Kirche der Zukunft

Kirche als „Dritter Ort“

Das Bild zeigt mehrere Menschen vor der Kirche St. Sebastian in Aichstetten (Pfronstetten).

Eröffnungsfest in der Kirche St. Sebastian in Aichstetten (Gemeinde Tigerfeld-Aichstetten). Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Lea-Theresa Berg

Die Kirche St. Sebastian in Aichstetten (Pfronstetten) feiert den Auftakt zur Testphase im Modellprojekt „Kirchliche Räume zu Dritten Orten weiten“.

Etwa hundert Menschen aus der Gemeinde Tigerfeld-Aichstetten und der Nachbarschaft kamen am ersten Sonntag im August in der Kirche St. Sebastian in Aichstetten (Pfronstetten) zusammen, um den Beginn der achtwöchigen Testphase im Modellprojekt „Kirchliche Räume zu Dritten Orten weiten“ mit einem Gottesdienst, Mittagessen und Begegnung zu feiern. Ziel des Projekts ist es, kirchliche Räume zu lebendigen Begegnungsorten für die Gemeinde und eine breitere Öffentlichkeit weiterzuentwickeln – zu einem dritten Ort neben dem eigenen Zuhause (erster Ort) und der Arbeitsstelle (zweiter Ort), der für verschiedene Formen der Begegnung auch im außerkirchlichen Kontext offen ist.

Veränderung ist notwendig

„Wenn wir wollen, dass vieles so bleibt, wie es ist, dann muss sich einiges ändern. Sonst ist am Ende nichts mehr so, wie es war“, sagte die Gemeindereferentin Patricia Engling beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst. Das Modellprojekt reagiert auf eine Situation, die viele ländliche Gemeinden betrifft. Lokale Vereine und Gruppierungen haben Schwierigkeiten, geeignete Räumlichkeiten zu finden, während Kirchen über nicht ausgelastete Räume verfügen. Hinzu kommt, dass den Kirchen oft die finanziellen Mittel für notwendige Renovierungen fehlen – wie auch der Kirche St. Sebastian in Aichstetten. Da kam die Möglichkeit, Modellgemeinde im Projekt zu werden, genau richtig. „Wir wollen die Kirche ja nicht dadurch verlieren, dass man sie schließt“, sprach ein Gemeindemitglied beim Fest aus, was viele denken. 

Modellprojekt im ländlichen Raum

Das Projekt „Kirchliche Räume zu Dritten Orten weiten“ geht auf die Idee einer interdisziplinären und ökumenischen Arbeitsgruppe zurück, in der Vertreter:innen der beiden Diözesen und evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg, der Diakonie Baden, dem Gemeindetag Baden-Württemberg, der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg, der evangelischen Hochschule Freiburg, des schwäbischen Chorverbandes und des Landesmusikverbandes Baden-Württemberg zusammenkamen. Mit dem Projekt, das vom Kabinettsausschuss Ländlicher Raum des Landes Baden-Württemberg gefördert wird, soll der akute Raumbedarf für (ehrenamtliches) Engagement im ländlichen Raum gedeckt und gleichzeitig der Mehrwert von Kirchenräumen für das gesellschaftliche Leben aufgezeigt werden. 
Unterstützung für das Projekt kommt neben den beiden Diözesen und Landeskirchen auch vom Verein SPES e. V., der Kommunen, Kirchen und Organisationen bei sozialraumorientierten Entwicklungsprozessen begleitet. Für die Durchführung ist das Referat Kirche im ländlichen Raum der Erzdiözese Freiburg zuständig. Neben der Kirche St. Sebastian gibt es noch drei weitere Modellgemeinden, die allerdings mit ihren Gemeindehäusern teilnehmen. Um aus den Erfahrungen der vier Modellgemeinden Erfolgsfaktoren und Handlungsempfehlungen für weitere Kommunen abzuleiten, begleiten die Intersectoral School of Governance und die evangelische Hochschule Baden das Projekt wissenschaftlich. So sollen langfristig auch andere Gemeinden von den Erkenntnissen profitieren und eigene „Dritte Orte“ schaffen. 

Provisorische Umbaumaßnahmen

Um die Kirche St. Sebastian während der Testphase auf verschiedene Weise bespielen zu können, wurden im Vorfeld kleinere (Um-)Baumaßnahmen in und vor der Kirche vorgenommen. So wurden etwa die hinteren Kirchenbänke provisorisch ausgebaut und zwischengelagert, damit der Kirchraum flexibler gestaltet und genutzt werden kann. Den Platz vor der Kirche schmücken selbst gebaute Paletten-Möbel, die auch für Spaziergänger:innen oder andere Besucher:innen offen zugänglich sind. Die Architekten Gerald Klahr und Aaron Werbick (Architekturstudio Prinzmetal, Köln und Berlin), die auf partizipative Prozesse und kirchliche Veränderungsprojekte spezialisiert sind, begleiten und unterstützen die Gemeinde bei ihrem Prozess. 

