Diözesanrat

Kirche für die Menschen und das Gemeinwohl

Die Mitglieder des Katholiken- und Kirchensteuerrates im Austausch während der Junisitzung im Kloster Schöntal. Foto: Ines Szuck

Am Wochenende traf sich das oberste gewählte Laiengremium der Diözese in Schöntal. Es ging mitunter um Junge Erwachsene und die Kirchensteuerkampagne.

Am 14.und 15. Juni traf sich das oberste gewählte Laiengremium der Diözese Rottenburg-Stuttgart in seiner Funktion als Katholikenrat und Kirchensteuervertretung zu seiner zweiten Sitzung während der Sedisvakanz in Kloster Schöntal. 

Schwerpunktthemen waren neben der Projektstelle Junge Erwachsene und der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, ein Impulsvortrag zur Plausibilität der Kirchensteuer sowie die Vorstellung der Kirchensteuerkampagne der Diözese. 

Glaubenskommunikation mit jungen Erwachsenen

Was bewegt junge Erwachsene? An welchen Stellen können pastorale Mitarbeitende der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Interessen der jungen Menschen aufgreifen und ansprechende Angebote für diese Zielgruppe schaffen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Projektstelle Junge Erwachsene. Es gilt zu erforschen, wie junge Erwachsene zwischen 18 und 35 gegenwärtig ihr Leben gestalten. Mit dem Ziel den Kontakt zu den jungen Erwachsenen herzustellen und deren Lebenswirklichkeit zu verstehen. Im Fokus stehen dabei junge Menschen mit wenig bis keinen Bezug zur (katholischen) Kirche, die sich dennoch mit Fragen zur sinnstiftenden Lebensgestaltung auseinandersetzen. Parallel dazu wurden Projekte von, für und mit jungen Erwachsenen begleitet. Dabei galt es, neue Zugangswege zur Zielgruppe an neuen Orten auszuprobieren und dementsprechende Initiativen (Leuchtturmprojekte in Kooperation mit nicht-kirchlichen Akteur:innen) zu fördern. 

Die Projektverantwortlichen Susanne Grimbacher und Peter Lendrates informierten die Rätinnen und Räte über den aktuellen Stand der Projektarbeit, stellten die zentralen Ergebnisse der Projektauswertung vor und zeigten Perspektiven über den Projektzeitraum hinaus auf. Grimbacher und Lendrates machten deutlich, es braucht Orte, die Raum für junge Erwachsene und ihren Glauben schaffen und von der Logik her so funktionieren wie die Erprobungsräume im Projekt. Außerdem sind Personen wichtig, die an diesen Orten präsent sind und Programm möglich machen. Ein solcher Ort war und ist beispielsweise die Festivalseelsorge. Tabea Maillet Jugendseelsorgerin in Stuttgart berichtete kurz über ihre Erfahrungen beim Kesselfestival in Stuttgart. Hier gab es beispielsweise einen „chill out room“, in dem junge Menschen zur Ruhe kommen konnten und Zuflucht und Zuspruch fanden, wenn sie in Not gekommen waren.

Für die Zukunft vorgesehen, ist eine diözesane Vernetzung aller Stellen und Initiativen im Bereich Junge Erwachsene, um Kooperationen zu ermöglichen z.B. mit der Hochschulseelsorge, der Berufsschulpastoral, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), der Stabsstelle Mediale Kommunikation und vielen mehr.

Hintergrund

2019 hat der Diözesanrat den Bereich „junge Erwachsene“ als ein Schwerpunktthema der Diözese gesetzt. Anlass dafür war u.a. die Studie zu den Austrittszahlen, durch die sichtbar wurde, dass vor allem Personen zwischen 18 und 35 Jahren aus der Kirche austreten. Dazu wurde 2020 eine Projektstelle eingerichtet, die auf fünf Jahre begrenzt ist.

Konsequenzen aus der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU)

Die Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU), an der sich erstmals die katholische Kirche beteiligt hatte, machen nachdenklich. Ein Grund, sich intensiv mit den Themen Religiosität, Gottesbeziehung, Liturgie und Kirche als Sozial- und Engagementagentur auseinanderzusetzen. Zunächst präsentierten Weihbischof Matthäus Karrer, Leiter der Hauptabteilung Pastorale Konzeption, und Dr. Christiane Bundschuh-Schramm, Referentin für Kirchenentwicklung in eben jener Hauptabteilung, die Untersuchungsergebnisse der vier Themenfelder. In ihren Ausführungen wurde deutlich, dass sich die Kirche im säkularen Zeitalter nicht nur von einer Pastoralmacht, die den Menschen Glaube, Lebensweise oder Sozialform vorschreiben möchte, verabschieden müsse, sondern auch von der Auffassung, dass jeder Mensch nur mit Religion glücklich und gut werden könne. Auch beim Thema der Gottesfrage erreicht nicht das dezidiert christliche, sondern das offenere, nicht personale Gottesbild die höchste Zustimmung, auch in der Gruppe der Kirchenmitglieder. Nicht neu ist die Tatsache, dass Gottesdienste überwiegend anlassbezogen besucht werden – an hohen Feiertagen oder familiären Anlässen, wie Weihnachten und Ostern, Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Sichtbar wurde zudem, dass das ehrenamtliche Engagement, auch außerhalb der Kirche, zu ganz erheblichen Teilen durch kirchliche Religiosität bestimmt wird. Hauptmotiv für kirchliches Engagement ist dabei, Gemeinschaft zu erleben und für andere da zu sein und dass das soziale Miteinander wichtiger ist als religiöse Fragen.

