Wallfahrt

Im Angesicht des Kreuzes: pro Mensch

Dr. Nikodemus Schnabel (Mitte), seit 2023 Abt der Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem, war Festprediger beim Heilig-Kreuz-Fest in Wiblingen. Dekan Ulrich Kloos (rechts) und Diakon Thomas Raiber begrüßten ihn in der Basilika. Foto: Klaus Ungerer

Mit einem existenziellen Blick auf das Kreuz hat der Jerusalemer Abt Nikodemus Schnabel in Wiblingen zu Gottvertrauen und Menschlichkeit aufgerufen.

Umgeben von einem „Ozean von Leid" sieht Abt Dr. Nikodemus Schnabel die Menschen im Heiligen Land. Und alle hätten sie ein Kreuz zu tragen - jüdische Israelis in ihrer Sehnsucht nach Sicherheit, Palästinenser mit ihrem Wunsch nach Eigenstaatlichkeit, Christen als die vermutlich vulnerabelste Gruppe in ihrer prekären Situation. Seit dem 7. Oktober 2023, als die Terrororganisation Hamas aus Palästina den Staat Israel überfiel, grausame Massaker an der Zivilbevölkerung verübte, mehr als 240 Menschen aus Israel entführte und damit einen Krieg auslöste, der seit über 700 Tagen anhält und viele tausend Menschenleben gekostet hat, gehe „der Blick immer wieder auf das Kreuz", sagte Schnabel, der der Dormitio-Abtei in Jerusalem und dem Priorat in Tabgha am See Genezareth vorsteht. In seiner Predigt beim Heilig-Kreuz-Fest in Wiblingen, das zahlreiche Gläubige auch aus der weiteren Umgebung in die Basilika St. Martin führte, lenkte er den Fokus auf Gottes Barmherzigkeit, die christliche Hoffnung und auf die Bedeutung von Vergebung und Nächstenliebe im Angesicht des Kreuzes.

Dem Kreuz nicht ausgewichen

„Wir haben einen Gott, der dem Kreuz nicht ausgewichen ist", deshalb gelte es, anderen zu helfen, ihr Kreuz zu tragen, sagte Abt Nikodemus Schnabel. Er und seine Mitbrüder wollten keine „Schönwettermönche" sein und hätten klar gesagt, dass sie bleiben, obwohl sie aufgefordert worden seien, das Land zu verlassen, und obwohl sie immer wieder mal von national-religiösen jüdischen Extremisten angespuckt oder angerempelt würden und auch schon Brandanschläge erleben mussten. Auch mit Blick auf die ihnen anvertrauten Menschen, zu denen schwerbehinderte Kinder sowie viele Alte und Kranke zählen, hätten die Ordensgemeinschaften sich zum Bleiben entschlossen. Er und seine Mitbrüder hätten sich „neu festgemacht in Gott" und hätten durch ihren Entschluss eine enorme Stärkung ihrer Gemeinschaft erfahren.

In seiner Predigt zum Heilig-Kreuz-Fest ging der Abt auch auf die beiden Schächer ein, die zusammen mit Jesus Christus gekreuzigt wurden. So wie einer der beiden Verbrecher, der im Angesicht des nahenden Todes seine Taten bereut und dem Jesus daraufhin das Paradies zugesagt habe, könne jeder Mensch auf dem letzten Weg noch umkehren und den Weg zu Gott finden, sagte Abt Schnabel bei dem vom Chor der Seelsorgeeinheit Ulm-Basilika und der Wiblinger Kantorei unter der Leitung von Marion Kaßberger und Albrecht Schmid musikalisch umrahmten Pontifikalamt.

