Klima

Kampf dem Klimakiller im Kirchenkeller

Die Heizungsoptimierung ist einer der Bausteine im Klimaschutzkonzept der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Energieberater Rolf Bilz (von links), Klimaschutzmanagerin Vera Polcher-Wied vom Bischöflichen Bauamt und der gewählte Kirchengemeinderatsvorsitzende Hannes Schön nehmen in Staig bei Ulm die Heizungssteuerung unter die Lupe. Foto: drs/Jerabek

Bis 2040 will die Diözese klimaneutral sein. Zu den Bausteinen auf diesem Weg gehört die Optimierung der Heizungsanlagen über das Programm „HOPP!".

„Das ist der Klassiker“, sagt Rolf Bilz, kaum dass er das Foyer betreten hat: „Das Ventil funktioniert nicht mehr.“ Der mannshohe Röhrenheizkörper gleich am Eingang zum Gemeindezentrum Mariä Himmelfahrt in Staig ist warm, obwohl der Regler auf das „Frostschutz“-Sternchen eingestellt und die Außentemperaturen mild sind. „Heizungsthermostatköpfe sollte man alle 20 Jahre austauschen“, rät Bilz, der als Energieberater einen halben Tag lang die Gebäude der Kirchengemeinde in Staig südlich von Ulm unter die Lupe nimmt. Im Rahmen des Förderprogramms „HeizungsOPtimierung mit Pumpentausch“ – kurz HOPP! – sucht er nach den Schwachstellen der Heizungsanlage und prüft die Einstellungen in Kirche, Gemeinderäumen, Pfarrhaus und Kindergarten. Ziel ist es, den Heizenergieverbrauch und damit die Treibhausgasemissionen zu senken. Neben dem Klima soll auch die Haushaltskasse der Kirchengemeinde von Bilz‘ Besuch profitieren.

Mit geschultem Blick scannt der Energieberater Wände und Decken der Räume ab, schaut sich Heizkörper und Boiler an. Was ist die Aufgabe der Heizung? Was muss sie bringen? Wie alt ist die Anlage und in welchem Zustand? Mit diesen Leitfragen im Hinterkopf geht Rolf Bilz von Raum zu Raum des 1974 eingeweihten Gemeindezentrums. In der Mariä-Himmelfahrts-Kirche interessiert er sich besonders für die Warmluftschächte, hebt bei einem von ihnen das Metallgitter an und leuchtet mit der Taschenlampe in das Dunkel. „Da gehört ein Vlies rein; das verhindert beim Fegen, dass sich Schmutz und allerlei Getier ansammelt“, sagt er bestimmt. Unter den Waschbecken in der Toilettenanlage bemerkt er die kleinen Durchlauferhitzer, die neueren Datums sind. „Wenn nur stundenweise Warmwasser gebraucht wird, ist das auf jeden Fall die bessere Lösung als ein Warmwasserkessel“, sagt er zufrieden. „Noch besser wäre, wenn einfach nur kaltes Wasser aus der Leitung käme.“

Vom Optimierungspotenzial oft überrascht

Mehr als 2400 Kirchen und Kapellen und fast 1300 Gemeindehäuser gibt es in der Diözese Rottenburg-Stuttgart; hinzu kommen rund 900 Kindergärten sowie Pfarrhäuser und andere Gebäude. „300 Heizungsanlagen sind im vergangenen Jahr von unseren Energieberatern begutachtet und hinsichtlich der Energieeffizienz optimiert worden“, sagt Vera Polcher-Wied, die im Bischöflichen Bauamt für das HOPP-Programm verantwortlich ist. Weitere 300 sind im neuen Jahr an der Reihe. Energieberater Rolf Bilz und vier Kollegen sind dazu immer wochenweise in verschiedenen Dekanaten unterwegs. „In vielen Kirchengemeinden ist man überrascht, was man im Heizungskeller so vorfindet und was es zu optimieren gibt“, weiß die Klimaschutzmanagerin.

Auch in Staig ist der spannendste Moment angebrochen, als Rolf Bilz zusammen mit Hannes Schön, dem gewählten Vorsitzenden des Kirchengemeinderats, zum „Herz“ der Heizungsanlage, dem Heizkessel und der Steuerung, in den Keller hinabsteigt. „Die Steuerung gibt nach und nach den Geist auf, verschiedene Teile sind ausgefallen“, erklärt Bilz nach einer kurzen Inspektion. Da die Steuermöglichkeiten eingeschränkt sind, bestehe die erste Aufgabe darin, die Steuerung zu erneuern. Nach über 25 Jahren Betrieb der Anlage sollte man sich aber auch schon Gedanken über die künftige Beheizung machen, fügt Bilz hinzu. „Ich würde raten, in die Planung zu gehen.“

