Bischof

Lebendige Vielfalt – im Glauben verbunden

Der Chor der Chaldäischen Gemeinde singt gemeinsam mit den Kindern für Bischof Dr. Klaus Krämer. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

Bischof Krämer feiert in der lebendigen Chaldäischen Gemeinde in Stuttgart-Rohracker Abendmahl. Die arabischen und aramäischen Texte werden auf Deutsch übersetzt. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling.

Bischof Dr. Klaus Krämer und Pfarrer Sizar Happe von der Chaldäischen Gemeinde Stuttgart feiern gemeinsam Gottesdienst nach chaldäischem Ritus.

Festlich erklingt das erste Lied des „Chors der Guten Hirten“ von der Empore herab. Die melodische Musik in aramäischer Sprache – einer der ältesten Sprachen der Welt – berührt tief. Sie schafft bereits während des feierlichen Einzugs von Bischof Krämer, Pfarrer Happe sowie der Subdiakon:innen und Ministrant:innen der Gemeinde eine besondere Atmosphäre von Vertrautheit und macht gleichzeitig neugierig auf einen Gottesdienst, der ursprünglicher ist, als der römisch-katholische. 

Ein Gottesdienst in vier Sprachen 

Am vergangenen Sonntag feierte Bischof Dr. Krämer von der Diözese Rottenburg-Stuttgart gemeinsam mit Pfarrer Happe von der Chaldäischen Gemeinde „Mar Shimon Bar Sabai“ in der Kirche St. Paulus in Stuttgart-Rohracker einen Gottesdienst nach chaldäischem Ritus in den Sprachen Chaldäisch, Aramäisch, Arabisch und Deutsch. Mystischer, traditioneller und in Teilen orientalischer geprägt, als der römisch-katholische Gottesdienst, war seine katholische Struktur dennoch klar erkennbar für alle, die zum ersten Mal einen chaldäischen Gottesdienst erlebten. Weihrauch erfüllte den Kirchenraum, während mal von der Empore, mal aus dem Altarraum Kirchengesänge in aramäischer Sprache erklangen. An der Wand über dem Altar übersetzte ein Beamer die teils gesungenen arabischen oder aramäischen Texte des Priesters und der Lektoren. 

Bischof Dr. Krämer mit dem Nordirak verbunden 

Als Ausdruck seiner Verbundenheit trug der Bischof die weiße Stola in der Farbe des Lichts, der Freude und der Auferstehung, die nur zu besonderen Festen und Feiertagen getragen wird. In seiner Predigt drückte Bischof Dr. Krämer seine große Freude über seinen Besuch in der Gemeinde aus. Über mehrere Jahre reiste Bischof Krämer in seiner Zeit als Nationaldirektor von missio in Aachen in den Norden Iraks und hatte immer wieder Kontakt zu dieser Region. 

Die meisten sind ehemalige Flüchtlinge 

Die etwa 3000 Gemeindemitglieder der größten Chaldäischen Gemeinde in Baden-Württemberg, stammen überwiegend aus dem von Gewalt, Bürgerkriegen und Terror gezeichneten Irak. Die meisten sind ehemalige Flüchtlinge. Younia Hilbert, gewählte Vorsitzende des Pastoralrats, Subdiakonin und Mesnerin in der chaldäischen Gemeinde, erklärt: “In den letzten Jahren sind jedoch auch Gläubige aus Syrien und der Türkei dazugekommen, sodass unsere Gemeinde heute internationaler geworden ist.“ 

Sehnsucht nach Frieden 

Gemeinsam sei allen Christen, so Bischof Krämer, die Sehnsucht nach Frieden. Er zog in seiner Predigt Parallelen zur Osterbotschaft von Papst Leo und ihre Wirkung auf den amerikanischen Präsidenten: „Wenn die Botschaft des Friedens eine solche Wirkung hat, dann erkennen wir, welche Kraft dahinter steckt.“ Diesen Weg des Friedens müsse keiner alleine gehen, weil uns der Auferstandene begleitet und stärkt, so der Bischof weiter. Am Ende des Gottesdienstes lobte Bischof Klaus Krämer die Vielfalt als großen Reichtum und dankte der Gemeinde: „Danke, dass Sie Ihre Traditionen auch hier leben, mit uns geeint im Glauben an den einen Gott.“ Es sei, besonders in schwierigen Zeiten wichtig, dass man füreinander bete und zusammenhalte. Pfarrer Sizar Happe dankte dem Bischof und versprach, für ihn zu beten: „Im Namen unserer Gemeinde sagen wir herzlich: vergelt´s Gott.“ 

Eine offene Atmosphäre 

Younia Hilbert beschreibt ihre Gemeinde als lebendig und vielfältig: „Menschen jeden Alters kommen hier zusammen, um Glauben und Gemeinschaft zu erleben. Es gibt viele Angebote – von Jugendgruppen über Ministrant:innen bis hin zum Chor und den verschiedenen Veranstaltungen. Was unsere Gemeinde besonders macht, ist das starke ehrenamtliche Engagement und die offene Atmosphäre, in der sich viele schnell zuhause fühlen.“ Der Großteil der Mitglieder lebt in Stuttgart und Umgebung. Einige kommen für den Gottesdienst am Sonntag aber auch aus Ludwigsburg, Heilbronn, Böblingen, Rottenburg oder sogar aus dem Schwarzwald. „Unser Einzugsgebiet reicht dadurch bis in den Raum Bodensee. Die meisten Menschen finden über persönliche Kontakte zu unserer Gemeinde in Rohracker. Uns ist wichtig, eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der sich neue Menschen schnell willkommen fühlen“, erklärt Younia Hilbert. 

