Seelsorge

Mit mehr Miteinander die Zukunft meistern

Wo drückt der Schuh? Aktuelle Themen und Herausforderungen in ihren Gemeinden diskutierten ehrenamtliche Mandatsträger aus den muttersprachlichen Gemeinden beim ersten Diözesanforum in Ulm. Foto: drs/Jerabek

Sich begegnen, Fragen stellen, diözesane Planungen kennenlernen – darum ging es beim ersten Diözesanforum der Katholiken anderer Muttersprache in Ulm.

Ecclesia est una, aber in ihrer Vielfalt führt der Weg zu Gott für viele Katholikinnen und Katholiken über die Sprache des Herzens: Jezik moga srca je hrvatski - Preferisco pregare in italiano - Najlepiej potrafię modlić się po polsku ... Die rund 100 muttersprachlichen Gemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart tragen diesem Bedürfnis Rechnung. In den Anfang 2023 zunächst probeweise eingesetzten „Foren der Katholiken anderer Muttersprache“ tauschen sich vor allem ehrenamtliche Mandatsträger aus und beraten Themen, die in die Arbeit des Diözesanrats einfließen. „In erster Linie zuzuhören, das aufzunehmen, was Sie in den Regionalforen erarbeitet haben, welche Fragen Sie mitbringen und welche Anfragen auch an diözesane Projekte, Perspektiven und Planungen Sie haben“, so beschrieb Weihbischof Matthäus Karrer die Rolle der Diözesanleitung beim ersten Diözesanforum der Katholiken anderer Muttersprache.

Vor allem die „Räume für eine Kirche der Zukunft“, auch mit Blick auf knapper werdende Finanzen, und die damit verbundenen Strukturveränderungen, die es zu gestalten gilt, beschäftigen die verschiedenen Gremien der Diözese. Die Sedisvakanz, in der keine grundlegenden Entscheidungen getroffen werden können, sei eine gute Zeit, „zu hören und miteinander im Gespräch zu sein, um manches vorzuüberlegen“, sagte Karrer, der die Forumsteilnehmer auch im Namen von Diözesanadministrator Dr. Clemens Stroppel begrüßte. Jeweils zwei Mal haben sich Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden für Katholiken anderer Muttersprache (GKaM) im vergangenen Jahr auf regionaler Ebene getroffen; jetzt wurden die Ergebnisse präsentiert.

„Wir müssen uns treffen, dass wir uns verstehen“

Von knappen Räumlichkeiten für die Arbeit der muttersprachlichen Gemeinden berichteten zum Beispiel Tomislav Antunovic und Robert Cupic aus der Region Mitte, zu der mehr als die Hälfte der GKaMs der Diözese gehören. Wie sich die verfügbaren Räume gemeinsam verwalten lassen, sei eine zentrale Frage, die mit Blick auf den anstehenden Gebäudereduktionsprozess zur Erreichung der langfristigen Klimaziele der Diözese zusätzliche Bedeutung erhält. Die Digitalisierung biete hier Lösungsansätze, etwa wenn durch eine App die Raumkapazitäten einer Seelsorgeeinheit jederzeit transparent angezeigt würden und abrufbar wären, so die Vertreter der GKaMs.

Von sehr ähnlichen Ergebnissen berichtete Richard Bojdol aus der Region Nord. Muttersprachliche Gemeinden seien sich dessen bewusst, dass in Zukunft noch mehr Offenheit und Flexibilität nötig sei, um die Herausforderungen zu meistern. Orga-Teams in der Seelsorgeeinheit könnten Absprachen auf persönlicher Ebene verbessern. „Wir müssen uns treffen, dass wir uns verstehen.“ Dann seien auch Interessenkonflikte mit den Belegenheitsgemeinden lösbar.

Ein Zukunftsausschuss für jede Seelsorgeeinheit

Weil man in Zukunft enger zusammenrücken müsse, wird nach den Worten von Weihbischof Karrer künftig mehr und engere Kommunikation nötig sein. Die verschiedenen Gemeinden in den Seelsorgeeinheiten müssten verstehen, „wir sitzen in einem Boot“. „Wir empfehlen, in jeder Seelsorgeeinheit einen Zukunftsausschuss zu bilden, der Raumfragen miteinander klärt – und da gehören Sie rein mit Ihren Bedarfen“, sagte Karrer. Bei der Gestaltung der Räume für eine Kirche der Zukunft gelte es, den Horizont zu weiten und andere Nutzer in die Räume mit einzubeziehen. Bei den anstehenden Regionalkonferenzen, die sich dieser Zukunftsfrage widmen, gehörten die gewählten Vorsitzenden der muttersprachlichen Gemeinden selbstverständlich zum eingeladenen Personenkreis, erinnerte Cäcilia Riedißer, die in der Hauptabteilung IV für den Gebäudeprozess zuständig ist.

