Was hören Sie, wenn Ihnen gesagt wird: „Lass Dir Zeit!”? Ist es ein Appell oder eine Ermutigung?
„Lass dir Zeit“ heißt für mich: horch hin, gib dem Resonanzraum zwischen Gott und Dir, aber auch zwischen Dir und den Menschen eine Zeit, um wahrzunehmen, was jetzt dran ist.
„Die Zeichen der Zeit zu erkennen“ wird im Orientierungstext des Synodalen Wegs als einer von sechs theologischen Orten beschrieben. Als Mitglied der Synodalversammlung habe ich mir diese Zeit sehr konkret genommen: Mittels digitaler Abstimmgeräte hatten wir zwei Minuten Zeit abzustimmen. Die erste Minute habe ich immer genutzt, um noch einmal in mich hineinzuhören: Was hat dieser Tagesordnungspunkt mit mir zu tun, mit der kirchlichen Welt, mit Gott – und wie stimme ich jetzt ab?
Eine weitere prägende Erfahrung habe ich im Stadtdekanatsrat gemacht: Wir haben die Sitzung alle halbe Stunde unterbrochen – selbst wenn ein:e Redner:in gerade mitten im Satz war – und eine halbe Minute Stille gehalten. Diese kurze Unterbrechung war eine positive Irritation. Spannend war: Die Sitzung wurde offensichtlich komprimierter, vertiefter. Solche kurzen Interventionen kann man, glaube ich, in jeder Sitzung einbauen – auch in verschiedenen Formen. Durch diese legitimen Unterbrechungen wird mir eine Möglichkeit gegeben, mich mit mir, mit Gott und den anderen bewusst zu verbinden.
Wir sind häufig sehr ergebnisorientiert, alles ist getaktet. „Lass Dir Zeit“ ist für mich deshalb auch eine Form, Verantwortung an Gott abzugeben: Ich lasse mir Zeit und ich lasse den anderen ihre Zeit und werde dadurch gelassener. Meine Erfahrung ist, dass eine halbe Minute oder eine Minute zwar lang sein kann, aber vor allem kostbar. Wenn ich mir, nachdem etwas gesagt wurde, bewusst Zeit lasse, bevor ich reagiere, höre ich aufmerksamer zu. Ich lausche zuerst bei mir selbst und kann dadurch den anderen besser zuhören und auch besser spüren, wann der richtige Moment da ist, meinen eigenen Punkt einzubringen.
Sr. Nicola Maria, Citypastoral im Haus der Katholischen Kirche, Stuttgart




