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„Kritisches und visionäres Potenzial von Kunst und Religion“

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Dr. Tobias Wall, Dr. Ilonka Czerny und Bischof Dr. Klaus Krämer begrüßen sich beim Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Bild: Akademie/ Eppler

Bischof Krämer ruft beim Aschermittwoch der Künstler:innen dazu auf, die verfassungsrechtlich garantierten Freiräume von Kunst und Religion zu wahren.

Der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Klaus Krämer, hat in seiner Predigt am gestrigen Aschermittwoch (5.3.) an der Akademie Stuttgart-Hohenheim dazu aufgerufen, die verfassungsrechtlich garantierten Freiräume von Kunst und Religion zu wahren. „Diese Kultur der Freiheit macht den innersten Kern unserer freiheitlichen-demokratischen Rechts- und Gesellschaftsordnung aus. Sie zu schützen haben wir allen Grund – und leider auch Anlass genug“, erklärte Krämer. Der Kunst- und Kulturwissenschaftler Dr. Tobias Wall (Stuttgart) unterstrich beim traditionellen Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler, wie die Kunst und die Demokratie aufeinander angewiesen seien und rief dazu auf, „mehr Kunst zu wagen.“

Gute Kunst ist kritisch

„Der Mensch braucht geschützte Räume, in denen er sich frei entfalten kann, ohne Zwang, ohne den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen und ohne die Angst, Repressalien zu erleiden“, erklärte Krämer. Ein besonderes Wesensmerkmal von guter Kunst sei es, kritisch zu sein, auch gegenüber Kirche, Glaube und Religion - „das müssen wir aushalten und es tut uns gut, wenn uns immer wieder auch der Spiegel vorgehalten wird“, sagte der Bischof. Die Kunst werde so zur kritischen Zeitgenossin, „die nicht immer bequem und gefällig auftritt, aber doch zu denken gibt – gerade dort wo sie aneckt und fraglos geltende Plausibilitäten auf ihre Art in Frage stellt.“

Gemeinsamkeiten von Kunst und Religion

In seiner Predigt unterstrich Krämer zugleich die Gemeinsamkeiten von Kunst und Religion. Wie die Religion werde sich „gute und authentische Kunst“ niemals für politische Interessen instrumentalisieren lassen. Die Kunst müsse vielmehr im guten Sinn des Wortes zweck-frei bleiben, „um den Blick zu öffnen für eine neue Sicht auf die Wirklichkeit. Wie die Religion in prophetischer Weise Kritik zu üben hat, wo die Menschenwürde, wo grundlegende Werte eines gerechten Miteinanders auf dem Spiel stehen, kann die Kunst als kritische Zeitgenossin in der Vielfalt ihrer Gestaltungsmöglichkeiten auf Unstimmigkeiten aufmerksam machen“, erklärte der Bischof.

„Der Kontakt mit den Künstlern hat eine ganz lange Tradition in der Diözese. Dieser Kontakt ist auch in Bezug auf die aktuelle Situation wichtig, weil Kunst auf vielfache Weise der Gesellschaft und auch der Kirche den kritischen Spiegel vorhält. Kunst wirft neue Fragen auf und regt zu neuen und anregenden Sichtweisen auf. Wir leben in einer Zeit in der Kunst ein Medium sein kann, persönliche Erfahrungen mit Transzendenz erfahrbar zu machen und auch Spiritualität zu transportieren.“ Bischof Dr. Klaus Krämer

Neben diesem kritischen Potenzial verbinde die Kunst und die Religion eine „visionäre Kraft: Sie können den Blick dafür öffnen, dass sich unser Leben nicht in den aktuellen Problemen erschöpft, sondern in einem größeren Horizont steht, der über die Grenzen und Begrenztheiten unserer alltäglichen Lebenserfahrung hinausweist und dem Ganzen unserer Existenz Sinn und Bedeutung zu verleihen mag.“

„Mehr Kunst wagen“

Unter dem Motto „Mehr Kunst wagen“ referierte der Stuttgarter Kunst- und Kulturwissenschaftler Dr. Tobias Wall aus Stuttgart „Gedanken zur Rolle der Kunst in unübersichtlichen Zeiten“. Wall plädierte eindringlich dafür, den Kunst- und Kulturbereich „freizuhalten von jeglichen Dünkeln, Vorurteilen und Ideologien. Wir müssen ihn mit allen Mitteln als offenen freien Raum verteidigen, in dem alles gesagt und getan werden kann, ohne ideologische Maulsperre und Besserwisserei. Ein Raum, in dem echter Widerspruch und schmerzhafter Dissens als Qualität begriffen werden, ein Raum, in dem wir uns als freie Individuen treffen können, ohne voreinander Angst haben zu müssen.“