Um Kommunikation, Wahrnehmung und Wertschätzung, sowohl innerhalb der GKaMs als auch im Miteinander mit der Belegenheitsgemeinde, ging es in einer Gruppenarbeit, die unter Federführung von Zoran Nikolic und Jelena Kristic (Region Süd) sowie Romina Karolewski und Ika Pavlovic (Region West) stand. Neben Beispielen guter Kooperation klang im Gespräch immer wieder der Wunsch an, nicht Bittsteller sein zu müssen, sondern in der Belegenheitsgemeinde auf Augenhöhe wahrgenommen und behandelt zu werden. Wenn die Belegenheitsgemeinde zum Beispiel bei der frühzeitigen Buchung von Räumen fürs Patrozinium der GKaM keine verlässliche Zusage geben wolle, weil „vielleicht noch was dazwischenkommt“, zeuge das nicht von gleichberechtigter Partnerschaft.

Die Vielfalt an Spiritualitäten wahrnehmen

Mancherorts müssten Katholiken, die sich zum muttersprachlichen Gottesdienst treffen, aber ohne eigene GKaM sind, für die anschließende Nutzung von Gemeinderäumen zahlen, bedauerte ein Seelsorger. „Manchmal fühlen wir uns als B-Gemeinde“, brachte es ein Forumsteilnehmer auf den Punkt. Auch in der Sichtbarkeit der muttersprachlichen Gemeinden, etwa auf der Webseite der Seelsorgeeinheit, sei mancherorts noch Luft nach oben. Dass für einen Außenstehenden gleich sichtbar wird: hier ist eine Seelsorgeeinheit, zu deren Profil es gehört, dass sie mehrsprachig und facettenreich ist – dieses Bild sei noch nicht überall erreicht, sagte Alessandra Claß, die das Forum moderierte. Es gelte, auch die Vielfalt an Spiritualitäten, selbst wenn sie (vermeintlich) „konservativ“ oder „traditionell“ seien, wahrzunehmen und zu respektieren, hieß es in einem anderen Redebeitrag.

Nach den Erkenntnissen des Pastoraltheologen Professor Bernd Hillebrand ist ein gutes Verhältnis zwischen den Pfarrern bzw. dem pastoralen Personal von muttersprachlicher und deutscher Gemeinde wesentlich für eine gute Kooperation insgesamt. In einer Studie der Katholischen Hochschule Freiburg in Kooperation mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat Hillebrand bestehende Richtlinien für die interkulturelle Pastoral evaluiert und dabei Bedarfe, Visionen und Partizipation muttersprachlicher Katholiken und ihrer Gemeinden in den Blick genommen. Ein Symbol für eine gute Beziehung sei zum Beispiel die Frage: Haben wir einen Schlüssel zu den Räumen?

In der Herzenssprache Gottesdienst feiern

Für die Belebung des Gemeinsamen Ausschuss in den Seelsorgeeinheiten warb Domkapitular Holger Winterholer; dies sei ein gutes Forum, um im Gespräch zu bleiben. Dass das geforderte „Zusammenrücken“ in den SE‘s auch ganz konkrete Ursachen hat, machte der Leiter der Hauptabteilung V „Pastorales Personal" an der immer schwierigeren Personalsituation fest. Sinkende Katholikenzahlen und Kirchensteuereinnahmen, besonders aber auch das Fehlen von Priestern werde auch zu mehr Vakanzen bei den GKaMs führen, kündigte Winterholer an.

Immer wieder machten Forumsteilnehmer deutlich, dass die GKaMs kein Auslaufmodell sind. Selbst in Zeiten, in denen viele muttersprachliche Katholiken bereits in Deutschland geboren sind und beide Sprachen beherrschen, sei es „trotzdem etwas anderes, in der Herzenssprache Gottesdienst zu feiern“, sagte eine junge Kroatin. Potenziale verschiedener Spiritualitäten zu entdecken, sei eine Aufgabe und Chance, der sich die deutschen Gemeinden stellen sollten, fand auch Professor Hillebrand, Leiter des Instituts für Pastoraltheologie und -psychologie an der Universität Graz. Er plädierte dafür, in der gegenwärtigen Transformation auch eine große Chance zu sehen, „dass wir lernen, wieder mit der Unverfügbarkeit Gottes zu rechnen, also dass wir als Organisation nicht alles im Griff haben und nicht über die Gläubigen verfügen können, sondern dass wir stärker den Raum eröffnen müssen für Gnade". Weniger die Frage, „wie optimieren wir uns", als das Eingeständnis dieser Unverfügbarkeit, führe wieder mehr zurück zum Evangelium.

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