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„Ich mag den realistischen Blick der Bibel auf das Leben“

Interview zum Bibelsonntag

Dr. Katrin Brockmöller, Geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerk e.V., zählt zu den größten Bibelexperten in Deutschland. Bild: privat

Der kommende Sonntag steht ganz im Zeichen der Bibel. Wir haben mit einer Expertin über das Buch der Bücher gesprochen.

Das Buch der Bücher ist die Quelle des christlichen Glaubens. Am bundesweiten Bibelsonntag, der immer am letzten Sonntag im Januar gefeiert wird, geht es um das Gemeinsame und Verbindende aller Christinnen und Christen. Die Geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerk e.V., Dr. Katrin Brockmöller, erläutert, warum es sich lohnt, in der Bibel zu lesen, was wir gerade in der heutigen Situation aus der Bibel lernen können und welche Geschichte sich aus ihrer Sicht ganz besonders zur Lektüre lohnt.

Frau Dr. Brockmöller, in vielen Haushalten gibt es eine Bibel. Gleichwohl steht diese oftmals ungelesen im Bücherregal. Warum sollten wir die Bibel entstauben und vielleicht sogar täglich im Buch der Bücher lesen?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Sie zeigt, dass unsere Kirche einfach zu häufig zu moralisch denkt. Wer eine Bibel zu Hause hat, verbindet auch etwas damit. Vielleicht ist diese Bibel ein Familienerbe, vielleicht erinnert sie an ein Fest wie die Hochzeit oder Erstkommunion. Auf jeden Fall kann der Blick auf das Buch allein schon tröstend wirken und das wichtige Gefühl bestärken, nicht allein auf der Welt zu sein und von Gott getragen und begleitet zu sein. Das sollte man nicht unterschätzen. Wer neugierig ist und die Bibel öffnet, erlebt oft ganz Verschiedenes: Den einen bleibt der Text fremd. Sie verstehen die Sprache nicht und die Bilder sind fremd. Hilfreich ist dann, sich mit anderen zusammen zu tun. Das kann zum Beispiel sein, gemeinsam zu lesen oder auch eines der vielen biblischen Angebote zu besuchen, die es gerade rund um den Bibelsonntag am 30. Januar gibt. Oder etwas auf der Homepage des Bibelwerk e.V. (www.bibelwerk.de) zu surfen.

Es geht also nicht darum, täglich in der Bibel zu lesen?

Etwas täglich zu tun, fordert hohen Einsatz oder eine lange Übungszeit. Wer täglich auch nur ein Wort oder einen Satz in der Bibel liest, für den wird das Wort Gottes zu einer Art Training. Wovon spricht der Text? Kann ich daraus einen Impuls für mich entdecken? Gibt es einzelne Worte oder Bilder, die ich einfach als Begleitung mit in den Tag nehmen kann? Das kann zu einer täglichen Meditation werden, die uns im Vertrauen wachsen lässt. Ich finde man sollte die Frage eigentlich gerade andersrum stellen.

Wie kommt es, dass so viele Menschen ein über 2000 Jahre altes Buch heute mit so viel Aufmerksamkeit und Liebe lesen? Die Liebe zu diesem Buch ist eine Reaktion auf die Liebe, die uns darin entgegenkommt. Der Kern der Botschaft lautet: Ich liebe dich, Mensch.

Über Jahrhunderte haben Menschen aufgeschrieben, wie sie ihr Leben und Gott miteinander verbunden haben. An diesen Erfahrungen kann man beim Lesen anknüpfen und auch die eigenen Fragen, das eigene Glück, die eigenen Gotteserfahrungen mit Hilfe der Texte verstehen und mit anderen teilen.

In der Bibel wird auch von Seuchen und Pandemien berichtet. Denken wir nur an Heuschreckenschwärme oder die Apokalypse. Können wir im Gegenzug gerade jetzt Hoffnung aus den Geschichten in der Bibel ziehen, Frau Dr. Brockmöller?

