Die Galluskapelle auf dem Winterberg oberhalb des Leutircher Ortsteils Tautenhofen ist weitsichtig. Zum 25-Jahr-Jubiläum des Rundbaus mit seiner speziellen Dachkonstruktion und der gläsernen Laterne darauf bot sich am Sonntag auf der einen Seite der Blick auf das Alpenpanorama, auf der anderen Seite auf Schloss Zeil inmitten der Allgäuer Hügellandschaft. Als der Förderverein Ende des letzten Jahrtausends das anspruchsvolle Vorhaben vor der Fertigstellung der Autobahn 96 realisierte, zeigten die Mitglieder Weitsicht auch in der Sache, wie der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in seiner Predigt betonte.
Kraftort für Reisende und Einheimische
In früheren Zeiten sei die Pfarrkirche die Heimat gewesen, in der sich das christliche Leben abspielte, erläuterte der Bischof. Heute suchten die Menschen Gott zunehmend unterwegs, wünschten Taufen am Fluss oder Trauungen im Grünen. Was die Allgäuer damals voraussahen, kannte bereits das biblische Volk Israel. Bis zum Bau des Tempels machte es seine Gotteserfahrungen immer unterwegs. Und auch der Tempel war ein Ziel für Pilger:innen. Dorthin brachten sie Dank, Freude, und ihre Sorgen mit - wie heutige Menschen auf den Winterberg. Bevor sie weiterziehen „nehmen sie ihren Stift in die Hand und beten“, fuhr Gohl fort. 20.000 Einträge im inzwischen 29. Anliegenbuch der Galluskapelle belegen dies eindrücklich.
Das Meerschweinchen und der Vater sollen gesund werden
Beispiele aus den Büchern der Jahre 2000 und 2025 wurden beim ökumenischen Jubiläumsgottesdienst als Fürbitten vorgetragen. Sie handelten von Frieden und Toleranz, von Trauer um Verstorbene sowie von Sorgen um sich selbst und um Angehörige. „Mache, dass mein Meerschweinchen und mein Vater gesund werden“, zitierte später auch Georg Zimmer die Zeilen eines Kindes. „Man beachte die Reihenfolge“, fügte er augenzwinkernd hinzu. Der Vorsitzende des Fördervereins Galluskapelle rief als Leutkircher Kirchengemeinderat 1993 einen ökumenischen Ausschuss ins Leben, der nicht nur diskutierte, sondern praktisch Zeichen setzen wollte.
Eine Idee war die Kapelle, die zur Jahrtausendwende an die Christianisierung des Allgäus durch Gallus und andere erinnern und zum Lückenschluss der A 96 bei Leutkirch fertig sein sollte. Dank des 1997 gegründeten Fördervereins war sie das auch, doch drohte kurz vorher der Rastplatz samt Zugangsweg dem Rotstift in Berlin zum Opfer zu fallen. Laut Zimmer rettete damals der baden-württembergische Verkehrsminister Ulrich Müller, der am Sonntag unter den Gästen weilte, die Situation. Ein unterstützendes Kuratorium sowie viele Spender:innen und Sponsor:innen machten den Bau möglich. Acht Kommunen aus der Umgebung finanzierten je eine der Säulen, auf denen die Dachkonstruktion ruht. Das Holz dafür steuerte das Haus Waldburg-Zeil bei.
Einheimische beleben den Allgäuer Petersdom
„Der Winterberg ist ein Ort, der für unsere Heimat prägend ist“, sagte Weihbischof Matthäus Karrer zu Beginn der Feier. Der gebürtige Allgäuer wurde zuvor als Stammgast begrüßt. Die Galluskapelle gehöre nicht nur zu den meistbesuchten Autobahnkirchen im Land, berichtete Karrer, sondern werde besonders stark auch von Einheimischen belebt. Wie der AlphornCHOR, der Kindergarten St. Silvester oder die Musikgruppe „Amicitia“ beim Jubiläumsgottesdienst sowie „die Steibisberger“ beim anschließenden Fest, bringen sich viele einzelne und Gruppen in das spirituelle und kulturelle Jahresprogramm ein.
Im Förderverein arbeiten die katholische und evangelische Kirchengemeinde sowie die Stadt Leutkirch von Anfang an eng zusammen. Zur Einweihung am 2. Juli 2000 zeigen die Fotos den inzwischen verstorbenen Rottenburger Domkapitular Prälat Franz Glaser und den Ulmer evangelischen Prälaten Gerhard Maier. Da letzterer erst ein Jahr später Landesbischof wurde, kam mit Gohl der erste in diesem Amt zum Allgäuer Petersdom. Diesen Titel verlieh Leutkirchs Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle der Kapelle, da ein Teil des Grundstücks einer Familie Peter gehörte. Der Rest ist städtisches Territorium. Passend zum spirituellen Kraftort versorgt direkt unterhalb ein Reservoir Leutkirch und die Region mit lebensspendendem Trinkwasser.













