Geschichte

In barocke Klosterpracht eingetaucht

Die Führerin steht umringt von Menschen mitten in der Kirche bei einem Gewand.

Stadt- und Kirchenführerin Petra Frey führte sehr sachkundig durch die Ausstellung - Foto: Herbert Eichhorn

Die Arbeitsgemeinschaft Heimatpflege und die katholische Kirchengemeinde Isny präsentierten Kirchenschätze zum Tag des offenen Denkmals.

In alle Welt verscherbelt und zu Geld gemacht haben viele weltliche Herren die Bibliotheken und Sakralgegenstände, die ihnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation zufielen. Nicht so in Isny im Allgäu. Mit viel ehrenamtlichem Engagement stellten Mitglieder der katholischen Seelsorgeeinheit und der Arbeitsgemeinschaft (AG) Heimatpflege nun am vergangenen Sonntag die barocken Schätze aus, die sonst in der Sakristei der Stadtpfarrkirche St. Georg und Jakobus schlummern. Rudolf Daumann, Sprecher der AG Heimatpflege, nannte sie bei seiner Begrüßung nicht ohne Grund „die schönste Rokokokirche des Westallgäus“. Gut 40 interessierte Besucher waren am Tag des offenen Denkmals kurz vor Mittag in die ehemalige Klosterkirche der Benediktiner gekommen, zur ersten von mehreren Führungen.

Im Mittelgang und im Chorraum der Kirche hatten die Ehrenamtlichen der AG Heimatpflege über speziellen Gestellen edle liturgische Gewänder aufgehängt und auf einer Tafel wertvolles Kirchengerät aufgebaut. Nachdem die Zuhörer auch von Annette Steybe und Kirchengemeinderat Rainer Leuchtle begrüßt worden waren, übernahm Petra Frey von der Heimatpflege die Führung. Schnell wurde klar, dass die auch als Stadt- und Kirchenführerin aktive ehrenamtlich Tätige genau die Richtige ist, einem diese Schätze und ihre Bedeutung näherzubringen. In den letzten Jahren hat sie die Textilien und Goldschmiedearbeiten des Isnyer Kirchenschatzes akribisch inventarisiert und dabei viel Spannendes herausgefunden.

Die neue Herrschaft war ein Glücksfall

Zunächst ordnete sie die ausgestellte Pracht aber historisch ein und gab dazu einen kurzen Crash-Kurs in Geschichte und Kirchengeschichte. Sie erläuterte die besondere Isnyer Situation, wo diese reichen Bestände bis heute erhalten blieben. Anderswo gingen die Dinge oft schon in der Zeit der Säkularisation unwiederbringlich verloren. Angestoßen von Napoleon, wurden damals die Herrschaftsverhältnisse im Reich völlig verschoben und 1803 Hunderte von Klöstern aufgelöst und neuen Besitzern übergeben.

Der wertvolle Besitz der Klöster wurde häufig sofort „versilbert“. Die Isnyer hatten mit ihrer neuen Herrschaft aber Glück. Die Grafen von Quadt-Wickrath, die wie die meisten neuen Besitzer mit Kirchengut für den Verlust ihrer linksrheinischen Ländereien entschädigt wurden, ließen den Kirchenschatz vor Ort und schenkten ihn später der Kirchengemeinde.

Kirchen und Gottesdienste als Gesamtkunstwerk

Dem heutigen Publikum stellt sich natürlich zuallererst die Frage: Warum diese ganze Pracht? Petra Frey erläuterte, dass der Prunk kein Selbstzweck war oder etwa nur die Eitelkeit der Äbte befriedigen sollte. Die kirchliche Prachtentfaltung, mit der natürlich auch die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges endgültig überwunden wurde, war sozusagen offizielle Politik. Die katholische Kirche setzte in der Gegenreformation auch auf sinnliche Überwältigung der Gläubigen.

In den Kirchen und Gottesdiensten wurde ganz bewusst ein „Theatrum Sacrum“ (heiliges Theater) angestrebt. In einem Gesamtkunstwerk sollte dabei alles zusammenwirken: die Architektur, die Ausstattung der Kirchen mit Malerei, Plastik und Stuck, die Musik, die Lichtführung – und natürlich auch die Gewänder und Gerätschaften, die im Gottesdienst verwendet wurden.

