Betriebsseelsorge

Lichtblicke für jene, die schweren Herzens zur Arbeit gehen

Zur Jubiläumsfeier der Betriebsseelsorge in Ulm konnte Betriebsseelsorgerin Susanne Hirschberger ihre drei Vorgänger (von links) Michael Brugger, Werner Baur und Alfons Forster - hier in der Pfarrkirche Mariä Heimsuchung in Blaubeuren - begrüßen. Foto: drs/Jerabek

Mit einer Bustour zu „typischen Stätten“ ihrer täglichen Arbeit hat die Katholische Betriebsseelsorge in Ulm Jubiläum gefeiert.

Betriebliche Kontakte, seelsorgerische Gespräche, betriebliche und mobile Suchtkrankenhilfe, Konflikt- und Mobbing-Hilfe, Unterstützung für Selbsthilfegruppen, lokale Bündnisse und Netzwerke – die Arbeitsfelder der Betriebsseelsorge sind so vielfältig wie das Arbeitsleben selbst. Nah dran, oft an den berühmten „Rändern der Gesellschaft“, wo selbst Mindestlohn und Mindeststandards herausgefordert werden, sind Betriebsseelsorger unterwegs; manchmal wirken sie in gutem Einvernehmen mit Betriebsleitungen, manchmal mutet ihre Arbeit fast konspirativ an. Weil „die von der Kirche“ oft an Orte kommen, an denen Glaube und Religion auf den ersten Blick keine Rolle spielen, „eine Sehnsucht nach Sinn und Gemeinschaft im Leben aber umso größer ist“, wie Susanne Hirschberger beobachtet, hat die Ulmer Betriebsseelsorgerin einen Bus gechartert und das Jubiläum dorthin verlagert, „wo gekämpft, geweint, getröstet wird“, zu den Kolleginnen und Kollegen, um mit ihnen zu feiern.

Eine von drei Stationen dieser Jubiläums-Bustour – coronabedingt wurden aus dem zu feiernden halben Jahrhundert 55 Jahre – ist das Ulmer Uniklinikum. „Dieser riesige Betrieb, wo rund um die Uhr Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen damit beschäftigt sind, Gesundheit zu fördern, für Heilung zu sorgen und Menschen wieder ins Leben zurückzubringen“, sei auch ein Ort, „an dem sich die Widersprüche der bundesdeutschen Krankenhauspolitik abbilden und daraus resultierende Konflikte ausgetragen werden“, sagt Michael Brugger, der als ehemaliger Ulmer Betriebsseelsorger (2016 bis 2020) und Initiator des Pflegebündnisses die Begegnungen am Oberen Eselsberg moderiert.

Bleibende Aufgabe: Rechte und Würde von Menschen schützen

Die große Unterstützung, die das Personalrats-Team durch die Betriebsseelsorge immer wieder erfahre, etwa bei Gesprächen mit Mitarbeitenden, bei der Arbeit in der Betriebsgruppe und auch in Arbeitskämpfen, hebt Personalrätin Sonja Salaris hervor. Für die Klinikseelsorge unterstreicht Richard Münst das gemeinsame Wirken für die Menschen, das gemeinsame Hoffen auf Gottes Kraft, die gemeinsame Sehnsucht nach einer heileren, gerechteren und friedvolleren Welt. Wenn sich auch vieles verändert habe in 55 Jahren, „nicht verändert hat sich, dass die Rechte und die Würde von Menschen geschützt werden müssen“, so Münst.

Als Geschenk betrachtet es Susanne Hirschberger, dass drei ihrer Vorgänger, die die Betriebsseelsorge in Ulm geprägt haben, beim Jubiläum mit dabei sind. Es ist die älteste Dienststelle dieser Art in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Vor Michael Brugger war Alfons Forster neun Jahre in diesem Amt; „mit ihm verbinden wir den Kampf um Schlecker“, deren Zentrale in Ehingen war, aber etwa auch ein starkes Engagement in der betrieblichen Suchtkrankenhilfe, erzählt Susanne Hirschberger.

Vorbildlich und seit 1992 in diesem Bereich engagiert ist Firma Liebherr in Ehingen, die die Teilnehmenden der Bustour in ihrem Schulungszentrum willkommen heißt. Für das Suchthelfer-Team im Ehinger Werk berichtet Michaela Mangold über diese ehrenamtliche Arbeit, die immer mehr auch psychische Themen in den Blick nimmt, denn „Suchterkrankungen und psychische Themen lassen sich immer weniger voneinander trennen“, so die Sucht- und Sozialberaterin. Die Seminare, die die Betriebsseelsorge in diesem Bereich anbietet, und der Austausch mit den Seelsorgerinnen seien sehr wertvoll, denn einem guten Arbeitsumfeld und Mitarbeitern, denen es gut geht und die bei Problemen aller Art einen Ansprechpartner finden, werde große Aufmerksamkeit geschenkt.

