Interview

Keine Berührungsängste gegenüber Religion

Der Autor steht im Freien vor einem Gebüsch. Im Hintergrund fotografiert eine Person.

Stefan Blank, Reisejournalist und Autor des Magazins „Mein Schussental“ der Technischen Werke (TWS) - Foto: Ulrike Niederer

Stefan Blank schreibt für das Magazin der Technischen Werke Schussental und greift auch kirchliche Themen auf.

Sie gibt es vermutlich in jeder Region, diese Broschüren der örtlichen Energieversorger, die regelmäßig in die Briefkästen flattern. Bei den Technischen Werken Schussental (TWS) in und um Ravensburg und Weingarten geht es darin nicht nur um Stromgewinnung und Trinkwasseraufbereitung. „Mein Schussental“ stellt mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten vor. Das Magazin beleuchtet an konkreten Beispielen die Besonderheiten der oberschwäbischen Heimat. Inwieweit in diesem Zusammenhang Kirche und Religion (noch) eine Rolle spielen, erzählt „Mein Schussental“-Autor Stefan Blank im Interview.

Herr Blank, Ihre Aufmachergeschichte im Magazin eines Energieversorgers hat mich erstaunt. Sie haben Wegpatinnen des oberschwäbischen Jakobswegs begleitet und darüber geschrieben. Kamen Sie selbst auf die Idee oder war das ein Auftrag?

Wenn es Sie erstaunt hat, dann haben wir alles richtig gemacht. Denn in „Mein Schussental“ geht es uns vor allem darum, Geschichten aus der Region zu erzählen, die nicht auf den ersten Blick auf der Hand liegen. Also überlegen mein Redaktionskollege Don Ailinger und ich vor jeder Ausgabe, was als Thema wirklich neu sein könnte oder so noch nie gesehen. Diesmal poppte der Jakobsweg auf. Eine schnelle Recherche zeigte, dass es einen „Oberschwäbischen Jakobsweg“ gibt. Und eine Pilgerherberge in Oberdischingen. Und Wegpatinnen, die sicher gut sind für die eine oder andere Anekdote.

Sie sind kein Kirchenmitglied und haben sich in Ihrer Diplomarbeit mit tibetischem Buddhismus beschäftigt. Kennen Sie den Jakobsweg dennoch aus eigener Erfahrung?

Ich bin selbst in jungen Jahren alleine auf dem Jakobsweg vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port über die Pyrenäen ins baskische Pamplona gepilgert. Damit war die Geschichte da. Die Verantwortlichen von der TWS fanden das Konzept gut, also Notizbuch eingepackt, Rucksack geschultert, Stiefel geschnürt und ab dafür.

Im TWS-Magazin haben Sie bereits Stephan Debeur, Kirchenmusiker an der Weingartner Basilika, und Schwester Immaculata vom Kloster Kellenried porträtiert. Welche religiösen Themen interessieren Sie und was reizt Sie an ihnen?

Nun, Oberschwaben gilt nicht ohne Grund als das „Himmelreich des Barock“. Man könnte also ketzerisch sagen, dass man um die katholische Kirche hier unten nicht herumkommt. Und die Klöster und Kirchen sind nun mal für die Ewigkeit gebaut, hier wurde über die Jahrhunderte gedichtet, musiziert und große Kunst geschaffen. Während in Württemberg die eher freudlosen Pietisten, die „Wüschtgläubigen“, Tand, Luxus und Vergnügungssucht verteufelten, entstand in Oberschwaben ein katholisch üppiges, buntes und vor Lebensfreude strotzendes Barock. Klar, dass es da bis heute ungemein viele Geschichten zu erzählen gibt.

Wie gehen Sie an diese Religionsthemen dann ran?

