Die Haltung des Zuhörens, des Aufmerksam seins für andere, habe ich besonders in meiner Arbeit als Wallfahrtsseelsorger auf dem Palmbühl entdeckt. In unserer „AnsprechBar“ auf dem Parkplatz vor der Wallfahrtskirche – einem Ort, der zugleich Bar und Einladung zum Ansprechbar-Sein ist – erlebe ich immer wieder, wie heilsam es für Menschen ist, gehört zu werden.
Aktives Zuhören kann den Menschen Kraft für den nächsten Schritt geben und etwas beim Gegenüber verändern. Denn allein der Prozess, beim Erzählen die Gedanken zu ordnen, kann schon Kraft geben. Zuhören eröffnet einen Raum des Vertrauens, weil der/die Erzählende selbst bestimmen kann, wie viel er/sie erzählt. Gleichzeitig lädt mich das Zuhören ein, meine eigene Position zurückzustellen und auf Welten zu lauschen, die mir bisher verborgen waren – vielleicht, weil sie nicht in mein eigenes Weltbild passten.
In der „AnsprechBar“ geben wir bewusst keine Rezepte oder fertigen Antworten. Wir vertrauen darauf, dass die Kraft im Menschen selbst liegt. Am Ende eines Gesprächs schenken wir daher einen Segenswunsch – eine Ermutigung, den eigenen Weg weiterzugehen. König Salomos Bitte um ein „hörendes Herz“ ist dafür ein starkes biblisches Vorbild.
Zuhören heißt, der Person, die spricht, wirklich Raum zu geben. Oft sind wir innerlich eher auf dem Sprung und legen uns schon im Hören zurecht, was wir erwidern wollen. Doch aktives Zuhören braucht Ruhe und die Bereitschaft, nicht sofort zu reagieren, sondern zu verstehen, innerlich beim Gegenüber zu sein. Wie Jesus bei Bartimäus fragen wir: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ – ohne anzunehmen, wir wüssten es besser.
Die Haltung „Höre zu“ kann uns helfen, die anstehenden Veränderungen gemeinsam zu gehen. Denn es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern sich auf andere Positionen einzulassen und anzuerkennen, dass meine Position nicht die einzige oder die einzig wahre ist.
„Höre zu“ bedeutet aber auch, auf mich selbst zu hören: auf innere Bewegungen, Stimmungen, Fragen und Vorurteile. Bin ich in Abwehr oder offen für Neues, für Überraschungen? Diese innere Aufmerksamkeit ist Voraussetzung dafür, anderen wirklich begegnen zu können.
Michael Holl, Pastoralreferent und Wallfahrtsseelsorger auf dem Palmbühl




