Frauen

Ignoriert die Kirche biblische Frauen?

Auf dem alten Bild sind tantende Frauen zu erkennen.

Miriams Tanz, Miniatur aus dem bulgarischen Tomić Psalter im Historischen Museum Moskau

Annette Jantzen lässt in ihrem Buch übergangene Mütter im Glauben und ihre nicht im katholischen Gottesdienst gehörten Geschichten zu Wort kommen.

Kennen Sie Mädchen und Frauen, die Eva, Sara, Lea, Rut, Hanna, Rebekka heißen - so oder anders geschrieben? Die Namen stammen aus der Bibel und sind nur eine kleine Auswahl der dort genannten Protagonistinnen. Bereits der erste Teil der biblischen Buchsammlung, der mit der jüdischen Tradition gemeinsame Texte enthält und im Christentum als "Altes Testament" bekannt ist, beschreibt 60 von ihnen ausführlicher. Das sei bemerkenswert, da "diese alten Texte ja in einem ausgesprochen patriarchalen Umfeld entstanden sind", schreibt Annette Jantzen in ihrem neuen Buch "Die ignorierten Frauen der Bibel". Aber nicht nur darin, dass mutmaßlich nur Männer die Berichte überliefert und aufgeschrieben haben, sieht die promovierte Theologin ein Problem.

Kennen Sie die spannenden Geschichten dieser Frauen? Wer Religionsunterricht genoss, verbindet mit Abraham, Mose oder Propheten wie Jesaja wenigstens eine grobe Vorstellung. Tamar, Mirjam, Ester und andere Frauen stehen eher im Hintergrund. Auch in den Lesungen der katholischen Gottesdienste sind die Glaubensväter proportional stärker vertreten als die -mütter. Früher gab es in der Messe nur wenige Bibeltexte, die sich häufig wiederholten. Und die Katholik:innen mussten der Auslegung des Priesters vertrauen. Eine deutsche Bibelübersetzung zum Nachlesen hatten meistens nur die Protestant:innen zu Hause. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in den 1960er Jahren die Schatztruhe der Bibel auch für Katholik:innen weit geöffnet.

Die Auswahl hat Auswirkungen

Die neue nachkonziliare Leseordnung für die Messfeiern haben - wie die Texte selbst - ebenfalls Männer erstellt. "Wie viel fehlt, sieht und vor allem hört man ja nicht, und so fällt gar nicht auf", folgert Jantzen, "wie sehr damit die biblische Glaubensgeschichte als eine Männergeschichte begriffen wird." Dazu tragen auch Auslassungen einzelner Verse bei. Jantzen zeigt das am Beispiel von Hagar, der ägyptischen Sklavin von Abraham. Die Lesung im Gottesdienst erzählt, dass dessen Frau Sara nicht schwanger wurde und Hagar ihm an ihrer Stelle einen Sohn gebären sollte. Die Verse, in denen Hagar Gott für sich als den erkennt, der auf sie schaut, der ihr im wahrsten Sinne des Wortes Ansehen gibt, fehlen.

Auch wenn die Tradition diejenigen, die Jesus nachfolgen, als männliche Apostel und Jünger identifiziert, tauchen im Umfeld des Zimmermanns aus Nazaret neben Maria, seiner Mutter, weitere namhafte Frauen auf. Die Frau am Jakobsbrunnen, von der das Evangelium des morgigen Sonntags erzählt, hat zwar keinen Namen, aber eine lange Geschichte. Daher wird vielerorts die angebotene "Kurzfassung" gelesen. Darin fehlt der Hinweis auf ihre fünf Männer, häufig als "der Gipfel der Verruchtheit" gedeutet, wie Jantzen es in ihrem Blog "Gotteswort, weiblich" nennt. Oft hintereinander heiraten müssen deute aber auf die Armut und die Rechtlosigkeit der Frau hin, also auf eine mehrfache "Ehe aus purer Not". In Jesus lernt die Frau dagegen Gottes bedingungslose Güte kennen.

Hoffnungsvolle Perspektive

Dass die Geschichte des Christentums samt seiner Wurzeln im Judentum als von Männern geprägt wahrgenommen wird, liegt also nicht in erster Linie an der Überlieferung der Bibel selbst. Es liegt nicht unwesentlich an der Auswahl der Geschichten, die zu Gehör gebracht werden und die sich im Gedächtnis und in der Spiritualität der Christ:innen festsetzen. Annette Jantzens Ausführungen machen neugierig, die verborgenen Frauengestalten und ihre Botschaften im Buch der Bücher zu entdecken und mit ihnen den Blickwinkel zu weiten. Ein spannender Impuls zum Weltfrauentag am 8. März.

Weitere Informationen

Wer Annette Jantzen persönlich erleben und in die Geschichten der ignorierten Frauen der Bibel eintauchen möchte, hat in der Diözese Rottenburg-Stuttgart folgende Möglichkeiten:

Lesung und Gespräch zum Weltfrauentag

mit Dr. Annette Jantzen, Theologin und Autorin
Sonntag, 8. März 2026, 11.30 Uhr 
als Matinee nach dem Gottesdienst
im Katholischen Gemeindehaus
Brackenheim, Sattelmayerstraße 1
Die Lesung ist eine Kooperationsveranstaltung der Initiativgruppe “Aufbruch - Katholisch im Zabergäu” und der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) Heilbronn

Die ignorierten Frauen der Bibel

mit Dr. Annette Jantzen, Theologin und Autorin
Donnerstag, 7. Mai 2026, 19.30 Uhr
im Gemeindehaus Berg, katholischer Gemeindesaal St. Nikolaus
Friedrichshafen, Schulstraße 10
Veranstalter ist die Katholische Erwachsenenbildung (keb) Bodenseekreis in Kooperation mit Kolping Friedrichshafen-Berg

Informationen zum Buch "Die ignorierten Frauen der Bibel - Was im Gottesdienst nicht gelesen wird" von Annette Jantzen, erschienen im Herder-Verlag, finden Sie hier.
Über diesen Link gelangen Sie zu Annette Jantzens Blog "Gotteswort, weiblich".

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