In Zeiten der Trauer fehlen oft die Worte. Dekanatsreferent Hans-Peter Mattes aus Tuttlingen und Trauerbegleiterin Ulrike Wolf aus Rottweil kennen das gut. Der 62-jährige Mattes war Klinikseelsorger, ist in der Notfallseelsorge des Landkreises Tuttlingen aktiv, initiierte mehrere Trauergruppen und engagiert sich mit Hand und Herz für das Hospiz beim Dreifaltigkeitsberg Spaichingen. „Für mich war Trauerarbeit immer ein Herzensanliegen und für uns als Kirche ist sie ungeheuer wichtig“, sagt Mattes, der 2025 sein 40-Jahr-Dienstjubiläum bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart begeht.
„Ich reiche Dir meine Hand"
Ehrlich sein und sagen: „Auch ich finde angesichts dieses Verlusts keine Worte“, sei im ersten Augenblick oft die einzig richtige Rückmeldung vom Umfeld an Hinterbliebene, gibt Wolf einen Blick in die Trauarbeit. Die 60-Jährige ist gelernte Krankenschwester für Intensiv- und Palliativpflege, ausgebildete Sozialarbeiterin und seit 2016 hauptamtlich in der kirchlichen Erwachsenenbildung tätig. Für die Dekanate Tuttlingen-Spaichingen und Rottweil hat sie seit 2019 eine 100-Prozent-Profilstelle für Trauerarbeit, die im vergangenen Sommer um fünf Jahre verlängert wurde.
„Alte Freunde ziehen sich zurück"
Ist der erste Schock überwunden, komme es darauf an, das Gefühl zu vermitteln, nicht alleine zu sein, sagt sie. Oft sei nicht nur der Verlust eines geliebten Menschen zu beklagen, auch das bisherige soziale Umfeld könne wegfallen, erklärt Wolf. „Alte Freunde ziehen sich zurück, meiden den Kontakt, weil sie der Situation nicht gewachsen sind, sie nicht aushalten." Dabei sei es gerade wichtig, immer wieder Kontakt mit Menschen in Trauer aufzunehmen und auch nicht beleidigt zu sein, wenn Hilfe einmal abgelehnt wird. „Immer wieder Angebote machen und nicht denken, ich muss sie oder ihn jetzt in Ruhe lassen. Betroffene brauchen das Signal: ‚Wir sind trotzdem da für Dich und Du darfst Dich uns anschließen‘“. Mattes nennt dafür das Bild der flach ausgestreckten und nach oben geöffneten Hand: „Ich reiche Dir meine Hand, in die Du Deine Hand hineinlegen darfst, wenn Du das möchtest.“
20 leckere Aufläufe vor der Tür
Im Gespräch komme meist rasch auch die Frage nach dem Glauben. „Es gibt Kraft zu wissen, dass der Verstorbene bei Gott und Jesus geborgen ist“, sagt Mattes. Gleich ob der Ort, an dem die Toten sich befinden als „der Himmel“, „ein Stern“ oder „die Ewigkeit“ gedacht werden: Beim Abschiednehmen und Verarbeiten helfe es vielen Menschen, etwas Greifbares zu haben; ein Kuscheltuch etwa, wie es den Sterbenden im Hospiz am Dreifaltigkeitsberg gegeben wird, und das die Angehörigen später oft mit nach Hause nehmen oder es dem Sarg beilegen. Wichtig sei auch, sich abzusprechen sagt Wolf und berichtet von dem Fall, bei dem eines Tages 20 leckere Aufläufe vor der Tür eines Witwers standen, die erst einmal auf viele verschiedene Tiefkühltruhen verteilt werden mussten, damit sie nicht verderben. „Alle haben reagiert und keiner hat sich getraut, nachzufragen, was eigentlich gebraucht wird“, fasst die Trauerbegleiterin zusammen. Dabei kennt Wolf auch Fälle, in denen es besser lief: Da gab es die Nachbarschaft, die bei der Witwe nachfragte, was sie am dringendsten benötigt und die dann für ein Jahr einen Hausmeisterdienst organisierte, inklusive Hecken schneiden im Sommer und Schnee schippen im Winter. „Das war für die Frau die beste Hilfe überhaupt.“ In einem anderen Fall tat sich ein Freundeskreis zusammen und versorgte einen alleinstehenden Mann für zwölf Monate mit reihum vorgekochtem Essen. Dabei wurde der Mann selbstverständlich gefragt, was er denn gerne wieder einmal auf den Teller bekommen möchte, und dann wurden die Aufgaben untereinander aufgeteilt. „Man hat sich Gedanken gemacht und geschaut, was brauchen die Leute tatsächlich. Solche Angebote sind so wertvoll, dass man sie nicht mit Gold aufwiegen kann“, weiß Wolf zu berichten.