Ja, die Bibel erzählt von all dem, was Menschen Schreckliches erfahren können. Von Naturgewalten, von Krieg, von Hunger, von Vertreibung und von Krankheiten - auch von schmerzlicher Gottesferne. Manchmal werden leidvolle Situationen im Rückblick als von Gott gesandt interpretiert. In der Erzählung von der Heuschreckenplage liegt die erzählerische Pointe darauf, endlich den Pharao von Gottes Macht zu überzeugen. Dieser Versuch scheitert, der Pharao bleibt stur und so entwickelt sich die Erzählung weiter, bis am Ende sehr deutlich ist: Der Pharao hat keine Macht. Bei Gott allein liegt die Macht über die Geschicke in der Welt.

In apokalyptischen Texten dienen die chaotischen und bedrohlichen Ereignisse dazu, die Hoffnung auf eine gute und gerechte Zeit zu bestärken. Jetzt erleben wir zwar das Grauen, aber dann wird Gott helfend und richtend eingreifen – das ist die apokalyptische Hoffnungskraft. Jetzt ist es noch verborgen, aber die gute Schöpfung Gottes wird kommen. Ich mag diesen realistischen Blick der Bibel auf das Leben sehr. Hier wird nichts beschönigt.

Die Geschichten können aber ganz schön beängstigend sein?

Grundsätzlich kann es schon sein, dass diese Erzählungen zunächst beim Lesen Angst auslösen. Ihre Intention ist eine andere: Sie wollen die Realität ungeschönt aufzeigen. Und sie werben um Gottvertrauen: Gott hat alles in der Hand hat. Für mich ist das schönste Beispiel dieser Art Jesaja 43,2-3. Dort heißt es:

Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen. Denn ich, der Ewige, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter.

Ist das Ihre liebste Stelle in der Bibel?

Ich mag sehr den eben zitierten Vers aus Jesaja 43. Er begleitet mich schon sehr lange. Mir gefällt der Realismus daran. Gott sagt mir nicht zu, dass ich von Feuer und Wasser verschont bleibe, aber wenn ich durchgehe, ist er bei mir. Ich werde leben.

Gerade habe ich aus Anlass der Bibelwoche mit einer großen Gruppe zu Texten aus dem Buch Daniel gearbeitet. Da uns alle die Veröffentlichungen rund um die Missbrauchsstudie aus München-Freising sehr bewegt haben, bot ich der Gruppe an, dass wir den Text aus Daniel 13, die Vergewaltigung Susannas, lesen. Es war für alle sehr erhellend, wie sich die Strukturen gleichen. Sowohl im biblischen Text als auch in den aktuellen Ereignissen war klar sichtbar: Sexualisierte Gewalt nicht nur gegen Frauen wird möglich, wenn es keine sicheren Räume gibt, wenn den Tätern mehr Gehör und Aufmerksamkeit geschenkt wird, als den Opfern, wenn Familie und Freunde nicht sehen wollen und wenn Statusfragen und Männerbünde die Wahrheit verschleiern. Wenn die Situation so ist, dann braucht es sehr laute und irritierende Aktionen. Im Buch Daniel wird das von Gott gewirkt. Daniel schreit plötzlich laut auf: Ich bin unschuldig! Das führt zu einer massiven Irritation bei allen Anwesenden und es gelingt Daniel, dass der Prozess neu aufgerollt wird und die Täter verurteilt werden. Die Verletzung Susannas aber bleibt. Sie kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Bibel bewahrt dieses Leid und wird damit auch zum Erinnerungsort und schriftlichen Zeugnis für all die unsichtbaren Frauen und Männer, die von damals bis heute zu Opfern sexueller Gewalt gemacht wurden.

Hintergrund: Das Katholische Bibelwerk e.V.

Das Katholische Bibelwerk e.V. fördert seit über 80 Jahren das Verständnis der Bibel und die persönliche Beziehung zur Heiligen Schrift. Ziel des Vereins mit derzeit rund 15.000 Mitgliedern ist es, das Buch der Bücher auf jede Weise zu erschließen. Durch Zeitschriften, Kurse und bibelpastorale Materialien wirkt der Verein in die Breite der Kirche. Das Katholische Bibelwerk e. V. übernimmt auch Aufgaben als bibelpastorale Arbeitsstelle der deutschen Bischofskonferenz und ist in jeder Diözese durch eine/n Diözesanleiter/-in präsent.

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