Weltfrauentag

Mit Sitz und Stimme

Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Constanze Stark

Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Constanze Stark

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März haben wir mit der ersten Ordinariatsrätin der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Therese Wieland, gesprochen.

Ein Foto. 12 Männer und eine Frau, Therese Wieland. Die erste Ordinariatsrätin der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die erste Frau in einem Männer-dominierten Gremium. Mit Sitz und vor allem mit Stimme. Das Bild zeigt die Sitzung des Bischöflichen Ordinariats in der personellen Zusammensetzung am 1. September 1992.

Die erste Ordianriatsrätin der westlichen Diözesen

„Die Herren hat es am Anfang schon gestört. Aber mir hat das nichts ausgemacht.“ Als Therese Wieland am 1. Mai 1992 von Walter Kasper, von 1989 bis 1999 Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, zur Ordinariatsrätin ernannt wurde, gab es für sie nur eine Bedingung: „Die Kollegen, die Herren, müssen mich akzeptieren“.

In dieser Zeit war sie die erste Frau in einer katholischen Kirchenleitung in Westdeutschland. „Bischof Kasper hat damals ein Zeichen gesetzt, indem er eine Frau in das höchste Gremium berufen hat. Mit Sitz und mit Stimme“. Da es bisher nur in den ehemaligen DDR-Diözesen solche Posten mit Frauen besetzt wurden, war es ein richtiger Fortschritt und ein Zeichen, dass auch in die Nachbardiözesen getragen werden sollte. „Auf meinen Dienstreisen und Terminen habe ich die Bischöfe immer wieder angefragt. Leider bekam ich immer nur die Antwort: Frau Wieland, zu uns passt einfach keine Frau. Zum Glück hat sich das heute geändert.“

Von Frauenkommission bis zum Diakonat der Frau

Die Frauen in der Kirche sichtbarer zu machen, war der ehemaligen Schulrätin schon immer ein Anliegen. Vor allem deren Leistung in der Kirche. „Man muss aber den Arbeitgeber Kirche und das Amt in der Kirche voneinander unterscheiden. Beim Arbeitgeber Kirche haben Frauen viele Chancen. Ich habe in meiner Zeit als Ordinariatsrätin mit vielen tollen Pastoralreferentinnen und Gemeindereferentinnen zusammenarbeiten dürfen.“

Mit dem Antrag einer Frauenkommission 1992 – damals die erste ihrer Art in Deutschland – hat sie sich als Vorsitzende für die Aufklärungsarbeit in Bezug auf Benachteiligung der Frauen in Kirche und Gesellschaft eingesetzt. „Wir wollten damals eine soziologische Studie, um festzustellen, welche Chancen studierte Frauen im Ordinariat haben“ erzählt Wieland. „Und dann haben wir noch den Antrag für das Diakonat der Frau gestellt. Da ist Bischof Kasper dann schon etwas nervös geworden.“ Dennoch habe er ihr freie Hand gelassen und der Antrag wurde von Professor Peter Hünermann geschrieben. „Der Antrag sollte auch für die anderen Diözese zugänglich sein, aber leider liegt die Thematik immer noch brach.“

Zur Person

Therese Wieland wurde am 26. Oktober 1938 in Frankfurt am Main geboren. Frau Wieland ist Witwe und Mutter von inzwischen drei erwachsenen Kindern. Sie absolvierte ein Lehramtsstudium und erwarb die Lehrbefähigung für die Fächer Sport und katholische Religion an Volks- und Realschulen. 1984 war sie Rektorin der Grundschule Schwabschule in Stuttgart.

1986 wurde sie von Bischof Georg Moser als Schulrätin im kirchlichen Dienst für die Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen im Bereich des staatlichen Schulrates Stuttgart eingesetzt. Am 2. Mai 1992 wurde sie von Bischof Walter Kasper zur Ordinariatsrätin ernannt und leitete die Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 1989 bis 2014 war sie ehrenamtliche Vorsitzende des katholischen Sozialdienstes e.V. Stuttgart. Seit November 2003 befindet sie sich im Ruhestand.

Im Einsatz für andere Frauen

Als ehrenamtliche Vorsitzende des katholischen Sozialdienstes e.V. Stuttgart (SkF) hat sie sich für die Arbeit des Vereins stark gemacht und wollte die vielen Ehrenamtlichen sichtbar machen. „Als ich 1989 zur Vorsitzenden gewählt wurde, fand ich den SkF interessant. Gleichzeitig war ich traurig, dass niemand die Arbeit wirklich kannte, obwohl es den SkF schon seit 1903 gibt.“

Der SkF ist ein selbstständig eingetragener Frauenverein in Stuttgart, ein Fachverband im Caritasverband. Er bietet professionelle Hilfe für Frauen, Kinder, Jugendliche und Familien. Zusätzlich gib es noch die Stiftung FrauenLEBEN, die von Therese Wieland 2012 gegründet wurde. „Da die Frauenstiftung über den Sozialdienst der katholischen Frauen lief, hat uns für viele Projekte das Geld gefehlt. Dann kam der Vorschlag, eine Stiftung zu gründen“, erzählt Wieland. „Es war nicht jeder begeistern.“ Zu den zahlreichen Projekten zählen mittlerweile ein Mutter-Kind-Heim, ein Jugend- und Kinderheim sowie die Schwangerschaftsberatung. „Familienbedingt war es auch mein Wunsch, zwei Gruppen für essgestörte Frauen zu gründen“, sagt Wieland. „Wir sind mit Anfragen überrumpelt worden, sodass wir auch eine Gruppe für Mädchen mit Essstörungen gegründet haben. Beide sind voll bis oben hin“.

Mittlerweile ist Therese Wieland im Ruhestand und hat sich weitestgehend von ihren Ämtern zurückgezogen. Als Mutter von drei erwachsenen Kindern, davon auch eine Tochter, bleibt das Thema Frauen und deren Platz in der Gesellschaft weiterhin präsent. „Ich bin in einer anderen Generation aufgewachsen“, sagt Wieland. „Als katholische Frau mit drei Kindern passte ich nicht immer überall rein. Aber heute haben Frauen jede Chance, sie müssen sie nur ergreifen.“

Auszeichnungen und Urkunden

Ein Auszug

2001: Bundesverdienstkreuz am Bande

2009: Ehrenzeichen in Gold, Deutscher Caritasverband und Diözesan-Caritasverband

2014: Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg

2018: Dame des Silvesterordens (Päpstlicher Orden)

Der Sozialdienst katholischer Frauen e.V.

der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Der Frauenverein wurde 1903 von Mathilde von Dellingshausen gegründet. Der SkF Stuttgart bietet professionelle Hilfe für Frauen, Kinder, Jugendliche und Familien sowie Beratung und Unterstützung in Betreuungsangelegenheiten nach dem Betreuungsgesetz. Zu den Einrichtungen gehört mitunter das Kinder- und Familienzentrum Paulusstift im Stuttgarter Osten sowie die Kinder- und Jugendhilfe in Neuhausen.

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