Dekanat

Leiden und Leidenschaft in Wort und Melodie

Dr. Wolfgang Steffel deutet und spielt die Goldberg-Variationen. Foto: drs/Jerabek

„Nachfolge" als Schwerpunkt: Bachs Goldberg-Variationen als Weg des Menschen vor Gott nimmt das Dekanat Ehingen-Ulm zu Beginn des Jahres in den Blick.

Im gerade erschienenen Programm des Dekanat Ehingen-Ulm für das erste Halbjahr 2026 liegt der Schwerpunkt auf der Betrachtung des Lebens Jesu und der menschlichen Reaktionen darauf. Voraussetzung dazu sei eine innere Ruhe und Achtsamkeit, die viele Menschen heute nicht mehr finden können und zugleich vermissen, ist Dekanatsreferent Dr. Wolfgang Steffel überzeugt. Einen Zugang könne die Musik bieten. „Stille sein, gesammelt sein“: Dies erkannte Albert Schweitzer in besonderer Weise in der Musik von Johann Sebastian Bach, mit der das Dekanat die ersten Schritte ins neue Jahr geht. Gerade die Goldberg-Variationen erleben Hörerinnen und Hörer seit Generationen als besonders ausgeglichen und ausgleichend.

 

Bachs Goldberg-Variationen in geistlicher Deutung: Hybrid-Vortrag am Donnerstag, 15. Januar, 19 Uhr, im Saal des Bischof-Sproll-Hauses, Olgastr. 137 in Ulm:

Religiöse Anklänge in den Variationen gibt es zuhauf. Im quirligen Lieddurcheinander des Quodlibets Nr. 30 erkennen die Wissenschaftler nicht nur derbe Volkslieder, sondern auch die Choralmelodie „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ Dorfgasthaus und Kirche liegen hier nahe beieinander, wie im echten Leben: Erst die Mess, dann die Maß!

Die Nr. 24 klingt wie eine Pastorale, die an „Jesus bleibet meine Freude“ oder „Mache dich, mein Herze, rein“ erinnert. In der zehnminütigen 25sten Variante, die Wanda Landowska „Die schwarze Perle“ genannt hat, findet man sich plötzlich in der Welt der Matthäus-Passion wieder. Diese Weise gilt als eine der abgründig-tiefsten und traurigsten Weisen aus Bachs Feder in seinem gesamten Werk.

Die abstrakte Kontemplation, die viele Musiker beim Spielen empfinden, führt Wolfgang Steffel ins christlich Konkrete: Er interpretiert das ursprünglich für Cembalo geschriebene Werk als Weg des Menschen durch Freude und Leid an der Seite des leidenden Jesus. Die schreitenden Motive werden als hoffnungsvolle Pilgerschaft zwischen Himmel und Erde ausgelegt, in der sowohl die Leiblichkeit des Menschen vor Gott als auch seine Geistesweite wertgeschätzt werden. Leitend ist ein Wort, das Bach in seine Bibel an einer Stelle zur Tempelmusik eintrug: „Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.“

Die Goldberg-Variationen schrieb Bach (1685-1750) nach einer Anekdote für Johann Gottlieb Goldberg auf Wunsch dessen gräflichen Herren, „dass dieser dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“ Auf der sanften Mandoline klingt diese ursprünglich für Cembalo geschriebene Musik exquisit.

Ohne Anmeldung, Eintritt frei. Eine Teilnahme ist auch Online und per Telefon möglich. Zugangsdaten über das Dekanat Ehingen-Ulm, Telefon 0731/9206010 und dekanat.eu@drs.de

Die Goldberg-Variationen auf Mandoline solo: Konzertante Andacht am Sonntag, 25. Januar, 17 Uhr in der Ulmer Nikolauskapelle, Neue Str. 102.

Ein Stück für Cembalo auf Mandoline? Ein Hinweis zur Variation 19 in der Werkeinführung von Arnold Werner-Jensen ist Wasser auf die Mühlen dieses Wagnisses: Die Figurationen würden aufgrund der erstaunlichen Übereinstimmungen auf das Mandolinenständchen „Komm ans Fenster, mein Schatz“ in Mozarts Don Giovanni vorausweisen. So empfiehlt er für den Cembalisten hier den Lautenzug - und dies wird wiederum auf der Mandoline nachgeahmt, indem bei den Wiederholungen der rechte Handballen dämpfend auf die tieferen Saiten gelegt wird. Die Verwandtschaft im Zupfklang von Cembalo, Laute und Mandoline, die ja von der Lautenfamilie über die Barocklaute in die heute übliche neapolitanische Bauart in Geigenstimmung mündete, fügt sich so in frappierender Weise.