Soziale Dimension von Kunst

Einen kritischen Blick warf Wall auf die „Kunst als Distinktionsstrategie.“ Sie berge „die Gefahr der Bildung von Kunstblasen, die selbstbezogene Diskurse führen und damit, oft unbemerkt, den eigentlichen Wesenskern der Kunst, ihre Freiheit und Offenheit letztlich unterwandern.“ Die ästhetische Dimension stehe dabei immer in einer notwendigen Spannung zur sozialen Dimension von Kunst. „Als soziales Phänomen, als schlichter Anlass für Austausch und Begegnung von Menschen sollte die Kunst prinzipiell herrschaftsfrei, offen, demokratisch sein“, sagte der Kunstwissenschaftler. Ihm selbst sei in den letzten Jahren die soziale Macht der Kunst immer wichtiger geworden, dadurch habe er aber auch die Reibungen zu den ästhetischen Ansprüchen zu spüren bekommen.

Demokratie und Kunst aufeinander angewiesen

Grundsätzlich seien Demokratie und Kunst aufeinander angewiesen: „Kunst braucht einen demokratischen Rahmen, der die Freiheit und Gleichberechtigung der Individuen schützt. Gleichzeitig braucht Demokratie die Kunst. Denn die Kunst kreiert Räume, an denen der demokratische Wesenskern, das Prinzip der Freiheit und des kritischen Austausches ausgelebt wird“, erklärte Wall und folgerte: „Wer sich an der Kunst vergreift, vergeht sich an der Demokratie. Und umgekehrt: Wer die Kunst schützt und befördert, schützt und befördert die Demokratie.“ Der Demokratie und der Kunst gehe es zudem um einen Austausch, der nicht zu einem simplen Konsens führe – „einfache Wahrheiten sind sowohl in der Kunst als auch im demokratischen Diskurs verdächtig.“

Reger Austausch an den Tischgruppen

Integriert in den Vortrag von Wall wurde ein interaktiver Teil, bei dem die Teilnehmenden formulieren konnten, wie sich mehr Kunst wagen ließe, zudem konnten Wünsche an die Politik, die Kunst und an sich selbst als Bürgerinnen und Bürger konkretisiert werden. Dabei entstand ein reger Austausch an den Tischgruppen. Diese diskursive Einheit entspricht ganz der Intention des Aschermittwochs, an dem Künstlerinnen und Künstler untereinander kommunizieren und auch mit kirchlichen Vertretern in Dialog treten können.

Der Aschermittwoch der Künstler (und Künstlerinnen) ist eine von dem katholischen Schriftsteller und Diplomaten Paul Claudel nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris begründete Veranstaltung der römisch-katholischen Kirche. Sie findet jährlich zum Beginn der Fastenzeit in mehr als 100 Städten statt. In Stuttgart wurde die Veranstaltung durch Dr. Ilonka Czerny, Leiterin des Fachbereiches Kunst an der Diözese Rottenburg-Stuttgart, organisiert.

Stimmen der Gäste

Dr. Klaus Grabowski, Redakteur

„Kirche kann Kunst auf vielfache Weise fördern und es ist ein Fehler, sich nicht auch widerständige Kunst ins Haus zu holen. Am besten wäre es, die Kirche würde Kunst aufstellen, die die Kirche auch in Frage stellt – dann käme es auch zum Dialog. Bequeme Fragen führen nicht weiter!“

Dipl. Ing. Urban M. Kreuz, freier Architekt und Lichtplaner

„Als Repräsentantin in der Öffentlichkeit ist es wichtig, dass die Kirche Signale sendet. Mit dem Aschermittwoch der Künstler und Künstlerinnen zeigt sie die Wertschätzung für die Kunst und auch für die Vielschichtigkeit, Spiegelung und Reflexion der Kunst als solche.“

Johannes Koch, Kirchenrat für Kunst und Sakralraumberatung im Oberkirchenrat

„Kunst war früher die Magd, die darstellen durfte. Kunst ist aber mehr als nur eine Wahrheit, die gesetzt ist. Die Menschen verlieren aber gerade ihre Orientierung. Wenn es uns gelingt, kirchlicherseits zu erkennen, dass Kunst vielseitig sein muss, sich so weiten muss, dass feste Muster aufgebrochen werden, hilft die Kunst, den Menschen eine Orientierung zu geben und ihre Grundwerte wieder neu wahrzunehmen.“v