Viele engagierte Kinder und Jugendliche 

Auffällig war der große Anteil an Kindern und Jugendlichen, die im Gottesdienst einen aktiven Part übernahmen. Die Fürbitten wurden von Jugendlichen auf aramäisch vorgetragen, zahlreiche Ministrant:innen assistierten, der Erwachsenenchor wurde zur Feier des besonderen Gottesdienstes von einem Teil der über 60 Katechesekinder aus der Gemeinde, von Ministranten sowie den Erstkommunionkinder unterstützt, die am Ende gemeinsam „Großer Gott, wir loben dich“ aus Freude über den hohen Gast aus Rottenburg sangen - in deutscher Sprache. 

Junge Menschen sind Zukunft der Kirche 

Pfarramtsekretärin Rasha Safar erklärt, warum es immer mehr junge Leute in der Gemeinde gibt: „Die Kinder kommen zuerst mit ihren Eltern, werden Ministrant:innen und gehen in den Kinderchor. Wenn sie dann 17 oder 18 Jahre alt sind, gehen sie einmal pro Monat in unseren Jugendtreff, wo sie zusammen beten, einen Kurzvortrag des Pfarrers hören aber auch an Gesprächsrunden, Grillabenden, Ausflügen und Reisen teilnehmen. Diese Treffen sind für junge Leute bis 35 Jahre und in der Gruppe sind über 60 junge Erwachsene. Bei uns sagt man: Die jungen Menschen sind die Zukunft der Kirche. Deshalb versuchen wir auch, die Jugendlichen mit ihren neuen Ideen in den Pastoralrat zu wählen,“ erklärt Rasha Safar. Younia Hilbert ergänzt: „Dass junge Menschen heute kritischer sind, erleben wir auch – aber das sehen wir positiv. Wir nehmen ihre Fragen ernst und schaffen Räume, in denen sie sich einbringen können. Das stärkt die Bindung zur Gemeinde deutlich. Uns ist besonders wichtig, dass die Jugendlichen nicht nur teilnehmen, sondern sich auch einbringen und Verantwortung übernehmen können – so werden sie aktiv Teil der Gemeinde. Ich sehe die Gemeinde als einen Ort, an dem Menschen nicht nur ihren Glauben leben, sondern auch echte Gemeinschaft erfahren können“. 

Gemeinsamer Glaube verbindet 

Ronny Tomayelda leitet in der Gemeinde die Jugendgruppe. 1999 flüchtete er aus dem Irak nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern, die in Deutschland geboren wurden, in Stuttgart und ist zufrieden. Manchmal empfindet er aber auch Sehnsucht nach seiner Heimat im Irak – wie viele andere in der Gemeinde auch: „Hier in der Gemeinde finden wir auch ein bisschen Heimat. Der gemeinsame Glaube hat uns hier zusammengebracht.“ 

Hintergrund - Wer sind die Chaldäischen Christen?

In Deutschland leben rund 20.000 chaldäische Christen, etwa ein Drittel davon in Baden-Württemberg. Die Chaldäische Gemeinde in Stuttgart gehört zu den bundesweit größten. Seit 2014 feiern die Chaldäischen Christen ihre Gottesdienste in ihrer Kirche St. Paulus in Rohracker. Fast alle Menschen in der Gemeinde sind Flüchtlinge aus dem Irak, Menschen, die Ihre Heimat, ihre Familien und ihr Hab und Gut aufgrund ihres christlichen Glaubens verloren haben.

Gottesdienst auf Aramäisch, der Sprache Jesu

Die Chaldäisch-Katholische Kirche ist eine seit 1552 mit Rom verbundene, aber eigenständige Ostkirche, deren Wurzeln bis in die Anfänge des Christentums zurückreichen. Sie feiert eine eigene Form des Gottesdienstes, erkennt aber den Primat des Papstes an. Ihre liturgische Sprache ist bis heute Aramäisch, die Sprache Jesu und eine der ältesten Sprachen der Welt. Ihr geistliches Oberhaupt mit dem Titel „Patriarch von Babylon“ hat seinen Sitz in Bagdad.

Christen im Irak unerwünscht

Von den rund zwei Millionen chaldäischen Christen leben heute nur noch etwa 400.000 in ihrem Ursprungsland Irak. Große Teile dieser Kirche sind durch Verfolgung und Vertreibung in alle Welt verstreut. Seit den Terrorangriffen des sogenannten „Islamischen Staates (IS)“ im Sommer 2014 sind hunderttausende Chaldäer als Vertriebene im nordirakischen Kurdistan untergekommen. Andere flohen nach Europa, Australien, Kanada und in die USA - primär aufgrund extremer Verfolgung, systematischer Diskriminierung, Entführungen und Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch islamistische Terrorgruppen wie den IS und anderer Milizen, die Christen als Ungläubige betrachten. Sie zerstören ihre Kirchen und beschlagnahmen ihre Häuser und Ländereien. Im Alltag sind Christen im Irak Ausbeutung und Korruption ausgesetzt.  

Seit 2026 ein neuer Patriarch

Als Patriarch von Bagdad war Kardinal Louis Raphaël Sako eine der wichtigsten christlichen Stimmen im Nahen Osten. Anfang 2026 hat Papst Leo XIV. den altersbedingten Rücktritt des 77-Jährigen angenommen. Sein Nachfolger als Oberhaupt der chaldäischen Kirche wurde Emil Shimoun Nona (58), Erzbischof von Australien und Neuseeland. Nonas Wahl erfolgte während der Synode der Chaldäer in Rom. Als Patriarch wählte er den Namen Paul III. Nona. Der gebürtige Iraker war ab 2010 Erzbischof von Mossul, 2015 wurde er Erzbischof im australischen Sydney.

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