„Mehr Kunst wagen“
Unter dem Motto „Mehr Kunst wagen“ referierte der Stuttgarter Kunst- und Kulturwissenschaftler Dr. Tobias Wall aus Stuttgart „Gedanken zur Rolle der Kunst in unübersichtlichen Zeiten“. Wall plädierte eindringlich dafür, den Kunst- und Kulturbereich „freizuhalten von jeglichen Dünkeln, Vorurteilen und Ideologien. Wir müssen ihn mit allen Mitteln als offenen freien Raum verteidigen, in dem alles gesagt und getan werden kann, ohne ideologische Maulsperre und Besserwisserei. Ein Raum, in dem echter Widerspruch und schmerzhafter Dissens als Qualität begriffen werden, ein Raum, in dem wir uns als freie Individuen treffen können, ohne voreinander Angst haben zu müssen.“
Soziale Dimension von Kunst
Einen kritischen Blick warf Wall auf die „Kunst als Distinktionsstrategie.“ Sie berge „die Gefahr der Bildung von Kunstblasen, die selbstbezogene Diskurse führen und damit, oft unbemerkt, den eigentlichen Wesenskern der Kunst, ihre Freiheit und Offenheit letztlich unterwandern.“ Die ästhetische Dimension stehe dabei immer in einer notwendigen Spannung zur sozialen Dimension von Kunst. „Als soziales Phänomen, als schlichter Anlass für Austausch und Begegnung von Menschen sollte die Kunst prinzipiell herrschaftsfrei, offen, demokratisch sein“, sagte der Kunstwissenschaftler. Ihm selbst sei in den letzten Jahren die soziale Macht der Kunst immer wichtiger geworden, dadurch habe er aber auch die Reibungen zu den ästhetischen Ansprüchen zu spüren bekommen.
Demokratie und Kunst aufeinander angewiesen
Grundsätzlich seien Demokratie und Kunst aufeinander angewiesen: „Kunst braucht einen demokratischen Rahmen, der die Freiheit und Gleichberechtigung der Individuen schützt. Gleichzeitig braucht Demokratie die Kunst. Denn die Kunst kreiert Räume, an denen der demokratische Wesenskern, das Prinzip der Freiheit und des kritischen Austausches ausgelebt wird“, erklärte Wall und folgerte: „Wer sich an der Kunst vergreift, vergeht sich an der Demokratie. Und umgekehrt: Wer die Kunst schützt und befördert, schützt und befördert die Demokratie.“ Der Demokratie und der Kunst gehe es zudem um einen Austausch, der nicht zu einem simplen Konsens führe – „einfache Wahrheiten sind sowohl in der Kunst als auch im demokratischen Diskurs verdächtig.“
Reger Austausch an den Tischgruppen
Integriert in den Vortrag von Wall wurde ein interaktiver Teil, bei dem die Teilnehmenden formulieren konnten, wie sich mehr Kunst wagen ließe, zudem konnten Wünsche an die Politik, die Kunst und an sich selbst als Bürgerinnen und Bürger konkretisiert werden. Dabei entstand ein reger Austausch an den Tischgruppen. Diese diskursive Einheit entspricht ganz der Intention des Aschermittwochs, an dem Künstlerinnen und Künstler untereinander kommunizieren und auch mit kirchlichen Vertretern in Dialog treten können.