Was will die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Prozess "Kirche der Zukunft" erreichen und wie sehen die Schritte dahin aus? Über den aktuellen Stand der grundlegenden Umstrukturierung ließen sich etwa 250 Delegierte am Freitag in der Ochsenhausener Basilika aus erster Hand informieren. Die Vertreter:innen der 208 katholischen Kirchengemeinden in Ulm, im Alb-Donau-Kreis und im Landkreis Biberach sowie der Mitarbeitenden in den Dekanaten Biberach und Ehingen-Ulm äußerten im Vorfeld und bei der Veranstaltung selbst ganz unterschiedliche Fragen, Ängste und Befürchtungen.
Verschiedene Verantwortliche des Bischöflichen Ordinariats gingen auf die Themen ein. Für Bischof Dr. Klaus Krämer, aber auch für Stefanie Oeben und Barbara Strifler von der Prozessleitung sind Beteiligung und Austausch für das Gelingen zentral. "Dann gewinnt der Prozess an Qualität und ergibt realistische Lösungen", resümierte der Bischof am Ende der zweistündigen Veranstaltung. Die neuen Strukturen sollen mehr Freiraum schaffen, um für die Menschen da zu sein, betonte Krämer. Die in der ganzen Diözese sehr gut besuchten Ostergottesdienste zeigten, dass viele in diesen unsicheren Zeiten nach Orientierung suchten.
Mehr Freiraum für die Seelsorge schaffen

Erste Vorschläge für neue Kirchengemeinden bis Anfang Mai
Dass die Seelsorge in den aktuellen, oft sehr kleinteiligen Verwaltungseinheiten - jede Kirchengemeinde ist eine selbstständige Körperschaft öffentlichen Rechts - schon allein finanziell nicht aufrechterhalten werden kann, erläuterte Barbara Strifler an konkreten Zahlen. Der Rückgang der Mitglieder durch die demografische Entwicklung werde durch Austritte und weniger Taufen verstärkt und wirke sich auf die Kirchensteuereinnahmen aus. Außerdem halbiere sich nach aktuellen Prognosen die Zahl der Pfarrer, Diakone sowie der Pastoral- und Gemeindereferent:innen bis zum Jahr 2040. Ende letzten Jahres votierte der Diözesanrat deshalb dafür, diözesanweit aus 1020 Pfarreien 50 bis 80 neue Kirchengemeinden zu bilden. Das soll den Verwaltungsaufwand reduzieren und das Pastorale Personal entlasten. Die Umstrukturierung wirkt sich auch auf die Dekanate und das Ordinariat aus.
Derzeit sondieren die Kirchengemeinden, wer sich mit wem zusammenschließen könnte. Erste Vorschläge sollen auch in den Dekanaten Ehingen-Ulm und Biberach bis zum 7. Mai vorliegen, die Entscheidung fällt Ende des Jahres. Danach haben die jeweiligen Kirchengemeinden drei Jahre Zeit, in einer Gründungsvereinbarung die organisatorische und inhaltliche Zusammenarbeit auszuhandeln. Im zuerst angestoßenen Prozessprogramm “Räume für eine Kirche der Zukunft” sind die 43 Seelsorgeeinheiten in den beiden Dekanaten im Moment dabei, 30 Prozent der nicht sakralen, kirchensteuerfinanzierten und beheizten Gebäudeflächen, die zukünftig nicht mehr benötigt werden, zu veräußern oder anders kostenneutral zu nutzen, um die verbleibenden 70 Prozent nachhaltig sanieren und weiterhin finanzieren zu können.
Kirchorte sollen eigenes Budget bekommen
Rückmeldungen zum Programm “Seelsorge in neuen Strukturen” zeigten, dass sich viele Kirchengemeinden um die Verteilung des Geldes sorgen, wenn ärmere und reichere Kirchengemeinden zusammengehen oder kleine ländliche Gemeinden mit der großen städtischen unionieren. Die Zweckbestimmung - beispielsweise von Spenden - bleibe erhalten, versicherte Bischof Krämer. Außerdem sollen die Kirchorte, also die bisherigen Kirchengemeinden und weitere inhaltlich ausgerichtete Einrichtungen, ein eigenes Budget bekommen und nicht „als Bittsteller“ auftreten müssen. Denn das kirchliche Leben werde weiterhin konkret vor Ort stattfinden. Andere Teilnehmende befürchten, dass immer mehr Aufgaben auf Ehrenamtliche abgewälzt werden, die jetzt schon am Limit sind. "Ehrenamt ist der Markenkern des Christentums", unterstrich Bischof Krämer. Das sei nicht zu bezahlen und auch nicht als Job zu verstehen, sondern lebe von der inneren Einstellung. Rolle des Hauptamts wird es künftig noch stärker sein, Ehrenamtliche zu unterstützen und zu begleiten.
Verena Ernst aus der Hauptabteilung Pastorale Konzeption sieht in den neuen großen Kirchengemeinden die Chance, sich gegenseitig zu entlasten, wenn nicht alle alles machen müssten. Zur Qualifikation der Leitung in der großen Einheit, für die es verschiedene Modelle gibt, der Einbindung der Jugend, die überall einbezogen ist, zur Verwaltung und zur rechtlichen Absicherung gingen weitere Wortmeldungen ein. Bei den noch im Prozess befindlichen Klärungen baten die Verantwortlichen darum, Ideen und Vorschläge einzuspeisen, um eine bestmögliche Lösung zu finden. Ziel sei, wie es auch Teilnehmende anmahnten, dass Kirche sichtbar und erfahrbar bleibt. "Das müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen", bekräftigte Bischof Krämer.
Die Regionalkonferenz in Ochsenhausen war nach Rottweil die zweite von insgesamt sieben Veranstaltungen dieses Formats in verschiedenen Teilen der Diözese.