Kostbare liturgische Gewänder

Zuerst wandte sich die Referentin den ausgestellten liturgischen Prachtgewändern zu. Die verwendeten, äußerst kostbaren Stoffe wurden in aufwändigster Handarbeit zunächst gewebt, später häufig zusätzlich bestickt. Gerade mit den – in der Regel mit Goldfäden – reliefartig bestickten Gewändern konnten ganz besondere Effekte erzielt werden. Die Stoffe zeigen häufig rankende pflanzliche Ornamente. Aber man entdeckt auch figürliche Darstellungen wie etwa Engel oder - auf der Kapuze eines Chormantels - einen Pelikan, der als Symbol für den Opfertod Christi galt.

Ein Höhepunkt der kleinen Ausstellung war zweifellos die komplette Ausstattung an Gewändern, die Abt Alfons Torelli 1724 in einem süddeutschen Frauenkloster in Auftrag gegeben hatte. Die verschiedenen Teile – Kasel, Stola, Chormantel sowie Mitra des Abtes – sind in rotem Samt gehalten, der kunstvoll bestickt ist. Petra Frey wies auf die Nähe der hier verwendeten Ornamente zum Stuck der im Barock sehr angesagten Wessobrunner Stuckatoren hin, die damals auch in Isny arbeiteten. Ebenso beeindruckten die übrigen Textilen, vor allem die verschiedenen für die Besucher ausgestellten weiten Chormäntel.

Wertvolle Goldschmiedearbeiten

Mit weißen Baumwollhandschuhen durfte man in einem prachtvollen Messbuch aus dem Jahr 1765 blättern. Glanzstücke der Ausstellung waren jedoch die kostbaren Goldschmiedearbeiten. Ein besonderes Objekt stammt vom Bregenzer Goldschmied Christian Lenz. 1737 schuf er für Isny ein mit Edelsteinen und Emailmalereien reich verziertes, kreuzförmiges Reliquiar. Dieses enthält einen Splitter vom Kreuz Jesu. Wie wichtig diese Reliquie für das Selbstverständnis der Isnyer Abtei war, wird klar, wenn man im Chorraum nach oben blickt. Dort ist in der Deckenmalerei die Szene zu sehen, als ein Bote des Papstes dem Isnyer Abt die Reliquie übergibt. Darüber öffnet sich der Himmel, von wo aus die Heilige Helena, die einst das Kreuz wieder aufgefunden hatte, die Begebenheit beobachtet.

Am meisten Eindruck auf die Besucher machte aber sicher die große blattförmige Monstranz, die die Abtei um 1700 bei dem Augsburger Goldschmied Michael Hafner in Auftrag gegeben hatte. In diesem prachtvollen Schaugefäß wurde früher an besonderen Feiertagen und natürlich vor allem an Fronleichnam den Gläubigen die Hostie gezeigt, in der nach der katholischen Lehre der Leib Christi präsent ist. Ein Film von Liane Menz zeigte die Gewänder und Gerätschaften im Einsatz bei verschiedenen Festen im Lauf des Kirchenjahrs.

Ein klimatisierter Raum für die Schätze?

Die Arbeitsgemeinschaft Heimatpflege hat mit ihrer Ausstellung ein Thema gewählt, das ideal zum diesjährigen Motto des „Tags des offenen Denkmals“ passte: „Wertvoll: unbezahlbar oder unersetzlich?“. Petra Frey brachte in der einstündigen Führung die Schätze aus einer Blütezeit des Klosters engagiert und mit großer Sachkenntnis nahe. Um die wertvollen Stücke auch für die Zukunft zu sichern, setzt sich die AG Heimatpflege dafür ein, dass eine der Sakristeien mit einer Klimaanlage ausgestattet wird, die dann ein konstantes geeignetes Raumklima für die Objekte gewährleisten soll.

Weitere Nachrichten

Klöster & Orden
Daniel Werthwein nimmt auf den Stufen vor dem Hauptportal der Klosterkirche Platz.
Die Schöntaler Anlage bietet viel zu entdecken. Daniel Werthwein erschließt nicht nur bei Gästeführungen ihre Vergangenheit für die heutige Zeit.
Weiterlesen
Kunst & Kultur
Schwester Sophia.
Rosalía und Lily Allen inszenieren sich auf ihren neuen Alben als Nonnen. Doch was sagt eine echte Ordensfrau dazu? Schwester Sophia antwortet.
Weiterlesen