Zuschauern gesäumten Straßen robben die maskierten Gestalten schon auch mal über den Asphalt oder vollführen waghalsige Sprünge. „Jede Hexe braucht pro Saison etwa zwei Hexenhosen“, weiß Klara Schlieske. Kostüme für die Fasnet zu nähen, das verbindet sie und ihre Freundin Conny Wetzel schon lange. Als ihre Kinder ins entsprechende Alter kamen, starteten sie die Hexenhosenproduktion zunächst nur für die Familie.

Leintücher haben im Haushalt ausgedient

Klara Schlieske blickt von ihrer Nähmaschine auf und zeigt in eine Ecke ihrer geräumigen Nähstube, die sie sich im oberen Stockwerk des Hauses eingerichtet hat. Auf einer Anrichte stapeln sich blütenweiße Leintücher, teilweise noch in Plastikfolie verpackt. Spannbettücher machen die Laken, die früher in ausreichender Zahl zur Standardausrüstung jedes Haushalts gehörten, inzwischen überflüssig. Vor über 15 Jahren erfuhr die Mengenerin von einer Handarbeitsgruppe in Bad Saulgau, die daraus Hexenhosen näht und für einen guten Zweck verkauft.

„Wir haben so viel Stoff und kennen Leute, die Hexenhosen suchen“, dachten sich die Hobbyschneiderinnen. „Das könnten wir doch auch machen.“ Das hat sich schnell herumgesprochen. Inzwischen beliefern die beiden Frauen nicht nur Narren in der Region. Bestellungen kommen bis aus Köln. Den Erlös spenden sie für Menschen am Ort, die in einer konkreten Notlage sind. „Wenn wir nicht direkt etwas wissen, geht es an die Stiftung“, erläutert Klara Schlieske. Die Ursula-Zyschka-und-Lene-Rief-Sozialstiftung der Kirchengemeinde Liebfrauen unterstützt Ausbildung und Freizeitangebote für Kinder aus einkommensschwachen Familien.

Gewinn als Spende für soziale Zwecke

Die hervorstechenden Augen aus zerfurchten Gesichtern beobachten Klara Schlieske genau. Miniaturexemplare der Mengener Stadthexe hängen vor den Fenstern und reiten dabei auf ihren Besen. Selbstverständlich tragen sie auch Unterhosen aus eigener Produktion. Zwischen den furchteinflößenden Gestalten baumeln geflochtene Herzen vor den Scheiben. Fasnet und soziales Engagement - meist in ihrer Kirchengemeinde - bestimmen neben ihrer Familie das Leben der vielfach engagierten Frau. Ihr Mann Herbert ist inzwischen Rentner und unterstützt sie.

Die diesjährige Fasnet ist fast gelaufen. Die übrigen Hexenhosen verwahrt Klara Schlieske in einem Karton. Über den Sommer wäscht und bügelt sie dann die Leintücher für die nächste Saison und besorgt die Spitzen, wenn sie nicht welche von alten Stoffen abtrennen kann. Nachschub bekommt sie immer wieder. Vor Kurzem erreichte sie ein Anruf aus Bad Saulgau. Die dortigen Hosennäherinnen sind jetzt alle über 80 und hören auf. „Wir haben von ihnen Gummi, Spitzen und gereinigten Stoff bekommen, das ist echt toll“, freut sich die Mengenerin. Somit stirbt die Hexentradition in der Region in absehbarer Zeit nicht aus. Und auch nicht das Engagement für einen guten Zweck.

Zur Person

Es gibt fast nichts in der Kirchengemeinde Liebfrauen in Mengen, was Klara Schlieske noch nicht gemacht hat oder immer noch macht. 23 Jahre ist sie Mitglied im Kirchengemeinderat, die letzten 13 Jahre als gewählte Vorsitzende. „Ich bin eigentlich in jedem Ausschuss dabei“, verrät die rührige 61-Jährige. Als es um den Neubau des Gemeindehauses direkt neben der Kirche ging, wofür zwei Häuser abgerissen werden mussten, gab es zunächst Gegenwind und anonyme Briefe. „Seit das Haus steht, ist aber jeder zufrieden“, freut sie sich über die Akzeptanz des offen gestalteten Gebäudes. Auch beim Umbau des Kindergartens und der Renovierung der Martinskirche war sie eingebunden.

Als Mesnerin, Lektorin und Kommunionhelferin bereichert Klara Schlieske die Liturgie. Sie besucht Gemeindemitglieder bei runden Geburtstagen und organisiert die Sternsingeraktion mit. Außerdem kocht sie bei Kinder-, Familien- und Jugendfreizeiten. Damit hatte auch alles angefangen. Obwohl sie in einer landwirtschaftlichen Großfamilie aufgewachsen war und ihre Mutter bereits in der Sakramentenkatechese aktiv war, fand die junge Frau erst spät Zugang zur Liebfrauengemeinde. Als ihr Sohn zur Erstkommunion kam, fragte sie der Pfarrer danach, ob sie auf die Ministrantenfreizeit als Begleiterin mitkommen möchte. „So bin ich da hineingewachsen und es macht mir nach wie vor Spaß“, sagt die Ehrenamtliche.

Sie schultert die vielfältigen Aufgaben aber nicht alleine. „Ich bin jemand, der auf die Leute zugehen kann“, verrät sie und spricht immer wieder andere Menschen an. Auch wenn es zunehmend schwieriger wird, Mitstreiter:innen zu finden, sieht sie Mengen noch ganz gut aufgestellt. Ist sie mal nicht für die Kirche unterwegs, geht sie auch Fahrrad oder Ski fahren und unternimmt etwas mit ihren sechs Enkeln. Seit 48 Jahren singt Klara Schlieske im Kirchenchor  - allerdings in Hohentengen, das zur Nachbar-Seelsorgeeinheit gehört. Das ist ihre Auszeit. „Da gehe ich hin zum Singen und muss drumherum nichts machen oder regeln“, betont sie.

Für ihr umfangreiches gesellschaftliches und kirchliches Engagement erhielt Klara Schlieske beim Neujahrsempfang am 15. Januar die Silberne Verdienstmedaille der Stadt Mengen.

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