Konflikte nicht gescheut

Unterwegs zur dritten Station würdigt Betriebsseelsorgerin Hirschberger ihren Vorvorvorgänger Werner Baur, der diesen Dienst von 1977 bis 2006 wie kaum ein anderer geprägt hat und der immer noch unzähligen Menschen in der Arbeitswelt zwischen Ulm und Saulgau in Erinnerung sei – vielen mit großer Dankbarkeit; anderen, weil er sich mit ihnen angelegt hat. „Das macht Betriebsseelsorge aus: auf der Seite der Arbeitnehmenden entschlossen zu kämpfen“, sagt Hirschberger.

Denen den Rücken zu stärken, die sich für die Belange der Arbeitnehmer einsetzen – den Betriebsräten –, sieht die Betriebsseelsorgerin als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Über Herausforderungen in diesem Amt, den Spagat zwischen Arbeit im Betrieb und Betriebsratstätigkeit, über Arbeitsverdichtung und Tarifkonflikte berichten zwei Betriebsratsmitglieder von Spohn + Burkhardt, einem Hersteller von Joysticks, Steuerständen und Widerständen in Blaubeuren. Weil man bei der Bustour auf dem Firmengelände offenbar nicht willkommen ist, gewährt die Seelsorgeeinheit Blautal Unterschlupf: Lisa Fluhr, die in der SE ihre Berufseinführung zur Gemeindereferentin absolviert, heißt die Teilnehmer der Jubiläumsfahrt in der Kirche Mariä Heimsuchung willkommen.

Hintergrund

Die Anfänge der Betriebsseelsorge in Ulm

Ein Dutzend Dienststellen unterhält die Katholische Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Angefangen hat es auf regionaler Ebene mit Redemptoristen-Patres in Ulm. Auf Betreiben des langjährigen Ulmer Volksbüroleiters Richard Hanslovsky – aus dem „Volksbüro“ wurde später die Dekanatsgeschäftsstelle – wurden 1970 zunächst zwei junge Patres, von 1971 bis 1976 dann Pater Alfred Sirch als Betriebsseelsorger in Ulm installiert.

Oberbürgermeister würdigt wertvolle Arbeit

„Kann man denn 55 Jahre Arbeit, die dadurch zustande kommt, dass es Menschen schlecht geht, feiern“, fragt Diakon Matthias Schneider, Leiter des Fachbereichs Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. - Ja. Weil es immer schwieriger werde, die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schützen, „müssen wir feiern und uns gegenseitig ermutigen“, sagt Schneider. „Ich möchte alle Betriebs- und Personalräte ermutigen, weiterzumachen und sich wieder zu stellen – und ich kann euch versprechen: Wir werden hinter euch stehen, weil wir dafür brennen. Und wir sind dankbar dafür, dass wir gemeinsam für eine bessere Welt in der Arbeitswelt kämpfen können.“ In seinen Dank schließt Schneider auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter als wichtige Kooperationspartner mit ein.

In einer Videobotschaft würdigt Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher die Arbeit der Katholischen Betriebsseelsorge. Einfühlsam, kompetent und zuverlässig begleite sie Menschen in schwierigen beruflichen Situationen und schaffe Lichtblicke für all jene, die jeden Tag schweren Herzens zur Arbeit gehen. Auch mit ihrer engagierten Netzwerkarbeit sorge sie dafür, dass die Arbeitswelt in Ulm menschlich bleibt. „Für dieses wertvolle Engagement möchte ich im Namen der Stadt Ulm und auch ganz persönlich von Herzen danke sagen“, so der OB.

Teil einer Kirche, die aktiv auf Menschen zugeht

Zuhören, moderieren, zur Seite stehen in schwierigen Situationen, etwa bei einem Todesfall eines Kollegen oder einer Kollegin – „das macht unsere Arbeit aus, die eine aufsuchende Arbeit ist“, betont Hirschberger. „Es war ein Wunsch von mir, die ganze Palette an Kontakten in Kontakt zu bringen – voneinander zu hören, miteinander zu reden und übereinander zu erfahren – in den hoffnungsvollen Begegnungen und im Engagement rund um die Arbeitswelt.“ Wichtig ist es der Betriebsseelsorgerin auch, von einem Busunternehmen chauffiert zu werden, in dem es einen Betriebsrat gibt.

Auf der Rückfahrt erinnert Susanne Hirschberger an Urgesteine der Betriebsseelsorgearbeit wie Paul Schobel und Wolfgang Gaugler. Dass man sich für diese Busfahrt zum Jubiläum entschieden habe, sei außerdem eine Hommage an die Erfindung der Fernfahrer-Seelsorge, die lange Zeit ein Schwerpunkt in Ulm war und derzeit besonders in Heilbronn angesiedelt ist. Aus fast allen Regionen und auch von der anderen Seite der Donau-Doppelstadt – Neu-Ulm gehört zum Bistum Augsburg – sind die Betriebsseelsorge-Kolleginnen und -Kollegen zum Jubiläum gekommen. Im Ulmer Gewerkschaftshaus, wo die DGB-Kreisvorsitzende und ver.di-Bezirksgeschäftsführerin Maria Winkler die Bustour-Teilnehmenden begrüßt, klingt die Feier aus.

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