Kirche der Zukunft

Kirchliche Gebäude zusammen (weiter-)entwickeln

Eine Hand zeigt auf einen Sicherungskasten, auf dem zu sehen ist, dass es ein evangelisches und ein katholisches Lichtkonzept gibt.

Viele der Einstellungen im Sicherungskasten sind in ökumenischer Absprache vorprogrammiert, das Licht kann jedoch katholisch oder evangelisch eingestellt werden. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Markus Waggershauser

Die evangelische und die katholische Kirche in Württemberg wollen künftig mehr Gebäude gemeinsam nutzen – auch mit kommunalen Partner:innen.

Voreingestellte evangelische und katholische Lichtszenen – was zunächst ungewöhnlich klingt, ist in der Kirche St. Martin in Biberach gelebter Alltag. Seit 1548 nutzen evangelische und katholische Christ:innen den Kirchenraum gemeinsam. Über die Jahrhunderte hinweg wurden tragfähige Lösungen für die Organisation, Finanzierung und Nutzung entwickelt. So gibt es neben einem evangelischen und katholischen Lichtkonzept eine evangelische und eine katholische Sakristei, einen evangelischen und einen katholischen Schaukasten, evangelische und katholische Gottesdienste – aber auch gemeinsame, ökumenische Feiern und Veranstaltungen.

Dieses Miteinander im Simultaneum werde sowohl von kirchlicher als auch von kommunaler Seite als Gewinn erlebt, fasste der evangelische Dekan Matthias Krack bei der digitalen Auftaktveranstaltung „Kirchliche Immobilien zusammen entwickeln“ am 22. April zusammen und machte damit deutlich, welches Potenzial in gemeinschaftlich genutzten Räumen liegt.

Auftaktveranstaltung für einen gemeinsamen Prozess

Die Simultankirche in Biberach war eines von verschiedenen Praxisbeispielen, die bei der Veranstaltung vorgestellt wurden. Über 100 Dekan:innen und Dekanatsreferent:innen, Bürgermeister:innen, Sprengelsprecher:innen und Bezirksvorsitzende nahmen als Vertreter:innen der Kommunen, evangelischen Kirchenbezirke und katholischen Dekanate teil. Initiiert hatten die Veranstaltung Ute Lachenauer, Leiterin des Immobilienprozesses „Oikos“ der evangelischen Landeskirche in Württemberg und Dr. Thomas Schwieren, Leiter des Schwesternprojekts „Räume für eine Kirche der Zukunft“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Vernetzung von Kirche und Kommune

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie kirchliche Gebäude künftig gemeinsam genutzt werden können, um weiterhin für die Menschen vor Ort da zu sein. Zu diesen kirchlichen Gebäuden gehören neben den Kirchen auch und vor allem Gemeindehäuser, Pfarrhäuser oder Gemeindezentren. 

Neben inhaltlichen Impulsen bot die Veranstaltung auch Raum für Austausch und erste Vernetzung – unter anderem in einer Art „Speed-Dating“, bei denen sich regionale Partner:innen aus Kirche und Kommune direkt kennenlernen konnten. Denn Ziel der Veranstaltung war es, dass die Teilnehmenden in ihrer Rolle als Multiplikator:innen frühzeitig miteinander ins Gespräch kommen und Perspektiven für eine künftig stärkere Zusammenarbeit entwickeln.

Große Herausforderungen – und neue Chancen

Beide christlichen Kirchen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: durch den Rückgang der Mitglieder werden auch die finanziellen Spielräume kleiner. Gleichzeitig wächst der Druck, Gebäude zu sanieren, um das Ziel der Klimaneutralität erreichen zu können. Denn viele der über 11.000 Immobilien im Besitz der evangelischen und katholischen Kirche in Württemberg sind sanierungsbedürftig, und nicht alle werden in Zukunft in ihrer bisherigen Form benötigt.

Vor diesem Hintergrund wurden bereits 2023 und 2024 die Transformationsprozesse „Oikos“ und „Räume für eine Kirche der Zukunft“ gestartet. Nach einer umfassenden Datenerhebung überlegen die Kirchengemeinden aktuell, welche ihrer Gebäude sie behalten, abgeben oder künftig gemeinsam mit Partner:innen nutzen möchten. „Zusammen ist mehr möglich“, betonten Dr. Thomas Schwieren und Ute Lachenauer immer wieder – und formulierten damit den Leitgedanken des gesamten Prozesses. 