„Die Gemeinde hat schon jetzt einen tollen Prozess durchgemacht, in dem es ein Ringen darum gab, was man in der Kirche verändern darf – mit Gemeindeversammlungen und einer entsprechend intensiven Debatte dazu. Durch die konkreten Erfahrungen des Ausprobierens kann sich nun ein Meinungsbild formen, das durch Erfahrungen begründet ist.“ 
Gerald Klahr, Architekt 

Ein Ort des Miteinanders für alle Generationen 

Das neue Raumgefühl wurde beim Eröffnungsfest sofort erlebbar und von den Anwesenden positiv aufgenommen: Der Chor „Lichtblick“, der den Gottesdienst mitgestaltete, saß mitten unter den Gottesdienstbesucher:innen – ein besonderes Erlebnis, das nur durch die flexible Raumgestaltung möglich wurde. Nach dem Gottesdienst wurde gemeinsam gegessen. Und weil es für einen August-Sonntag recht kühl war, wurden kurzerhand auch in der Kirche Tische und Stühle aufgestellt. Innen wie außen kamen nun Menschen unterschiedlichen Alters zusammen. In Gesprächen entwickelten sie Ideen, während die Kinder spielten. 

Bisher sei die Kirche St. Sebastian ein kirchlich geprägter Ort der Begegnung gewesen, so der Vorsitzende des Kirchengemeinderats Egon Herter. Nun soll der Raum geweitet werden „für andere Formen der Begegnung, für ein anderes Miteinander für alle Bevölkerungsgruppen, für alle Generationen“. Beim Eröffnungsfest hat das schon gut funktioniert.

Wo sind die Grenzen?

Für die nächsten Wochen sind bereits verschiedene Veranstaltungen geplant, weitere Formate werden entwickelt: Vorträge, Tagungen, Sitzungen und Proben, aber auch Kaffee-Nachmittage, Spiele-Abende oder Filmvorführungen mit anschließendem Austausch sollen ermöglicht werden. Doch wo sind die Grenzen der Öffnung? Auch wenn die positiven Stimmen überwiegen, gibt es auch zögerliche: Die Kirche solle nun ja nicht zum „Marktplatz“ oder einer „Partylocation“ werden. 

Der Kirchengemeinderat ist sich einig, dass gerade für das Ausloten der Grenzen die Testphase wichtig ist: „Wir müssen auf jeden Fall die Meinung der Bevölkerung hören“, vielleicht aber „auch mal einen Schritt zu weit gehen, um unsere Grenzen kennenzulernen“. Alle Gemeindemitglieder sollen die Möglichkeit haben, in sich hineinzufühlen, bei welcher Öffnung er oder sie mitgehen können oder auch nicht. „Selbst wenn sie am Ende sagen, ‚das ist nichts für uns‘, dann haben wir es wenigstens probiert.“ 

Unterstützung kommt auch aus Rottenburg 

Zum Eröffnungsfest kamen auch Diözesanbaumeister Dr. Thomas Schwieren, Leiter der Hauptabteilung VIII b – Kirchliches Bauen und Leiter des diözesanen Entwicklungsprojekts „Räume für eine Kirche der Zukunft“ sowie die Gebietsarchitektin im Bischöflichen Bauamt, Susanne Vollmer.

„Wir freuen uns, dass sich die Gemeinde so spontan auf den Weg gemacht hat. Uns ist es ein großes Anliegen, heute bei der Eröffnungsfeier dabei zu sein und unsere Wertschätzung für diese beeindruckende Gemeinschaftsleistung zum Ausdruck zu bringen."
Susanne Vollmer, Gebietsarchitektin Diözese Rottenburg-Stuttgart  

Der frühere Pfarrer von Oberstetten und heutige Weihbischof Thomas Maria Renz hat die Schirmherrschaft für das Projekt in Aichstetten übernommen und wird voraussichtlich an einer Veranstaltung im September teilnehmen.

Mut für Neues

Als Nachrücker im Projekt hatte die Gemeinde weniger Vorlauf als die anderen Modellgemeinden. Im Kirchengemeinderat sei daher auch diskutiert worden, ob man bei dem Projekt mitmachen soll, sagte der Vorsitzende Egon Herter am Ende des Gottesdienstes. Letztlich habe man aber den Mut gefasst, denn dies sei die einmalige Möglichkeit, umzugestalten und zu schauen, was alles möglich wäre.

„Wir dürfen in diesen acht Wochen erfahren, spüren, bewerten, miteinander diskutieren, anpassen, gestalten, ausprobieren – und alles ist veränderbar, umkehrbar, rückbaubar.“ 
Egon Herter, Vorsitzender der Kirchengemeinde Tigerfeld-Aichstetten

Auch Gemeindereferentin Patricia Engling meint: „Wir können nur gewinnen“. In der Testphase sollen die Wünsche und tatsächlichen Bedarfe ermittelt und mit den verschiedenen geplanten Veranstaltungen getestet werden, ob die Überlegungen eine Zukunft haben. 

Der Auftakt der Testphase war ein voller Erfolg. Es bleibt die spannende Frage, wie die Kirche St. Sebastian in den nächsten Wochen als Dritter Ort genutzt wird und wie die Bevölkerung die Öffnung annimmt. Klar ist: Die Kirchengemeinde ist motiviert, mutig und bereit, neue Wege zu gehen.

Weitere Veranstaltungen in der Kirche St. Sebastian im Rahmen der Testphase

Sonntag, 17. August, 10 Uhr: Sonntagsgottesdienst mit Prof. Dr. Bernd Hillebrand. Im Anschluss Frühschoppen und Begegnung
Dienstag, 16. September, 19 Uhr: Vortrag mit Pfr. Sigmund F.J. Schänzle. Kirchliche Räume und ihre Bedeutung – Kirchenräume / Kirchenträume …
Mittwoch, 24. September, 14:30 Uhr: Jugendseelsorgekonferenz der Dekanate Reutlingen-Zwiefalten / Rottenburg 

Weitere Veranstaltungen können sich noch ergeben und sind auf der Homepage www.se-zwiefalter-alb.drs.de zu finden.