Für die Kirchenentwicklung ergeben sich daraus Fragen, wie z.B. die individuelle Gottsuche durch theologische Impulse unterstützt werden kann. Wie und wo Räume geschaffen werden können, in denen angstfrei und offen über unterschiedliche Gottesbilder gesprochen werden kann. Welche Liturgie in Zukunft gebraucht wird. Wie Kirche agieren muss, um für die Menschen und das Gemeinwohl da zu sein. 

In Kleingruppen tauschten sich die Rätinnen und Räte intensiv über diese Fragen aus. Die zentralen Erkenntnisse wurden im Plenum vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass „das Diakonische eine Brücke sein kann, damit die Gruppen nicht in ihrer eigenen Blase bleiben, sondern offen werden füreinander“, so Weihbischof Karrer. Dem Gespräch, der Gotteskommunikation müsse mehr Raum geben werden und „wir müssen uns offen machen für die Haltungen anderer und gleichzeitig für Gott eintreten und das klar und deutlich“, betonte Dr. Johannes Warmbrunn, Sprecher des Katholiken- und Kirchensteuerrates. In der Liturgie bewege besonders das Atmosphärische und die Musik und werde relevanter und in der Ehrenamtsentwicklung müsse der Blick noch mehr in die Gesellschaft gehen.

Die Erkenntnisse aus den Kleingruppen fließen in die Arbeit der diözesanen und überdiözesanen Gremien und in den von der Beratungsgruppe Pastoral und der Hauptabteilung Pastorale Konzeption angestoßenen Zielbildprozess ein. 

Plausibilität der Kirchensteuer – Bezahlte Nächstenliebe

Um die Kirche und ihre Finanzen ging es am Samstagvormittag – ein viel und kontrovers diskutiertes Thema. Denn Zahlungen an die Kirchen finden geringere Akzeptanz und werden immer wieder in Frage gestellt. Kritiker monieren, dass der Staat die Kirchen privilegiert, indem er soziale Dienstleistungen refinanziert, die Caritas und Diakonie erbringen. In ihrem Impulsvortrag ging Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre in Freiburg, auf diese Kritik ein. Ausgehend von dem Zitat „Kirche für die Armen“ von Papst Franziskus stellte Nothelle-Wildfeuer einer kirchlichen Option für die Armen vor, die Kirchensteuer nicht ausschließt, sondern deren Verwendung qualifiziert. Wenn der Staat beispielsweise Leistungen der Caritas mitfinanziert, dient er nicht der Kirchenfinanzierung, sondern finanziert soziale und karitative Leistungen mit, zu denen der Staat verpflichtet sei.  Dies entspricht dem Subsidiaritätsprinzip: –Freie Träger – auch die Kirchen - erbringen Leistungen im Bereich von Bildung, Erziehung und Betreuung oder der sozialen Unterstützungen und Hilfen. Das bedeutet, so Nothelle-Wildfeuer, nicht der Staat unterstütze die Kirchen, vielmehr unterstützen die Kirchen den Staat bei der Erfüllung seiner Pflichten.

Sie betonte „eine Kirche, die ihre Gemeinwohlverpflichtungen auch und gerade in einer individualisierten und pluralistischen Gesellschaft ernst nimmt, die Hilfe und Unterstützung für alle Menschen anbietet und die damit dem Sozialstaatsgebot zur Realisierung verhilft, erzählt keine Caritaslegende, wenn sie transparent darstellt, wie sie ihre Projekte, Einrichtungen und Dienstleistungen finanziert“. Sie präsentiere damit vielmehr das menschenfreundliche Gesicht der Kirche in unserer Gesellschaft – einer Kirche, die zwar an vielen Stellen mit der modernen, komplexen und hochdifferenzierten Gesellschaft fremdle, gerade in dieser Gesellschaft aber wirkungsvoll tätig ist, die auf verlässliche Partner in der Realisierung des Gemeinwohls angewiesen sei. „Genau das ist es, was gegenwärtig der Kirche insgesamt zumindest zu mehr Glaubwürdigkeit verhilft.“ 

Es folgte ein intensiver Austausch im Gremium. Diözesanadministrator Dr. Clemens Stroppel dankte Professorin Nothelle-Wildfeuer in seinem abschließenden Fazit ganz besonders für die Erläuterungen des Subsidiaritätsprinzips. Dieses sei vielen Mitbürger:innen oft gar nicht mehr bewusst. „Die Kommunen sind froh, dass die Kirchen ihnen helfen, die ihnen aufgeladenen Grundversorgungsaufgaben wahrzunehmen, wenn sie auf kirchlich-professionelles und kirchlich-ehrenamtlichen Tun zurückgreifen“, erklärte Stroppel und betonte, „wir müssen besser kommunizieren, wo Kirchensteuermittel zum Nutzen vieler über die Kirche hinaus beteiligt, sind“. Mit der neuen Kampagne zur Nutzung und Verwendung der Kirchensteuer möchte die Diözese Rottenburg-Stuttgart genau dies tun. Dazu stellte Mediendirektor Tobias Döpker die neue Kampagne vor, die anhand mehrerer Beispiele zeigen möchte, wo und wie die Kirchensteuermittel konkret in der Diözese Rottenburg-Stuttgart verwendet werden. Die Kampagne steht unter dem Motto „Sie helfen uns helfen.“

Weitere Themen

Am Samstagnachmittag standen außerdem die Stiftung Katholische Freie Schulen der Diözese, die Arbeit des Katholischen Büros und Informationen zum Stand der bevorstehenden Kirchengemeinde- und Pastoralratswahlen 2025 auf der Tagesordnung der Sitzung des Gremiums.

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