Sieben Prozent Energieeinsparung ohne großen Aufwand

Das Ziel der Klimaneutralität im Bereich der Heizungsanlagen ist nur durch den Umstieg auf moderne Heizungstechnologien und erneuerbare Energie möglich. Bilz erinnert an die Vorgabe, künftig 65 Prozent der Jahresheizarbeit durch erneuerbare Energien abzudecken. Für eine große Holzpellet-Heizung mit 200 Kilowatt Leistung und einem entsprechenden Pelletslager, die man beim gegenwärtigen Dämm-Zustand des Staiger Gemeindezentrums bräuchte, sieht der Energieberater freilich Platzprobleme. Auch eine reine Wärmepumpen-Lösung scheide aus. „Ich sehe hier nur eine Hybridlösung mit einem neueren Gaskessel für die Spitzenlastabdeckung und einer Luftwärmepumpe als Grundlastwärmeerzeuger“, sagt Bilz. Der Gaskessel würde dann künftig nur noch bei Temperaturen um null Grad oder tiefer anspringen.

Heute geht es aber nicht (nur) um die Zukunft, sondern zunächst um konkrete Verbesserungen an der bestehenden Anlage. „Der Unterschied zwischen Betriebsoptimierung und normaler Energieberatung liegt darin, dass eine normale Beratung nicht ins System eingreift, sondern nur das Gebäude und die Anlage betrachtet und in einem Bericht aufschreibt, was gemacht werden sollte“, erklärt Bilz. „Unsere Betriebsoptimierung geht einen Schritt weiter: Wir schauen uns an, welche Temperaturen, Heizzeiten und Heizkurven eingestellt sind. Ist das sinnvoll, was da eingestellt ist, und wenn nicht, gehen wir direkt ran und passen das in Absprache mit den Nutzern des Gebäudes an.“ So ergeben sich auch ohne größere Investitionen sofort etwa sieben Prozent an Energieeinsparung, weiß Klimaschutzmanagerin Polcher-Wied.

Klassiker, Kleinmaßnahmen, Konzepte

„Es gibt Gemeindehäuser, die nur einmal pro Woche genutzt werden, aber ständig werden 200 Liter Wasser erhitzt“, plaudert Bilz aus dem Nähkästchen. „Das ist Energieverschwendung ohne Ende!“ Ein „Klassiker“ sei auch, dass Heizungsanlagen noch in der Werkseinstellung betrieben werden. „Heizzeiten von 6 bis 22 Uhr haben in der Regel mit der Nutzung eines Kindergartens nichts zu tun“, sagt Bilz. Einmal habe er in einem Kindergarten eine ständige Temperatureinstellung von 36 Grad vorgefunden. „Das bedeutet: die Heizung schaltet nie ab“, klagt der Experte. „Mein Job ist es, das so anzupassen, dass nur dann geheizt wird, wenn jemand da ist.“ Als Richtwerte gelten 20 Grad Nutzungs- und 16 Grad Absenktemperatur, natürlich immer unter Berücksichtigung der konkreten Gegebenheiten.

Mit den Einstellungen der Staiger Anlage ist Bilz ausgesprochen zufrieden – „sonst bin ich ja oft am Schimpfen“, sagt er augenzwinkernd. Als „Kleinmaßnahme“ empfiehlt er, zwei der Heizungspumpen gegen geregelte, energiesparende Pumpen auszutauschen. „Die modernen Pumpen brauchen nur noch einen Bruchteil des Stroms von diesen hier.“ Die Kosten für diesen Austausch werden – wie auch die Erstbegehung mit der Heizungsoptimierung – komplett über „HOPP!“ von der Diözese übernommen. Auch die Berechnung des Hydraulischen Abgleichs und die Umsetzung durch einen Handwerksbetrieb – damit jeder Heizkörper so viel Wärme erhält, wie er benötigt, um die gewünschte Raumtemperatur zu erreichen –, neue Thermostatventile und die Erarbeitung eines Heizungskonzepts gehören in das Programm, das aus dem Nachhaltigkeitsfonds der Diözese und öffentlichen Fördermitteln gespeist wird. „Die Kirchengemeinden werden bei der Umsetzung der Maßnahmen begleitet und unterstützt“, betont Klimaschutzmanagerin Polcher-Wied.

Zum Ende der Begehung sticht Rolf Bilz im Pfarrhaus noch ein kleiner alter Konvektor-Heizkörper ins Auge. „Der muss raus“, sagt er unmissverständlich. „Der hat eine unheimlich hohe Vorlauftemperatur“. Wieder so ein „Klassiker“ im Alltag des Heizungsoptimierers.

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