Ich habe mich in thailändischen Klöstern von Moskitos auffressen lassen, habe in einem tibetischen Kloster in Nordindien gefroren, bis die Zähne klapperten und mit den Nonnen im Kloster Kellenried habe ich im Morgengrauen ein Gebet gesprochen. Da kenne ich keine Berührungsängste, egal welcher Religion mein Gegenüber angehört. Mit dem nötigen Respekt ergibt sich immer ein Gespräch.

Apropos thailändische Klöster und „Himmelreich des Barock“. Als Reiseführerautor und Fotograf kommen Sie viel in der Welt herum. Erleben Sie selbst Oberschwaben auch als Paradies, wie es die hiesige Volksseele oft tut?

Unbedingt. Während der Coronapandemie war’s nichts mit Fernreisen. Also haben meine Lebensgefährtin und ich Reiseführer über das Allgäu und den Bodensee geschrieben und fotografiert. Und jedes Mal aufs Neue merkst du dann, wie schön es hier ist. Kein Wunder, dass es hier ein ungemein starkes regionales, ein oberschwäbisches Bewusstsein und eine eigene Identität gibt. Da bin ich als geborener Münchner schon froh, dass ich hier leben darf.

Sie sind inzwischen seit 45 Jahren hier zu Hause. Gehört für Sie die katholische Prägung der Gegend auch verbindlich zu Oberschwaben und empfinden Sie diese heute noch als zeitgemäß?

Allein im Landkreis Ravensburg gibt es 360 Kapellen, viele davon werden von Privatleuten gehegt und gepflegt. Das ist doch etwas. Dazu kommen Wallfahrten, der Blutritt in Weingarten, Fasnacht, Gottesdienste, Prozessionen und reichlich barockes Brauchtum. Ein meditativer Besuch auf dem heimischen Friedhof zeigt jedes Mal, wie eng und inniglich die Menschen hier an ihren Glauben gebunden sind. Das ist gut und gehört zu Oberschwaben. Zu glauben ist wohl zeitlos und damit zeitgemäß. Ob sich jemand allerdings in der Institution Kirche gut aufgehoben fühlt, das muss sie oder er selbst entscheiden.

Darf sich die Leserschaft von "Mein Schussental" also auf weitere religiös-kirchliche Beiträge von Ihnen freuen? Haben Sie da schon bestimmte Themen im Kopf?

Aber natürlich, und auf diese Themen freue ich mich immer besonders. Ein Tipp: In der nächsten Ausgabe von „Mein Schussental“, die vor Weihnachten erscheint, begehen und beschreiben wir unter dem Motto „Wasser ist Leben“ ein ungemein lebendiges Kulturdenkmal oberhalb von Weingarten – ein einzigartiges Kanalsystem, urkundlich erstmals 1143 erwähnt und – wer hätte es gedacht – geschaffen von hiesigen Mönchen. Und schon sind wir wieder mitten drin im religiös-kirchlichen Bezugsrahmen.

Hinweis

Die Ausgaben des TWS-Magazins „Mein Schussental“ sind hier online verfügbar.

Zur Person

Stefan Blank, geboren 1966, ist Reisejournalist, PR-Berater und seit 1994 PADI-Divemaster, also Profi-Tauchführer. Während und nach seinem Studium der Entwicklungspolitik führten ihn seine Wege als Reisender nach Australien, Südostasien und Indien. Er studierte später Journalismus und bereist heute die Länder des Südens  - beobachtend, schreibend und fotografierend. 2008 konnte Blank den Künstlerförderpreis der Stadt Friedrichshafen im Bereich Literatur entgegennehmen. 2013 erhielt er als Koautor für „Bali, Lombok und die Gilis“ bei Reise Know-How den „ITB Award“. Mehr als 25 Reiseführer für diverse Verlage später berichtet er heute mit seiner Partnerin und Reiseführerautorin Ulrike Niederer aus Süddeutschland, von den Inseln des Indischen Ozeans und aus Südostasien. Und seit der Erstausgabe im Sommer 2020 schreibt Stefan Blank für das TWS-Magazin „Mein Schussental“.

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