Christen sind pro Mensch

Wie in verschiedenen Interviews, in denen der Abt für ein differenziertes Verständnis der Situation im Heiligen Land und um Unterstützung auch für die Christen wirbt, berichtete Nikodemus Schnabel am Nachmittag im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters über die Lage und über seine Arbeit in Jerusalem. „Es verlieren Menschen auf allen Seiten", egal, welche Volksgruppe - alle hätten Opfer zu beklagen, sagte Schnabel. Man solle deshalb die Hashtags und die Flaggen weglassen, wenn man - oft einseitig - über den Konflikt spreche oder schreibe, und das Menschsein in den Mittelpunkt stellen. „Wir Christen sind weder pro Israel noch pro Palästina, sondern pro Mensch", sagte Schnabel und mahnte auch mehr Mut an, der Wahrheit auch sprachlich nicht auszuweichen, was zum Beispiel dann geschehe, wenn von Gefallenen gesprochen werde oder dass Terroristen „neutralisiert" wurden. Die Wahrheit sei: „Menschen töten Menschen." 

Anders als in der Medien-Wahrnehmung, wonach die Religion für die Probleme „zuständig" ist, sind nach den Worten Schnabels tiefreligiöse Menschen „die glaubwürdigsten Friedensaktivisten und Botschafter im Heiligen Land".  Es gebe zwar „diese Hooligans der Religion" und diese seien wirklich ein großes Problem; „aber die Menschen, die sich am stärksten für Frieden und Versöhnung einsetzen, sind tiefgläubige, tiefreligiöse Menschen", so erklärte der Abt kürzlich in einem Gespräch mit „Vatican News". Auch wenn der interreligiöse Dialog eine schwierige Zeit durchmache, gebe es auch viel Hoffnungsvolles zu berichten. Dazu gehöre auch, dass die Christen in der Ökumene näher zusammenrücken.

Zeichen der Solidarität mit den Christen setzen

Unter dem Vortragstitel „Zuhause im Niemandsland", wie auch sein vor einigen Jahren veröffentlichtes Buch heißt, erklärte der aus Stuttgart stammende Benediktinerabt, warum das Kloster von seinen 24 lokalen Mitarbeitern keinen entlassen hat, obwohl es keine Arbeit gibt, weil die Pilgergruppen ausbleiben. Um die Mitarbeiter und ihre Familien nicht zu Bettlern zu machen, gehe das Kloster inzwischen an die Rücklagen für die Altersvorsorge der Gemeinschaft, also an die harten Reserven. Außerdem sei er seit dem Krieg „gefühlt hauptberuflich" als Fundraiser unterwegs. Er sei überzeugt, so Schnabel, dass Gott ihn eines Tages nicht fragen werde, „ob ich immer an unsere Altersvorsorge gedacht habe", könnte aber sehr wohl fragen: Wie bist du in den Krisenzeiten mit denen umgegangen, die ich dir anvertraut habe?

Beeindruckt, „dass er das Menschliche und nicht die Ökonomie in den Mittelpunkt stellt und dass er gesagt hat: Wir bleiben bei den Menschen", zeigte sich nach Schnabels Vortrag der in Wiblingen gastgebende Pfarrer und Ulmer Dekan Ulrich Kloos. „Das wäre mir ein wichtiges Credo auch für unsere kirchlichen Prozesse: Wir bleiben bei den Menschen und wir gucken nicht nur aufs Geld." Dazu sei auch Gottvertrauen nötig, ganz so wie Abt Schnabel es habe, der darauf vertraut, dass mehr Menschen den Mut haben, das Heilige Land zu besuchen und bald wieder als Gäste in die Dormitio-Abtei und ins Priorat nach Tabgha kommen. Jetzt sei die Gelegenheit, das Heilige Land ohne Massentourismus geistlich und spirituell zu erleben - und ein Zeichen der Solidarität mit den Christen zu setzen, die sehr stark vom Pilgersektor und Tourismus abhängen. Er bleibe jedenfalls „Pilger der Hoffnung", so der Abt. Hoffnung bedeute, dass das letzte Wort über unser Leben nicht die Mächtigen dieser Welt haben, die Menschenleben wie Wegwerfware behandeln. „Sondern das letzte Wort hat Jesus Christus."