Geflüchtete

„Ihre Arbeit verändert Leben"

Seit zehn Jahren bietet die Psychologische Familien- und Lebensberatung (PFL) der Caritas Ulm-Alb-Donau Hilfe für traumatisierte Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung an. Annika Dangel, Fachleiterin Soziale Hilfen (rechts), sagt dem Leitungsduo der PFL, Andreas Mattenschlager und Christine Krug, stellvertretend für alle Mitarbeitenden, Danke. Foto: drs/Jerabek

Viel mehr als Hilfe: Seit zehn Jahren leistet die Caritas psychotherapeutische Unterstützung für traumatisierte Kinder mit Fluchterfahrung.

Ein „zweischneidiges Fest" sei das Zehn-Jahr-Jubiläum des Bereichs „Traumatherapie für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung" (kurz: „TF"), sagte Christine Krug, stellvertretende Leiterin der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas Ulm-Alb-Donau, gleich zu Beginn der kleinen Feierstunde im Ulmer Weststadthaus. „Wir feiern die, denen wir helfen konnten, ohne die zu vergessen, die es nicht geschafft haben. Wir feiern die Erfahrung der gegenseitigen Hilfe, die stärker ist als die Grausamkeiten in der Welt." Das Beispiel von Mohammad aus Afghanistan, das Christine Krug schilderte, und die Erfahrungen von Misshandlung und Missbrauch, die er auf dem Fluchtweg gemacht habe, stünden für die vielen Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen, die sich auf den Weg gemacht haben, geben aber auch einen Eindruck davon, was Traumatherapie leisten könne.

Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung konnten die Fachkräfte der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas Ulm-Alb-Donau in den vergangenen zehn Jahren erreichen: etwa 776 von ihnen erhielten Einzelfallbetreuung, geschätzte 250 Kinder und Jugendliche besuchten das offene Atelier der Kunsttherapie in der Gemeinschaftsunterkunft oder im Rahmen von Gruppenangeboten, zum Beispiel an Schulen.

Das therapeutische Unterstützungsangebot der Caritas für traumatisierte, geflüchtete Kinder und Jugendliche wurde 2015 in Kooperation mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm ins Leben gerufen. Dieses überregionale Kooperationsprojekt – weiterer Partner ist Refugio Villingen-Schwenningen – wird vom katholischen Dekanat Ehingen-Ulm koordiniert und gilt als bundesweit einzigartig.

Traumatisierte Kinder brauchen sichere Orte

Vor zehn Jahren, als viele Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche nach lebensgefährlicher Flucht, nach Deutschland kamen und „wir als Gesellschaft gefragt waren, Verantwortung zu übernehmen", hätten hier in Ulm viele sehr schnell verstanden: „Traumatisierte Kinder und Jugendliche brauchen besondere Aufmerksamkeit. Nicht irgendwann – sondern jetzt", erinnerte Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb in ihrem Grußwort. „Sie brauchen sichere Orte. Orte wie diesen, an denen sie zur Ruhe kommen, Vertrauen fassen und wieder wachsen dürfen." Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung XI „Kirche und Gesellschaft", ist Vorsitzende des Vergabegremiums des Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der zu den wichtigsten finanziellen Stützen der psychotherapeutischen Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder zählt: Über eine Million Euro hat der Fonds seit 2014 für dieses Projekt der Psychologischen Familien- und Lebensberatung (PFL) aufgebracht.

Karin Schieszl-Rathgeb, die auch die Grüße von Bischof Dr. Klaus Krämer überbrachte, würdigte insbesondere das Engagement der Mitarbeitenden, Dolmetschenden und Unterstützenden. „Was Sie hier leisten, ist nicht selbstverständlich. Und es ist nicht abstrakt. Es ist konkret, es verändert Lebenswege." Das werde immer dann deutlich, wenn die Fachkräfte erkennen könnten, dass etwas von ihrer Begleitung und Unterstützung „angekommen" ist, dass es wirkt. „Ihre Arbeit verändert Leben. Sie gibt nicht nur Sicherheit, sondern auch wieder ein Stück Würde", so die Ordinariatsrätin. Sie erinnerte an das neue Positionspapier zur Flucht und Migration, das die Diözesanleitung jüngst verabschiedet hat. „Die Fürsorge für Geflüchtete und Migrant:innen gehört zum Selbstverständnis der Diözese Rottenburg-Stuttgart", heißt es darin gleich im ersten Satz.

Mit offenen Herzen und mit Professionalität

Sara Sigg, Regionalleitung der Caritas Ulm-Alb-Donau, wies auf das tragfähige Netzwerk hin, das für effektive, umfassende und nachhaltige Unterstützung unabdingbar sei. Dazu zählen das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU), mit dem „TF" eng kooperiert, Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen, die die Kinder und Jugendlichen an die PFL vermitteln. Besonderen Dank richtete Sara Sigg an die Institutionen, die die Arbeit von „TF" mit finanziellen Mitteln ausstatten: Neben dem Zweckerfüllungsfonds der Diözese sind dies das Dekanat Ehingen-Ulm, das als Antragsteller in dem Projekt fungiert und die Kooperation mit den Projektpartnern koordiniert, sowie die Stadt Ulm, die das Projekt „mit einem nicht unerheblichen Teil" unterstützt. Förderung kommt außerdem vom Bundesfamilienministerium, aus EU-Mitteln sowie von Stiftungen und Spendenaktionen. Angesichts aktueller Flüchtlingszahlen, die laut UN-Flüchtlingshilfe nie so hoch gewesen seien wie heute, sei es „mehr denn je notwendig, sich für Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, einzusetzen - mit offenen Armen und offenen Herzen und mit Professionalität", sagte Sigg.

Für die Stadt Ulm warf Andreas Krämer, Leitung Abteilung Soziales, einige Schlaglichter auf aktuelle kommunale Herausforderungen und auf jüngste Entwicklungen in der migrationspolitischen Debatte. Er rief dazu auf, sich in die Stadtgesellschaft einzumischen und für Strukturen einzusetzen, die es geflüchteten Kinden gut ermöglicht anzukommen.