Schon zu Lebzeiten Bachs erkannten die Deuter seiner Musik, dass deren Annehmlichkeit sich aus der Verbindung und Abwechslung der Konsonanzen und Dissonanzen speist - ohne Verletzung der Harmonie. Gerade die traurigen Passagen brauchen die hellen, um wirken zu können. Dies gilt in besonderer Weise für die Goldberg-Variationen. Der Philosoph Emil Cioran sagt zu ihrer Wirkung: „Wir überlassen uns dem Echo, das sie in uns geweckt haben. Nichts existiert mehr, ausgenommen eine inhaltlose Überfülle, wohl die einzige Art, mit dem Höchsten in Berührung zu kommen.“ So wird das Konzert zur kontemplativen Andacht, in der die traurigen Moll-Variationen eine schmerzliche Hervorhebung erfahren und die helleren Stücke Osterlicht verbreiten.

Die Goldberg-Variationen spielt Wolfgang Steffel in einer eigenen Bearbeitung für Mandoline solo mit Impulsen zu seinem Konzept und zu seiner Nummernauswahl, die nur weniger Variationen entbehren wird.

Ohne Anmeldung. Eintritt frei. Infos über Telefon 0731/9206010, E-Mail: dekanat.eu@drs.de

An den Programmauftakt mit Vortrag und Konzert zu den Goldberg-Variationen als Weg des Menschen vor Gott und als Leidensgeschichte Jesu schließen sich weitere Angebote zum Themenfeld an:

Geistlicher Weg durch die Fastenzeit 2026 - Glauben im Spielraum der Nachfolge Jesu
Ein Begleitheft für die Tage vom Zweiten Fastensonntag (01.03.2026) bis zum Ostersonntag (05.04.2026) mit Impulsen für jeden Tag wird kostenlos per Post oder per Mail im PDF-Format zugeschickt. Anforderung des Begleitheftes über das Dekanat, Telefon 0731/9206010, E-Mail: dekanat.eu@drs.de.

  •  Hybride Einführung am Donnerstag, 26.02.2026, 19 Uhr, Bischof-Sproll-Haus, Olgastr. 137, Ulm: Lass ab vom Bösen und tue Gutes (Ps 34,15) - Die „Fuge“ als Spielraum für ein wohlwollendes Miteinander
  • Hybrider Abschluss am Dienstag, 31.03.2026, 19 Uhr, Bischof-Sproll-Haus, Olgastr. 137, Ulm: Suche Frieden und jage ihm nach(Ps 34,15) - Die „Fuge“ als Wunden, Risse und Luken der Hoffnung

Begleitbriefe sowie Link für Online-Teilnahme und Telefonnummer zum Mithören erhältlich über Telefon 0731/9206010, E-Mail: dekanat.eu@drs.de.

Cruzifixus etiam pro nobis - Die Kreuzigung in Messvertonungen verschiedener Epochen
Sonntag, 01.03.2026, 14.30 Uhr, Nikolauskapelle Ulm-Wiblingen (auf dem Friedhof)
Die expressivsten Vertonungen des Cruzifixus werden meditiert und geistlich gedeutet. Einen Schwerpunkt bilden Fassungen aus Venedig im 16. und 17. Jahrhundert. Organisten am Markusdom, wie Gabrieli, Monteverdi oder Cavalli sind zu hören.

Vita et imitatio Christi - Was die Lieblingsbücher des Ignatius über die Nachfolge Christi lehren
Hybrider Vortrag am Sonntag, 15.03.2026, 15 Uhr Kaffee und Kuchen, 15.30 Uhr Vortrag, Cursillohaus St. Jakobus, Kapellenberg 58, Oberdischingen.
Ignatius lernte auf dem Krankenbett entlang verschiedener Bücher, das Leben Jesu genauestens zu betrachten und dem Herrn nachzuspüren.

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