„Trauerarbeit ist große Netzwerkarbeit"
Vom Schockzustand zu Beginn gehe es dann hinein in einen oft monatelangen Prozess, bis man so langsam in eine Art Alltag zurückkehrt: „Es gibt ganz viele Menschen, die begleiten wir über Monate und Jahre hinweg“, berichten Mattes und Wolf. „Ich habe viele Trauergruppen für unterschiedliche Zielgruppen aufgebaut“, sagt Wolf. Auch Mattes hat einige initiiert und er verweist auf eine „Trauergruppe für Angehörige nach Suizid“, die es seit 18 Jahren gibt und die er 13 Jahre begleitet hat und in der Teilnehmende schon einen Anfahrtsweg von 100 Kilometern in Kauf genommen hätten, um dabei zu sein. „Die Menschen sind dort so glücklich, andere zu treffen, die einen ganz ähnlichen Schicksalsschlag erlitten haben.“ Wertvoll sei in den Gruppen auch der Austausch zwischen Teilnehmenden, bei denen der Verlust einer geliebten Person unterschiedlich lange zurückliegt. So nehme man sich gegenseitig an der Hand, helfe sich weiter. „Trauerarbeit ist große Netzwerkarbeit, bei der sich die Menschen Selbsthilfe geben und das ist ein großes kostbares Geschenk“, berichtet Mattes.
„Fels in der Brandung“
Dabei seien Lösungen und Lösungswege immer individuell, knüpft Wolf an. Wenn für einige die Rückkehr in den Arbeitsalltag Erleichterung bringe, sei das keinesfalls bei allen Menschen so. „Da gibt es keine Regeln und kein Patentrezept“, befindet sie. Was dagegen auf jeden Fall für die Trauerarbeit benötigt wird, das seien schöne, atmosphärische Orte, an denen man zusammenkommen kann, setzt Mattes hinzu. Das könne genauso der Trauerstammtisch in einer Kneipe sein, wie auch der Raum in einer Kirche, einem Gemeindehaus oder einem Hospiz. In vielen Kirchengemeinden gebe es mittlerweile Trauercafés, die ohne Anmeldung besucht werden können. „Das sind Orte, an denen Trauernde sich austauschen und in einer Gemeinschaft Halt finden", erklärt Mattes. Auch das Trauerpilgern habe sich als wertvolle Methode etabliert. „Da hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan und Gutes ist entstanden.“ Wolf hebt auch hervor, dass immer mehr Menschen interessiert seien, ehrenamtlich als Trauerbegleiter:in tätig zu werden. Die würden von den Trauernden oft als „Fels in der Brandung“ wahrgenommen: Anteilnehmend, aber nicht mitleidend und das erlaube es ihnen, zu reagieren. Dabei seien die benötigten Hilfen oft ganz praktischer Natur: Wie beantrage ich eine Rente, wo bekomme ich Rechtsberatung, wie kann ich mich schützen und was kann ich tun, wenn Schulden da sind – das seien nur einige der Dinge, die schnell auf den Tisch kommen können.
Eine mitmenschlichere Gesellschaft
„Unsere Ausbildungskurse für Trauerbegleiter:innen sind gut besucht, und das zeigt, dass viele bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen." Und genau darin liegt für Wolf und Mattes der Schlüssel: Eine offene Trauerkultur zu entwickeln, sei eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen. „Viele Menschen haben Angst vor dem Thema, aber je mehr es in den Alltag integriert wird, desto selbstverständlicher wird der Umgang damit", sagt Wolf. Beide sind sich einig: Eine Gesellschaft, die Raum für Trauer lässt, ist eine mitmenschlichere Gesellschaft.




