Interview

Mit Mose durch die Glut des Mittags

Sonnenblumen kämpfen sich aus dem Mauerwerk. Viel Anstrengung ist auch nötig, um Glaube wieder zum Blühen zu bringen. Dekan Ulrich Kloos wirbt dafür, bei allen Veränderungsdebatten in der Kirche die geistliche Komponente nicht aus den Augen zu verlieren. Foto: Steffel

Mit Blick auf den Zukunftsprozess der katholischen Kirche in Ulm wirbt Dekan Ulrich Kloos dafür, sich auch geistlich auf Veränderungen einzustellen.

Nicht nur vor dem Hintergrund des Synodalen Weges gewinnt die Frage nach der Zukunft der Kirche besondere Aktualität. Die sechs Seelsorgeeinheiten im Stadtgebiet Ulm haben angesichts veränderter gesellschaftlicher Realitäten einen Entwicklungsprozess gestartet, um auch mit absehbar weniger Personal- und Finanzressourcen die Menschen in der zweitgrößten Stadt in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Evangelium zu erreichen. Seit anderthalb Jahren wird im Rahmen dieses Prozesses ein grundlegendes Zukunftsbild entwickelt, wie sich die katholische Kirche Ulm 2030 aufstellen wird.

Im Vergleich zur Ausgangslage, in der man sich als „noch gut aufgestellt“ sieht, erwartet die Gesamtkirchengemeinde bis 2030 zum Beispiel einen Rückgang bei pastoralen Mitarbeitern inklusive Pfarrer auf 50 Prozent. Mit Blick auf den bislang eher mühsamen Verlauf des Entwicklungsprozesses, durch den eigentlich die Perspektive in den 19 Einzelgemeinden verändert, Synergien ausgelotet und Präferenzen gesetzt werden sollen, erinnert Dekan Ulrich Kloos im Interview an die geistliche Dimension dieses Projekts.

Herr Dekan, seit einiger Zeit mahnen Sie einen neuen Umgang mit Veränderungen an. Fehlt es noch immer am Bewusstsein, dass massive Veränderungen kommen, oder worum geht es Ihnen da?

Wir wissen nicht genau, wie schnell sie kommen und was genau zu tun ist, aber wir merken, dass Veränderungen anstehen: einerseits durch äußere Faktoren, dass wir weniger Personal werden; andererseits, dass viele sagen, es gibt einen Reformstau, es muss anders werden. Auch von meinem eigenen Kräftebudget merke ich: es geht alles nicht mehr so weiter. Mein Punkt ist: Ich spüre, dass wir uns schwer tun mit Veränderungen, dass sie oft Angst auslösen. Deswegen sage ich: Wir müssen Veränderungsprozesse auch geistlich gestalten, also zum Beispiel Bibeltexte suchen, die uns helfen, mit Veränderungen umzugehen. Ich möchte, dass wir das auch als geistliche Aufgabe annehmen und dadurch anders auf Veränderungen zugehen. So eine Auftaktveranstaltung wie kürzlich zur Transformation der Wengenkirche als Citykirche für unsere Zeit machen Mut, einfach neu zu denken. Solche Aufbruchstimmung brauchen wir.

Im Dekanat wird viel darüber gesprochen, ob es zu viel Strategie und zu wenig Besinnung gibt, zu viel Struktur und zu wenig Offenheit auf Gott hin. Woran machen Sie Ihre Beobachtung fest? Und wie könnte ein stärkerer geistlicher Fokus denn aussehen?

Ich sehe, dass wir eine Vielzahl kleinteiliger, komplizierter Entscheidungs- und Gremienstrukturen in der Gesamtkirchengemeinde haben, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Und manchmal finde ich schon, dass Entscheidungen zu sehr in festgelegten Strukturen gefällt werden, und frage mich: Sind alle in unseren Strukturen überhaupt repräsentiert? Wir müssen weiter und größer denken. Wir müssen eine andere Brille aufsetzen als die, die nur auf das Eigene schaut. Wenn die Manpower weniger wird, muss man überlegen: Was kann man mit den vorhandenen Kräften und Ideen selber leisten und wo müssen wir über unsere Strukturen hinausdenken?

Zum Beispiel?

Es stehen konkret spürbare Veränderungen auch in Ulm an, mit der Vakanz im Ulmer Westen: Drei Personen in Folge gehen in den Ruhestand und es werden 1,6 Stellen davon wieder besetzt. Wir sind innerhalb der Stadt aufgerufen, Lösungen zu suchen, wie man die Zeit der Vakanz auffangen und stemmen kann. Da reicht das Denken innerhalb einer Seelsorgeeinheit für sich allein nicht mehr aus, da müssen wir als Stadt zusammen denken: Wo gibt es Kapazitäten und Ressourcen? Wer kann da etwas helfen?

Wie kann bei einem solchen Problem eine geistliche Herangehensweise denn aussehen?