Räume öffnen und gemeinsam gestalten

Kirchliche Gebäude sind weit mehr als reine Funktionsräume. „Sie sind Heimat und Orientierungspunkte für viele Menschen, nicht nur innerhalb der christlichen Gemeinden“, unterstrich Domkapitular Dr. Heinz Detlef Stäps, Leiter der Hauptabteilung VII – Glaubensfragen und Ökumene im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart in seinem Grußwort. Ziel von „Oikos“ und „Räume für eine Kirche der Zukunft“ ist es daher nicht, die oft ortsbildprägenden und zentral gelegenen Gebäude flächendeckend zu verkaufen oder aufzugeben. Vielmehr sollen sie als offene, gemeinwohlorientierte Orte, als „Orte des Dialogs und der Verständigung“ erhalten bleiben, die für alle Menschen zugänglich sind, so Ute Lachenauer. 

Bisher rein kirchliche Orte sollen gemeinsam weiterentwickelt werden, um sie zu erhalten und in Zukunft vielseitig und gut nutzen zu können. Entstehen soll dabei ein Netz kirchlicher Gebäude, das gemeinsam weiterentwickelt wird: ökumenisch, mit Kommunen und weiteren Partner:innen. Dieses Netz soll sicherstellen, dass auch in Zukunft in allen Gemeinden ein offenes Haus für Begegnung und Austausch zur Verfügung steht.

Kooperation als Schlüssel

Kooperationen spielen dabei eine zentrale Rolle: „Wenn wir unsere Kräfte bündeln, können Lösungen entstehen, die keine Kirche oder Kommune allein gefunden hätte“, sagte Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Dr. Jörg Schneider in seinem Grußwort. Auch aus kommunaler Sicht wird dieser Ansatz begrüßt. Luisa Pauge betonte stellvertretend für den Städte- und Gemeindetag die Chance, gemeinsam neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Beispiele zeigen: Geteilte Nutzung funktioniert

Erfahrungen aus bereits umgesetzten Projekten in und außerhalb Baden-Württembergs machen dabei deutlich, welches Potenzial in kooperativen Modellen liegt. Die geteilte Nutzung bringt mehr Leben in die Gebäude – wie beispielsweise das „Bunte Haus“ in Miesbach (Bayern) mit seinen ca. 300.000 Besucher:innen pro Jahr eindrucksvoll zeigt. Außerdem schafft die Nutzung Vielfalt, erhöht die Nutzungshäufigkeit und kann zur finanziellen Tragfähigkeit beitragen. Die Öffnung für weitere Akteur:innen wird dabei nicht als Kontrollverlust verstanden, sondern als neue Form der aktiven Gestaltung. Auch Leona Lynen unterstrich in ihrer Keynote am Beispiel des PFHAU in Greiffenberg (Brandenburg) dieses Potenzial. Sie zeigte auf, dass kirchliche Gebäude eine „immense gesellschaftliche Ressource“ sein können – als Orte der Begegnung, der Kultur und des gemeinschaftlichen Engagements.

Nächste Schritte in den Regionen

Die Auftaktveranstaltung markiert den Beginn eines weiterführenden Prozesses, der nun in die Regionen getragen werden soll. Im Herbst 2026 sind acht Regionentreffen geplant, bei denen lokale Akteur:innen konkrete Informationen und Tipps erhalten und anhand gelungener Beispiele sehen können, wie Partnerschaften ausgestaltet und gelebt werden können. Eingeladen sind dazu aus allen Kirchengemeinden beider Konfessionen sowie aus allen Kommunen Vertreter:innen, die bereits erste Ideen, konkrete Vorstellungen oder auch nur den Wunsch haben, vor Ort gemeinsam etwas zu entwickeln.   

„Das Momentum ist jetzt“, so Ute Lachenauer – denn die Thematik der kirchlichen Immobilien sei bei den Kirchengemeinden gesetzt, Ehrenamtliche und Hauptamtliche seien durch die beiden Projekte „Oikos“ und „Räume für eine Kirche der Zukunft“ vorbereitet. Gleichzeitig sei die aktuelle Phase eine zeitlich begrenzte Chance, so Dr. Thomas Schwieren. Jetzt gelte es, Partner:innen zu finden, Gespräche zu führen und konkrete Perspektiven zu entwickeln – immer mit dem Blick darauf, dass es vor Ort individuelle Lösungen braucht. Ziel ist es, bis zum Herbst konkrete Kooperationen anzubahnen und gemeinsam den nächsten Schritt gehen zu können.

„Wir sehen die Chance und Gelegenheit, in den nächsten Monaten und Jahren viele bunte Häuser aus dem kirchlichen Bestand zusammen mit verschiedenen Partner:innen zu entwickeln“, fasste Dr. Thomas Schwieren abschließend zusammen. 

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