Nachruf

Mit gelassener Leidenschaft

Norbert Greinacher

Norbert Greinacher. Bild: picture-alliance / dpa | Erwin Elsner

Der Pastoraltheologe Prof. Norbert Greinacher ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 90 Jahren in Tübingen.

Am Samstag, 5. März 2022, ist Prof. Dr. Norbert Greinacher im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen trauert um einen ihrer Kollegen. Norbert Greinacher war einer der profiliertesten Katholischen Theologen an der Universität Tübingen und zugleich einer der großen deutschsprachigen Pastoraltheologen, der nach dem II. Vatikanum nicht nur das Fach, sondern Kirche und Theologie insgesamt auf eine engagierte Zeitgenossenschaft orientiert hat.

1931 in Freiburg / Brsg. geboren, hatte Norbert Greinacher dort Philosophie und Katholische Theologie studiert und sich 1955 mit der wegweisenden Arbeit „Soziologie der Pfarrei“ promoviert. Ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit in Baden-Baden war er Leiter des Pastoralsoziologischen Instituts des Bistums Essen (1958-1963) und anschließend Assistent bei Ferdinand Klostermann in Wien, wo er sich habilitierte. Nach Lehrtätigkeit in Reutlingen und Münster kam Norbert Greinacher 1969 zunächst als Wissenschaftlicher Rat und dann Professor an die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen. Dort wirkte er von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997 als ordentlicher Professur für Praktische Theologie. In diesen drei Jahrzehnten war er Teil eines überaus profilierten und öffentlich präsenten Kollegiums der Katholischen Theologie und vertrat in diesem Kreis großer Theologen eine praktisch orientierte und dabei gesellschaftskritische Theologie.

In seinem Fach, der Praktischen Theologie, war Norbert Greinacher, wie viele seiner Tübinger Kollegen, stark von den Impulsen des 2. Vatikanischen Konzils geprägt. Theologisch suchte er die »Gemeindewerdung der Kirche« zu begleiten, wozu diese Kirche aus den institutionellen und programmatischen Verkrustungen des Römischen Katholizismus ausbrechen sollte. Er suchte das christliche Evangelium als zentrale Ressource im Einsatz für Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit auszulegen und den Glaubenden zu erschließen. Theologisch pflegte er dazu einen interdisziplinären Ansatz, griff nicht nur sozialwissenschaftliche Arbeiten auf, sondern betrieb selbst empirische Forschung. Damit wurde er auch methodisch zu einem Vorreiter für sein Fach, so wie es heute selbstverständlich betrieben wird.

Norbert Greinacher stand für das theologische, aber auch außertheologische Bemühen darum, das katholische Christentum gesellschaftlich zu öffnen und aus seiner milieuhaften Abschließung zu befreien. So war er aktives Mitglied in der SPD und später auch – mit anderen Kollegen der Tübinger Universität – Aktivist in der Friedensbewegung. 1985 nahm er etwa an einer Blockade des US-Raketenstützpunktes in Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd teil, wofür er einen Strafbefehl wegen Nötigung erhielt.

Große Verdienste hat sich Norbert Greinacher erworben, indem er die kirchlichen Aufbrüche in Lateinamerika und vor allem die »Theologie der Befreiung« in der deutschen Theologie bekannt gemacht und deren theologischen Stärken vermittelt hat. Dafür steht unter anderem auch das von ihm 1980 veröffentlichte Buch „Die Kirche der Armen – Zur Theologie der Befreiung“. Gegen die zunehmend heftigeren Angriffe aus der Kirche und insbesondere aus dem Vatikan verteidigte Norbert Greinacher die  Befreiungstheologie als eine dem christlichen Evangelium angemessene Form von Kirche und Theologie und die »Option für die Armen« als Grundwahrheit des christlichen Glaubens.

Das Anliegen einer Globalisierung von Solidarität und Gerechtigkeit hat er in  vielen innerkirchlichen Interventionen vertreten, in denen er eine notwendige Kritik an restaurativen Tendenzen formulierte und für eine menschenfreundliche Pastoral eintrat. Während der 1990er-Jahre geschah dies zumeist mit einer Gruppe befreundeten Fachkollegen, die als sogenannte „Fünferbande“ bekannt wurde. Für seine Verdienste in Kirche und Gesellschaft erhielt Norbert Greinacher 1991 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

In den Erzählungen aus seiner aktiven Zeit an der Fakultät wird von Norbert Greinacher als einem lebensfreudigen, Gemeinschaft und Abenteuer suchenden Menschen berichtet. Die letzten Jahre verbrachte er von schwerer Krankheit  gezeichnet in seiner Tübinger Wohnung mit Blick über die Schwäbische Alb. Die letzte Sammlung von Aufsätzen aus dem Jahr 2010 trägt den Titel „Von der  Wirklichkeit zur Utopie“. Gegen die enge, ungerechte, kirchlichklerikal erstarrte  Wirklichkeit setzt Norbert Greinacher darin die Utopie einer emanzipatorischen, partizipativen und herrschaftsfreien Kirche. In „gelassener Leidenschaft“, so ein Buchtitel aus dem Jahre 1977, wich Norbert Greinacher den Zumutungen der kirchlichen Gegenwart und den sozialen Kämpfen innerhalb und außerhalb der Kirche nicht aus. Wenn es uns dabei, so Norbert Greinachers Vermächtnis, „zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit geht, dann wird uns alles andere dazugegeben werden (Matthäus 6,33); und dann wird auch die Kirche gerettet werden“. Welche Kirche dies dann sein wird, darüber war sich bereits Norbert Greinacher nicht mehr sicher. In dieser Unsicherheit teilen wir Norbert Greinachers Utopie und sehen uns durch seine „gelassene Leidenschaft“  verpflichtet.

In Erinnerung an Norbert Greinacher (26.4.1931 – 5.3.2022)
für die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen

Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse, Dekan
Prof. Dr. Michael Schüßler, Lehrstuhl für Praktische Theologie

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