Kirche der Zukunft

Kirche orientiert sich an ihren Gästen

Porträtfoto

Pastoralreferent Benjamin Sigg knüpfte mit seiner Profilstelle im Dekanat Allgäu-Oberschwaben das „Netzwerk allgäusegen“ - Foto: DRS/Waggershauser

Touristen und Einheimische hat Benjamin Sigg mit „Allgäusegen“ im Blick. Und er arbeitet eng mit Kommunen und anderen Konfessionen zusammen.

Neues ausprobieren und Menschen zusammenbringen, das ist ganz sein Ding. Benjamin Sigg hätte noch gut zehn Jahre als Pastoralreferent in der Seelsorgeeinheit Leutkirch bleiben können. Doch die erstmals ausgeschriebene Stelle mit dem sperrigen Titel „Netzwerk Spiritualität-Pilgern-Tourismus“ im Dekanat Allgäu-Oberschwaben hat ihn gereizt. Das war 2023. Heute heißt sie einfach „Netzwerk allgäusegen“. Der Name müsse bei den Kunden andocken, betont der Theologe. „Eine gute Bildmarke transportiert auch schon etwas vom Inhalt“, ergänzt er. Was sprachlich nach Touristikfachmann klingt, hat sich Benjamin Sigg gut überlegt. „Leute sind heute seltener als Mitglieder in Kirchen unterwegs, sondern als Gäste“, erkannte er. Von einladend gestalteten Kirchenorten ließen sie sich ansprechen.

Benjamin Siggs erstes Projekt in einem großen ökumenischen Team war die Vorbereitung der Landesgartenschau 2024 in Wangen. Das Kirchenmotto „Sei unser Gast“ stand bei seinem Einstieg schon fest. Zusammen mit kommunalen und anderen gesellschaftlichen Partnern für eine ganze Region zu denken, das machte ihm nicht nur Spaß. „Das Netzwerken hatte auch einen hohen Wirkungsgrad“, weiß der 40-Jährige. Dieses Netzwerk auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen hat er inzwischen ausgebaut und die Formate weiterentwickelt. Kleine Reihen mit klarem Erkennungszeichen wie die Lesungen an den „Wertvoll“-Abenden zusammen mit der Stadtbücherei locken Menschen aus dem Umland an. Andere bewährte Angebote wie die Freiluft-Gottesdienste wandern nun an verschiedene Orte in der Region.

Tradition und Neues verbinden

Wie Benjamin Sigg sich von Initiativen in anderen Regionen inspirieren lässt, so kommen auch immer wieder Neugierige zu ihm ins Allgäu. Neulich besuchte ihn der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler mit einem Team. Häufig werde er dabei nach dem Erfolgsrezept gerade für die ländliche Gegend gefragt. „Der Schlüssel ist, ein ausgewogenes Verhältnis von Tradition und Innovation herzustellen und in Beziehung zu gehen“, ist der Theologe überzeugt. So nutze er für die „Abendklänge“ beispielsweise die La Salette-Kapelle in Engerazhofen und das Engagement der Musiker:innen und Gemeindemitglieder vor Ort. Letztere profitieren von der regionalen Vermarktung über „allgäusegen“, die für ein buntes Publikum sorgt.

Zu den Gästen solcher Veranstaltungen gehören auch Menschen, die im Center Parcs Urlaub machen. Durch die Freizeiteinrichtung stieg die Übernachtungszahl in Leutkirch von 40.000 auf 1,4 Millionen im Jahr. Die Touristen besuchen auch gerne die Galluskapelle, die Autobahnkirche auf dem Winterberg, wie das Anliegenbuch verrät. Dort ist von Wünschen für eine gute Reise bis zur Sorge um die Enkel oder die Bitte um Heilung in Krankheit zu lesen. „Wie kann man diesen Menschen was Ermutigendes, Gutes, Segensreiches tun“, überlegte Benjamin Sigg. Zusammen mit anderen initiierte er eine Segensbox, die in diesem Jahr noch an andere Stationen im Allgäu und in Oberschwaben „wandert“. So können sich die Gäste jederzeit willkommen und angesprochen fühlen.

Ein Blick in die Segensbox

Die Segensbox ist ein ansprechend gestalteter Holzkasten mit Kopfhörern und Touchscreen. Dort lassen sich Themen auswählen, die im Anliegenbuch der Autobahnkapelle immer wieder auftauchen. Wer auf „Weg & Reise“ tippt, kann die Stimme von Emma Böhringer hören. Die 22-Jährige war in Untersulmetingen bei Laupheim lange Ministrantin und übernahm für ein Jahr die geistliche Leitung der Ortsgruppe der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB). Im Rahmen ihres Studiums „Nachhaltiges Regionalmanagement“ an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg führte sie ein Praktikum bei der „Kirche und Tourismus in Baden-Württemberg“ auch auf die Landesgartenschau in Wangen und zu Benjamin Sigg.

Dass sie einen ermutigenden Segenstext für Reisende schrieb, lag auf der Hand. „Die Aufnahme war wirklich lustig“, erinnert sich Emma Böhringer. Damit es in dem Altbau-Büro nicht so hallt, habe sie sich unter einen Fallschirm wie in ein Zelt gesetzt. Attraktiv an dem Angebot findet sie, dass es immer zur Verfügung stehe, auch wenn sonst niemand vor Ort sei. Es zeige, dass Kirche flexibel und präsent ist. „Ich denke, wir brauchen neue Formen und Ideen für die Zukunft der Kirche“, ist Emma Böhringer überzeugt, „da passt die Segensbox sehr gut dazu.“

BUNT! Schau mal, wie es gehen kann

Exkursionsreihe zu innovativen Orten der Seelsorge

Raus aus der eigenen Bubble, rein in Orte, wo was Neues probiert wird, wo es Erfahrungen mit Suchenden und mild Religiösen gibt, wo Vernetzungen passieren über die kirchlichen Grenzen hinaus und Menschen in ihrem Lebensumfeld und mit ihren Themen angesprochen werden. Neben dem „Netzwerk allgäusegen“ gibt es weitere Beispiele dafür, die die Exkursionsreihe BUNT! vorstellt.

Die Veranstaltung am 27. April in der Galluskapelle kann leider nicht stattfinden.

Weitere Nachrichten

Pilgern
Auf dem Archivbild steigen die jungen Männer die Treppen zur Weingartener Basilika hoch, deren Nordturm über die Klostermauer schaut.
Seit über 40 Jahren pilgern die angehenden Priester der Diözese mit ihren Begleitern vier Tage lang vom Großen Lautertal nach Oberschwaben.
Weiterlesen
Kirche der Zukunft
In einem großen Raum sitzen Menschen an Tischen oder stehen in Kleingruppen zusammen.
Die mittlere Führungsebene der Diözese Rottenburg-Stuttgart präsentiert einen ersten Zwischenstand für die geplanten 50 bis 80 neuen Einheiten.
Weiterlesen