Zu allen Zeiten, besonders in höchster Not, wandten und wenden sich Menschen an Maria als Fürsprecherin bei Gott - vielerorts und auch in Wiblingen, wo Mitglieder der Kirchengemeinde St. Martin während des Zweiten Weltkriegs ein Gelübde ablegten: dass, wenn Wiblingen verschont würde, hier im Mai eine Maiandacht gehalten werde mit der Bitte um Frieden. - Wiblingen wurde kampflos durch französische Truppen eingenommen.
Maria, der Königin des Friedens, wie sie in der Lauretanischen Litanei angerufen wird, gilt diese Maiandacht, die auch 80 Jahre nach Ende des Krieges in Wiblingen abgehalten wird. Denn „dieses Gebet braucht auch unsere Zeit, auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria, der Königin des Friedens“, wie Dekan Ulrich Kloos unterstreicht. Nach dem Krieg waren es Politiker wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide De Gasperi, die aus dem Glauben heraus Politik gestalteten und mit der europäischen Einigung das vielleicht wichtigste europäische Friedensprojekt auf den Weg brachten. Auch heute sei es wichtig, „dass Menschen aus dem Glauben heraus Politik machen, mit christlichen Werten wie dem Respekt vor dem menschlichen Leben“.
Politik allein kann den Frieden nicht herstellen
Gleichwohl könne Politik allein den Frieden nicht herstellen, räumte Manuel Hagel in seiner Maipredigt ein, „aber sie kann ihn vorbereiten. Sie kann ihn strukturieren, schützen, ermutigen.“ Doch wo können Politiker, die ja Vorbilder seien - „ob sie es wollen oder nicht“ - ihrerseits Maß nehmen für ihr Handeln? Da biete sich der Blick auf Maria geradezu an - „nicht als Heiligenstatue aus Marmor, sondern als menschliche Frau mit Rückgrat“.
In politisch schwierigen Zeiten habe Maria „den Frieden in ihrem Herzen nach außen getragen, sie hat Frieden gelebt“: durch Vertrauen (weil sie Gott zutraut, dass er es gut macht, als sie erfährt, dass sie Mutter des Erlösers wird); durch Annahme (weil sie versteht, dass auch das vermeintlich Unperfekte seinen Platz und seine Größe bei Gott hat); durch Fürsorge (weil sie leise, aber mit Wirkung für andere eintritt, etwa bei der Hochzeit in Kana); durch Treue (weil sie nicht flieht, sondern bleibt, als ihr Sohn gefoltert, verspottet und getötet wird). „Und genau das braucht unsere Gesellschaft heute: Menschen, die Ja sagen – zu Verantwortung, zu Wahrheit, zu Versöhnung“, sagte Hagel. Beispielhaft in heutiger Zeit sei etwa der ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsunterkunft, „der sich vielleicht täglich beschimpfen lassen muss, für das, was er tut – und trotzdem hingeht“, oder die Lehrerin, die mit Jugendlichen über Werte spricht, obwohl das viele für vergebliche Mühe hielten. Und auch die Politikerinnen und Politiker seien gefragt: „nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit klarer Haltung. Wir dürfen nicht zulassen, dass Angst stärker ist als Vernunft; dass Spaltung stärker ist als Zusammenhalt.“
Frieden fängt im Kleinen an
Konkret bedeute das für politisch Verantwortliche, dass Politik aus dem Menschenbild heraus gestaltet werde, das sich an der Würde jedes Einzelnen orientiert - im Einsatz für Gerechtigkeit, Chancen und Teilhabe; im Bemühen um Versöhnung und einen respektvollen Ton (denn Frieden beginnt auch mit der Sprache); in der Bereitschaft zum Kompromiss; im Streben nach Sicherheit, die nicht nur aus Polizei und Verteidigung bestehe, sondern auch Prävention, Integration und internationale Partnerschaft bedeute. Auch gelte es, den religiösen Beitrag zu achten, denn Religion sei per se keine Gefahr für den Frieden, sondern eine Quelle der Versöhnung.
Letztlich fange Frieden bei jedem Einzelnen an, ganz im Kleinen - mit Hoffnung und Zuversicht: Zuhören lernen, denn „wer zuhört, entwaffnet“; die Meinung des anderen respektieren, auch wenn man sie nicht teilt; Verantwortung übernehmen, denn Frieden braucht Beteiligung. Gerade Christen dürften und sollten auch den Unterschied machen, was Sprache, Ton und innere Haltung betrifft. Und dann gelte es, „auch das Gespräch mit denen suchen, die wir lieber meiden würden“.
Maria als Inbegriff des Friedens mitten im Chaos
„Manchmal erscheint das Bild von Maria süßlich und frömmelnd“, so Hagel weiter, „aber wenn wir auf die konkreten Situationen schauen, dann ist da ganz harte Realität.“ Maria sei nicht der Inbegriff der Weltflucht, „sondern der Inbegriff des Friedens mitten im Chaos. Sie schreit nicht gegen das Unrecht – sie lebt das Recht. Sie demonstriert nicht gegen die Finsternis – sie trägt das Licht. Sie ist der Inbegriff dessen, was wir heute dringend brauchen: eine innere Stärke, die dem Frieden ein Gesicht und eine Hand gibt“, sagte Hagel. „Und genau das ist unser Auftrag – als Christinnen und Christen, als politisch denkende Menschen, als Gesellschaft.“