Es geht ja darum, dass wir uns nicht immer von Verlustängsten treiben lassen, also davon, was wir – vielleicht – verlieren. Und da ist Mose ist für mich eine gute Gestalt, die ich als Begleiter mitnehmen kann.

Wie war das doch gleich mit dem Mose?

Mose lässt sich von Gott rufen; er sieht, dass das Volk Israel an vielen Dingen leidet: an harter Arbeit, Überforderung, Überlastung, Knechtung. So wie wir heute, wo es in der Kirche ganz viele Probleme gibt, Dinge, die uns bedrücken, auch das öffentliche Image. Mose lässt sich am brennenden Dornbusch von Gott ansprechen, um eine riesige Veränderung im Volk Israel auf den Weg zu bringen, eine neue Perspektive zu eröffnen, um der bedrückenden Situation in Ägypten ein Ende zu bereiten und sein Volk davon zu befreien. Das Wichtigste ist ihm die Zusage Gottes: Ich bin da! Ich geh mit euch mit!

Sind denn die Situationen wirklich vergleichbar?

Spannend ist, was jetzt kommt: Mose führt sein Volk in die Freiheit, aber viele wollen lieber in den alten Strukturen bleiben, bei den Fleischtöpfen Ägyptens. Manche sagen: Wir möchten das haben, was wir kennen; das hat uns zwar nicht gutgetan, aber das kennen wir. – Natürlich nehme ich Ängste ernst, aber dabei dürfen wir nicht stehen bleiben, sondern müssen weitergehen, Schritt für Schritt. So wie Mose: er führt sein Volk auf den Berg Nebo und lässt es ins verheißene Land blicken. Auf einmal dreht sich die Stimmung, der Blick weitet sich und das Volk geht voller Freude in das verheißene Land. – Das brauchen wir auch, diesen Geist der Veränderung! Das ist ein Spannungsbogen mit Blick auf Veränderungen, der uns vielleicht begleiten könnte, damit wir da einen positiven Blick auf etwas Neues kriegen.

Wo ist der Berg Nebo in Ulm? Wie kriegen Sie das Volk weg von den Fleischtöpfen des Weiter-so?

Mit kleinen Schritten. Wichtig ist, dass wir überhaupt vorwärtskommen. Bei den Olympischen Spielen 1972 gab es eine Künstlermeile; ein Künstler ist jeden Tag 42,2 Kilometer, einen Marathon, in einem großen Laufrad – zwei Meter hoch – gelaufen, abends ausgestiegen und hat gerufen: „Jetzt bin ich keinen Meter weiter"… Es geht darum, dass man nicht der Aktivität willen schneller läuft, sondern dass man wohl überlegt: Wo sind Punkte, wo wir etwas gemeinsam machen können. Deshalb auch diese Mühen, in einem Zukunftsprozess zu finden, wie es richtig geht und was leistbar ist. Wichtig ist, dass wir uns nicht überfordern, sondern Schritt für Schritt weitergehen. Das ist auch eine geistliche Haltung.

Beim Synodalen Weg hat sich gezeigt, dass sich verschiedene Positionen oft unversöhnlich gegenüberstehen. Wie kann es gelingen, beim Veränderungsprozess in Ulm alle Menschen mitzunehmen?

Das sind eben die Haltungen, die wir einüben müssen, und von denen die Langsamkeit, das Schritt-für-Schritt-Gehen, nur eine ist. In seinem Buch „Der Nachmittag des Christentums“ sieht der tschechische Theologe Tomáš Halík das Christentum und die katholische Kirche gerade voll in der Glut des Mittags: es geht heiß her. Was macht der Italiener – im Gegensatz zum Touristen oft – in der Glut des Mittags? Er macht er Siesta, um Kräfte zu sammeln, innere Klarheit zu bekommen, und um dann entschieden und  gestärkt in die Arbeit des späteren Nachmittags und Abends zu gehen. Als Belohnung winkt ein gutes, gemeinsames Abendessen bis in die Nacht. – Wenn man geistlich versucht, mit Veränderungen umzugehen, braucht es also auch die Haltung der Stille: das auf Gott Hören, um zu erkennen, auf was es eigentlich ankommt. Wichtig ist doch, dass das Evangelium gelebt und verkündet wird. Dann die Haltung des „Gut-reden“. Der heilige Ignatius sieht das als ein wichtiges Üben an, dass wir gut miteinander und übereinander reden. Dass wir lernen, nicht immer nur zu jammern, sondern einen positiven Blick kriegen wie das Volk Israel auf dem Berg Nebo: Auf was gehen wir eigentlich zu?

Langsamkeit, Stille, „Gut-reden“ – diese drei Haltungen sehen manche zum Beispiel beim Synodalen Weg noch nicht so recht verwirklicht. Was gibt Ihnen Zuversicht, dass das im Ulmer Zukunftsprozess gelingen könnte?

Indem wir es einüben: üben, üben üben… Es ist ein Übungsweg. Das gibt mir die Hoffnung, dass da etwas passieren kann, was man allein mit Strukturdebatten nicht leisten kann.

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